«Das ist eine einmalige Chance»
28.12.2023 Brennpunkt, Schule, FricktalDie geplante Mittelschule in Stein soll im Fricktal fest verankert sein – dafür setzt sich Gründungsrektorin Katrin Brupbacher ein. Sie hat im August ihre Arbeit aufgenommen. Die neue Schule wird im August 2025 in einem Provisorium starten. Der Neubau soll 2029 bezogen werden.
...Die geplante Mittelschule in Stein soll im Fricktal fest verankert sein – dafür setzt sich Gründungsrektorin Katrin Brupbacher ein. Sie hat im August ihre Arbeit aufgenommen. Die neue Schule wird im August 2025 in einem Provisorium starten. Der Neubau soll 2029 bezogen werden.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Brupbacher, Sie sind Rektorin einer Schule, die erst entsteht. Ist das ein Traumjob für Sie?
Katrin Brupbacher: Ja, sonst hätte ich mich nicht auf die Stellenausschreibung beworben. Ich sehe es als einmalige Chance im Leben, eine Schule von Grund auf aufzubauen. Ich habe mir immer wieder überlegt, wie es wäre, wenn man eine Schule auf der grünen Wiese planen könnte. Und voilà: In Stein gibt es eine grüne Wiese, auf der gerade der Winterweizen spriesst und dort wird eine neue Schule entstehen.
Stichwort grüne Wiese: Was reizt Sie an der Aufgabe, eine neue Schule zu planen und zu realisieren?
Mich reizt vor allem, ein Kollegium zu bilden, das die Bereitschaft hat, die grüne Wiese zu bespielen und zu bepflanzen. Häufig sind Schulen in einem Veränderungsprozess, hier ist es aber anders, hier geht es um einen Aufbauprozess. Dafür braucht es einen bestimmten Typ von Leuten, sowohl bei den Lehrerinnen und Lehrern als auch beim Betriebspersonal. Es gibt keine bestehenden Prozesse, alles muss aufgebaut werden. Die Mittelschule im Fricktal wird für alle etwas Neues sein, nicht nur für mich als Rektorin. Es leisten alle Beteiligten Pionierarbeit, denn im Aargau ist seit rund 50 Jahren keine Mittelschule mehr gegründet worden.
Wie stark können Sie als Gründungsrektorin die neue Schule prägen?
Wir werden die siebte Mittelschule im Aargau sein. Natürlich gibt es klare Vorgaben seitens des Kantons im Bereich Stundentafel und Lehrpläne. Der Gestaltungsraum besteht vor allem in der Schulkultur und bei speziellen Unterrichtsgefässen wie zum Beispiel Projekt- und Vertiefungswochen. Das ist etwas, das Schülerinnen und Schülern häufig lange in Erinnerung bleibt. Das projektartige Arbeiten wird je länger, desto wichtiger auf der gymnasialen Stufe. Ich kann mich an eine Projekt woche u nter dem Motto «Schwarz» in meiner Gymi-Zeit erinnern. Wir haben uns damals mit orthodoxen Juden in Zürich auseinandergesetzt. Das waren prägende Erfahrungen.
Was ist Ihre Vision für die neue Mittelschule im Fricktal?
Unser Ziel ist, eine Schule zu schaffen, die in ihrem Umfeld fest verankert ist. Ich sehe das Fricktal als interessante Region im Spannungsfeld zwischen ländlich und städtisch. Die Grenznähe und die Entwicklung des Sisslerfelds sind spannende Themen, die wir hoffentlich im Unterricht aufnehmen können. Wirtschaftlich gesehen sind in Stein und dem Sisslerfeld Pharma, Life Science und Chemie wichtige Branchen. Das legt für die Schule nahe, ein Standbein in den naturwissenschaftlichen Fächern zu haben. Ich kann mir auch eine Zusammenarbeit mit den ansässigen Firmen vorstellen, zum Beispiel in den Bereichen Mini-Praktika oder Matura-Arbeiten.
Sie wollen die Schule in der Region verankern. Was ist dafür nötig?
Damit die Schule im Fricktal verankert sein wird, braucht es ein Kontaktnetz in die verschiedensten Bereiche. Aktuell bauen wir unser Kontaktnetz zu verschiedenen Akteuren im Fricktal auf, zum Beispiel zu den Oberstufen-Schulen. Das ist eine grosse Chance für beide Seiten. Die Schule soll auch von einer lebendigen Schulkultur geprägt sein, die nach innen und aussen wirkt: musikalisch, künstlerisch, mit Projekten, die lebensnah das angeeignete Wissen und Können präsentieren. Neben den bewährten Unterrichtsformen und einem guten «Betriebsklima» braucht es Offenheit für neue Lehr- und Lernformen, die vielleicht aus dem üblichen Raster der 45-Minuten-Lektionen ausbrechen.
Aber mal ehrlich: Bis vor kurzem haben Sie das Fricktal nicht gekannt, oder?
Als begeisterte Velofahrerin kenne ich das Fricktal schon lange. Ich bin im Zürcher Unterland aufgewachsen und habe die Rheinstrecke häufig unter die Räder genommen. Als Lehrerin an der Alten Kantonsschule Aarau hatte ich auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler aus dem Fricktal. Ich kenne das Bergwerk in Herznach und den Jurapark. Ich kann aber nicht behaupten, dass das Fricktal meine zweite Heimat ist.
«Ich hoffe, das Fricktal freut sich auf die Schule»
2025 wird das Provisorium bezogen, 2029 der Neubau
Mit der Mittelschule Fricktal entsteht ein neuer Bildungstreffpunkt in Stein. Gründungsrektorin Katrin Brupbacher rechnet damit, dass die Schule eine neue Dynamik auslösen wird.
Valentin Zumsteg
NFZ: Frau Brupbacher, Sie wohnen mit Ihrer Familie in Zürich. Haben Sie vor, ins Fricktal zu ziehen?
Katrin Brupbacher: Der Lebensmittelpunkt meiner Familie ist in Zürich – Teenager lassen sich nicht so einfach verpflanzen. Die Zugverbindung von Zürich nach Stein ist so gut, dass ich das Pendeln auf mich nehmen werde.
Das Fricktal hatte bislang keine eigene Mittelschule. Welche Chancen bietet die Schule für die Region?
Es entsteht ein neuer Bildungstreffpunkt im Fricktal. Es ist ja schon lange ein Wunsch des Fricktals, eine eigene Mittelschule zu bekommen. Ich hoffe, das Fricktal freut sich auf die Schule. Sie bietet die Chance, eine Lücke im Bereich Sekundarstufe II zu schliessen, damit ist auch für die Fricktaler Jugendlichen der Übergang von der Aargauer Oberstufe an eine Aargauer Mittelschule abgestimmt.
Im unteren Fricktal sind nicht alle begeistert, dass die neue Schule in Stein angesiedelt wird. Einige Eltern und Jugendliche würden es vorziehen, wenn die Fricktaler weiterhin die Mittelschulen in Baselland und Basel-Stadt besuchen könnten. Verstehen Sie diese Haltung?
Ja, das verstehe ich. Die Lösung, die es bisher mit Baselland und Basel-Stadt gab, war sehr gut – gerade aus jugendlicher Perspektive ist ein Schulbesuch in einer Stadt attraktiv. In Zukunft haben die beiden Kantone aber keinen Platz mehr für ausserkantonale Schülerinnen und Schüler. Deswegen braucht es eine neue Lösung: die Kantonsschule Stein. Wir hoffen, dass wir alle Fricktaler für die neue Schule gewinnen können. Das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.
Stein ist ein Dorf mit aktuell rund 3500 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wie wird die Mittelschule die Gemeinde verändern?
Die Schülerinnen und Schüler, die neu in Stein die Mittelschule besuchen, werden die Gemeinde sicher verändern. Im ersten Jahr sind es täglich rund 120 Schülerinnen und Schüler, die nach Stein kommen, im zweiten Jahr 240 und am Ende des Provisoriums 500. Nach dem Bezug des Neubaus im August 2029 wird die Schule weiter anwachsen auf knapp 1000 Jugendliche, welche die Mittelschule besuchen. Es wird den Bildungsstandort aufwerten. Das Ziel ist, dass die Schule zusammen mit dem Entwicklungsschwerpunkt Sisslerfeld wächst. Das wird eine neue Dynamik geben. Ich glaube, das ist attraktiv für die Gemeinde, auch als Wohnort.
Beschäftigen Sie sich als Gründungsrektorin mit der Frage, wie die Schülerinnen und Schüler vom Bahnhof zur neuen Schule kommen werden?
Das ist eine Frage, welche vor allem die kantonalen Verkehrsplaner zusammen mit der Gemeinde Stein beschäftigt. Ich bin aber informiert und bringe unsere Anliegen ein.
Im Juni 2023 ist der Halbstunden-Takt der S-Bahn zwischen Stein und Laufenburg vom Aargauer Stimmvolk abgelehnt worden. Haben Sie gehofft, dass es ein Ja gibt?
Ja, ich glaube, das wäre vorausschauend gewesen.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Gemeindevertretern?
Sehr gut, wir werden sehr unterstützt. Wir bauen die Zusammenarbeit weiter aus, zum Beispiel mit der Primarschule Stein.
Die neue Mittelschule beginnt in einem Provisorium. Erschwert dies die Aufgabe?
Im Moment ist das Volumen an Sitzungen, die mit dem Thema Bauen zu tun haben, sehr gross. Es ist wichtig, dass die Sicht der künftigen Nutzer des Schulgebäudes in die Planung einf liesst. Teilweise müssen wir die Arbeit doppelt machen, weil wir zuerst für das Provisorium planen und danach für den Neubau. Ziel ist aber, dass im Provisorium quasi der Nucleus der neuen Schule entsteht, der laufend ausgebaut werden kann.
Abgesehen von Baufragen, womit sind Sie derzeit am meisten beschäftigt?
Ein grosser Teil der Arbeit ist das Vorbereiten der Personalgewinnung. Mit Benedikt Erhardt konnten wir bereits einen Prorektor anstellen, der mich unterstützt. Zu Beginn hat er jetzt ein kleines Pensum von 20 Prozent, das ausgebaut wird. Die ersten Stellen für Lehrpersonen werden wir auf Beginn des zweiten Quartals 2024 ausschreiben. In kleinen Pensen werden diese Lehrpersonen als Projekt team den pädagog ischen Auf bau begleiten. Der Unterricht beginnt dann im August 2025 im Provisorium. Es wäre super, wenn wir ein Lehrerkollegium bilden könnten, in dem verschiedene Generationen vertreten sind: junge Uni-Abgänger ebenso wie erfahrene Lehrerinnen und Lehrer. Für das Projektteam suchen wir vor allem erfahrene Lehrpersonen. Wir brauchen Leute, die Pioniergeist mitbringen und bereit sind, über sich hinaus-zuwachsen.
Wird es schwierig sein, genügend Lehrerinnen und Lehrer zu finden?
Es wird Fächer geben, bei denen es schwierig werden dürfte – vor allem in Mathematik, Informatik und teilweise den Naturwissenschaften. Insgesamt werden wir zum Start des Provisoriums im Jahr 2025 rund 17 bis 18 Lehrpersonen einstellen können. Im zweiten Jahr werden es rund ein Drittel mehr sein. Beim Bezug des Neubaus im Jahr 2029 werden wir weiter auf 44 Abteilungen wachsen und im Vollausbau rund 100 Vollzeitstellen für Lehrpersonen besetzt haben, zusammen mit dem Betriebspersonal werden rund 160 Personen an der Kanti arbeiten.
Welche Schwerpunkt-Fächer wird die neue Mittelschule bieten?
A n der Fachmittelschule wird es die drei am meisten gefragten Profile geben: Pädagogik, Gesundheit / Naturw issenschaften und Soziale Arbeit. Am Gymnasium werden wir ab dem Bezug des Neubaus im Jahr 2029 das volle Programm an Schwerpunkt-Fächern bieten können, so wie alle anderen Aargauer Mittelschulen auch. In der Übergangszeit von 2025 bis 2029 im Provisorium ist das Programm aber noch eingeschränkt. Die Kantone Aargau und Basel-Stadt sind daran, eine Vereinbarung abzuschliessen, in der festgelegt wird, dass man gemeinsam die ganze Stundentafel des Gymnasiums und der FMS anbietet. Eine gewisse Anzahl Fricktaler Schülerinnen und Schüler wird bis 2029 noch das Gymnasium in Basel besuchen.
Ist schon klar, welche Schwerpunkt-Fächer bis 2029 für die Fricktaler in Basel bleiben?
Nein, da laufen die Verhandlungen noch. Dazu werden wir im neuen Jahr informieren können.
Sie haben derzeit Ihr Büro im Bildungsdepartement in Aarau. Wann beziehen Sie einen Arbeitsplatz im Fricktal?
Das hängt mit der Realisierung des Provisoriums zusammen, dies wird relativ kurzfristig im Juni 2025 geschehen. Ich rechne damit, dass ich dann meinen Arbeitsplatz in Stein definitiv beziehen kann. Davor werden wir aber selbstverständlich immer wieder tageweise in Stein für die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und der Schule vor Ort sein.
Zum Schluss: Bereitet Ihnen die Mittelschule Fricktal schon schlaflose Nächte?
Nein, bis jetzt noch nicht. Wir werden am 11. August 2025 im Provisorium starten. Vielleicht werde ich im Juni 2025 schlechter schlafen als jetzt, wer weiss.
Katrin Brupbacher und die neue Mittelschule
Am 11. August 2025 startet die neue Mittelschule im Fricktal mit rund 120 Schülerinnen und Schüler in einem Provisorium in Stein. Zu Beginn wird es vier Gymi-Klassen und zwei Fachmittelschul-Klassen geben. Beim Bezug des Neubaus im Jahr 2029 ist ein weiterer Ausbau auf 44 Abteilungen mit rund 1000 Schülerinnen und Schülern geplant, die von rund 130 Lehrpersonen unterrichtet werden.
Gründungsrektorin Katrin Brupbacher ist in Buchs im Zürcher Unterland aufgewachsen. «Nahe an der Grenze zum Aargau», wie sie mit einem Lachen erzählt. Die 49-Jährige studierte Allgemeine Geschichte, Ethnologie und Völkerrecht an der Universität Zürich, schloss 2001 ihr Lizentiat ab und erlangte 2007 das Höhere Lehramt für Geschichte und Staatskunde. Nebst diversen fachlichen und didaktischen Weiterbildungen absolvierte Katrin Brupbacher 2017 erfolgreich den CAS Unternehmensführung, ebenfalls an der Universität Zürich. Nach ersten beruflichen Erfahrungen als Assistenz am Historischen Seminar der Universität Zürich und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) nahm sie 2004 ihre Tätigkeit als Gymnasiallehrerin für Geschichte und Staatskunde mit Immersion an der Alten Kantonsschule in Aarau (AKSA) auf. Von 2013 bis 2018 leitete sie die Fachschaft Geschichte der AKSA und unterstützte in dieser Rolle die Schulleitung bei Neueinstellungen und der Pensenplanung. Nebst ihrer Unterrichtstätigkeit engagiert sich Katrin Brupbacher unter anderem als Präsidentin des Verbands der Aargauer Mittellschullehrpersonen in diversen Projekten der Weiterentwicklung der Aargauer Mittelschulen.
Katrin Brupbacher ist Mutter von zwei Söhnen und wohnt mit ihrer Familie in der Stadt Zürich. In der Freizeit ist sie gerne in den Bergen, fährt Mountainbike und Ski und auch Chorsingen gehört zu ihren Hobbys. (vzu)



