«Wenn man so behandelt wird, hat man kaum Selbstwertgefühl»

Mi, 23. Jun. 2021
Die ersten Monate in ihrem Leben haben sie geprägt und dazu bewogen, sich für Kinderrechte einzusetzen: Michelle Hürlimann aus Magden. Foto: Janine Tschopp

Michelle Hürlimann setzt sich für Kinderrechte ein

Bei ihrer leiblichen Mutter war sie nur während den ersten zwei Lebensjahren. Anschliessend kam Michelle Hürlimann zu Pflegeeltern. Was ihr als Kleinkind angetan wurde, wird sie ihr Leben lang prägen.

Janine Tschopp

«Ich bin dankbar, dass ich nicht in ein Heim, sondern zu meinen Pflegeeltern gekommen bin», sagt die 16-jährige Michelle Hürlimann. Nur die ersten beiden Jahre ihres Lebens verbrachte sie bei ihrer leiblichen Mutter. Dann kam sie zusammen mit ihrer Schwester zu ihren Pflegeeltern nach Magden. Später folgte ihr jüngerer Bruder, welcher ebenfalls in ihre Pflegefamilie kam. «Meine leibliche Mutter war mit uns überfordert», weiss die junge Frau. Eigene Erinnerungen an die Zeit hat sie zwar kaum, da sie zu klein war. Ihr ist aber bekannt, und das erzählt sie später im Gespräch, dass ihre leibliche Mutter Alkohol- und Drogenprobleme hatte und damals nicht in der Lage war, für ihre Kinder zu sorgen. Weiter weiss sie, und das ist vermutlich ein Hauptgrund, weshalb sie sich heute für Kinderrechte einsetzt, dass sie und ihre Geschwister in ihren ersten Lebensmonaten Gewalt erleben mussten.

In den ersten fünf Jahren der Primarschule lief es nicht gut. «Ich war ein überfordertes Kind.» Erst in der sechsten Klasse ging es besser und ein Wechsel in die Sekundarschule war möglich. In diesen Tagen schliesst sie diese nach drei Jahren ab. «Meine Leistungen sind durchschnittlich», meint sie. Nach der Schule wird sie eine dreijährige Lehre als Fachfrau Gesundheit EFZ am GZF in Rheinfelden in Angriff nehmen. «Parallel dazu würde ich gerne die Berufsmatur machen», beschreibt sie einen weiteren Plan und erwähnt, dass dessen Realisierung von ihren Leistungen abhängig gemacht werde.

Musik, Zeichnen und Schwimmen
Neben der Schule ist Michelle Hürlimann auch Zeit für ihre Hobbys geblieben. Eine Lieblingsbeschäftigung ist für sie Zeichnen. Ihre Pflegemutter nimmt verschiedene Bilder von den Wänden und zeigt sie. Es sind Werke, welche Michelle in den letzten Jahren gemalt hat. Seit einigen Jahren spielt Michelle Gitarre. «Wenn ich dann in der Lehre bin, kann ich keine Stunden mehr nehmen. Das geht zeitlich nicht mehr auf.» Ein weiteres Hobby ist Schwimmen. Sie ist Rettungsschwimmerin bei der SRLG Fricktal und leitet Schwimmkurse im Schwimmbad in Sisseln.

Wenn sie von ihrer schulischen Laufbahn und den Hobbys erzählt, könnte man fast meinen, Michelle Hürlimann habe den schweren Anfang ihres Lebens überwunden und könne nun, wie andere Mädchen ihres Alters, unbeschwert und mit einem guten Gefühl in die Zukunft schauen.

So ist es nicht ganz. «Was in den ersten Jahren kaputt geht, ist kaputt», sagt ihre Pflegemutter zu diesem Thema. Michelle erzählt: «Wenn man so behandelt und abgeschoben wird, wie mir das passierte, hat man kaum Selbstwertgefühl.» Sie sei immer sehr selbstkritisch und könne sich mit nichts zufriedengeben. Zudem leide sie an einer Form von Bindungsstörung.

Michelle fand verschiedene Wege, das, was sie in den ersten Lebensmonaten durchmachte, zu verarbeiten. «Sie sang immer, als sie klein war», erzählt ihre Pflegemutter. «Wenn man singt, kann man keine Angst haben», begründet Michelle. Nicht nur in der Musik, sondern auch beim Zeichnen und beim Schwimmen fand sie die Möglichkeit, negative Erlebnisse zu verarbeiten. Was sie aber schliesslich einen grossen Schritt vorwärtsbrachte, war ihr Engagement für Kinderrechte.

Dialog mit UN-Kinderrechtsausschuss in Genf
Die Organisation PACH (Pflege- und Adoptiveltern Schweiz) kam vor einem Jahr auf Michelles Pflegeeltern zu mit der Idee, dass ihre Tochter an einem Workshop mit dem Thema «Umsetzung von Kinderrechten» mitmachen könnte. Michelle gefiel diese Idee und so nahm alles seinen Lauf.

Am 8. und 9. Juni reiste Michelle mit neun anderen Kindern nach Genf, um dort ihre Anliegen dem UN-Kinderrechtsausschuss zu präsentieren. Vorab wurde sie von der Stiftung Pro Juventute nach Bern an einen Medienworkshop eingeladen. Die Kampagne «Kinder haben Rechte!» wurde vom Netzwerk Kinderrechte Schweiz lanciert. Die Organisation integrierte erstmals beim Berichterstattungsverfahren an den UN-Kinderrechtsausschuss die Sicht von Kindern und Jugendlichen zum Aufwachsen in der Schweiz und die Verwirklichung ihrer Rechte in einem «Kinder- und Jugendbericht». Dieser wurde dem UN-Kinderrechtsausschuss in Genf vorgestellt. «Vertragsstaaten der UN-Kinderrechtskonvention müssen dem UN-Kinderrechtsausschuss in regelmässigen Abständen berichten, wie die Konvention umgesetzt wird», heisst es in einer Medienmitteilung von Netzwerk Kinderrechte Schweiz.

Das Thema, für welches sich Michelle speziell einsetzt, ist «Schutz vor Gewalt». Dabei geht es ihr um die Punkte, Gewalt gegenüber Kindern zu enttabuisieren, unangemeldete Besuche der KESB zu fordern sowie härtere Strafen für Kindsmissbrauch durchzusetzen.

Politisch aktiv
Michelle Hürlimann setzt sich nicht nur für Kinderrechte ein, sondern ist auch im Forum der Jugendsession in Bern aktiv. «In politischen Themen unterstützt mich mein Pflegepapa», sagt sie. Ihr Pflegevater Thomas Henzel ist Gemeinderat in Magden.

Mit der Lehre fängt für Michelle Hürlimann nun ein wichtiger neuer Lebensabschnitt an. Sie könnte sich vorstellen, später im medizinischen oder sozialen Bereich zu arbeiten.

Sicher wird sie auch neben dem Beruf immer sehr aktiv sein. Denn diese Aktivität hilft ihr, das zu verarbeiten, was sie als ganz kleines Kind erlebt hat. Ängste wird sie immer mit sich tragen. Eine davon formuliert sie ganz klar: «Manchmal habe ich Angst, auch so zu werden wie meine leibliche Mutter.»

Category: 

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses

Trending

1

Badisch-Rheinfelden muss in den sauren Apfel beissen

Ungeplante Kosten von 1,8 Millionen Euro für «fremde» Strassenbrücke: Weil die Strassenbrücke über die Basler Strasse für den innerstädtischen Verkehr unverzichtbar ist, muss die Stadt Badisch-Rheinfelden trotz rigidem Sparkurs tief in den Säckel greifen.