«Wir waren jung und setzten alles auf eine Karte»

So, 28. Mär. 2021
«Anscheinend haben wir damals mit unserer Musik den Nerv der Zeit getroffen», sagt Adrian Sieber. Foto: Tabea Hüberli

Die ersten 20 Jahre seines Lebens verbrachte Adrian Sieber in Möhlin. Dann zog es ihn nach Basel, er gründete die «Lovebugs» und war während über zwei Jahrzehnten auf der halben Welt unterwegs. Vor ein paar Jahren ist der Musiker, der mittlerweile auch Lehrer ist, wieder sesshaft geworden.

Janine Tschopp

Er wohnt im Herzen des Basler St. Johann-Quartiers. Heute hat er seinen freien Nachmittag. Gerade will Adrian Sieber das Haus verlassen, um ein paar Einkäufe zu tätigen. Im selben Moment klingelt’s, und die Journalistin steht vor der Tür. «Ah ja klar, komm herein», sagt er freundlich. Kaum hatte die NFZ die Wohnung betreten, kommt seine Frage: «Kaffee?» «Ja, wenn du einen nimmst.» «Ich trinke immer Kaffee.» «Dann sehr gerne.» Während er einen herrlichen Kaffee in einer Caffettiera brüht und die Milch zum Schäumen bringt, stellt der Gast schon ein paar Fragen. Im Nu ist das Gespräch voll im Gang. «Gehört das eigentlich schon zum Interview?», will Adrian Sieber wissen, während er noch in der Küche steht, und sein Besuch schon bequem am Tisch sitzt. Er setzt sich dazu und erzählt vom Aufwachsen in Möhlin, wie es ihn später nach Basel zog, von der Musik und von seinem zweiten Standbein, das er sich vor ein paar Jahren aufgebaut hat.

Bach, Natur und wilde Zeiten
«Ja, es hat mir gefallen in Möhlin.» Adrian Sieber ist in der Nähe des Schwimmbads aufgewachsen. «Damals war unser Haus noch das einzige weit und breit. Wir genossen den Bach, die Natur und hatten richtig wilde Zeiten», schwärmt er. Die Musik spielte in seinem Leben bald eine wichtige Rolle, und schon als Zehnjähriger war er Mitglied einer Band. «Ich wollte immer Schlagzeuger sein», sagt der Mann, der später während über zwei Jahrzehnten als Frontmann und Sänger die Konzertsäle zum Beben brachte.

Als Bub wünschte er sich nichts sehnlicher als ein eigenes Schlagzeug. «Meine Eltern wollten, dass ich zuerst trommeln lernte.» So ging er zu den Ryburger Tambouren. War er talentiert? «Ich konnte mir leider die Märsche nicht gut merken.» Mit seiner Mitgliedschaft bei den Ryburgern hatte er seinen Eltern das Interesse fürs Trommeln bewiesen und erhielt dann ein eigenes Schlagzeug und Unterricht. «Meine Eltern haben mich immer gefördert.» Sie waren eher in der klassischen Musik zu Hause und engagierten sich im Orchesterverein Rheinfelden.

Das Schlagzeugspielen wurde dann zu seiner grossen Leidenschaft. «Ich war so gerne bei uns im Keller und machte meine Musik. Selbst bei schönstem Wetter.»

Nach der Bezirksschule absolvierte er eine Lehre als Hochbauzeichner. «Der Wunsch, mich voll und ganz mit Musik zu beschäftigen, war immer noch präsent», erinnert sich Adrian Sieber. Nach der vierjährigen Lehre arbeitete er nicht auf seinem Beruf, sondern liess sich als Schlagzeuger an der Jazz-Schule in Luzern und Basel weiterbilden. Er schrieb eigene Songs und 1993, er war gut 20-jährig, gründete er zusammen mit ein paar gleichgesinnten Kollegen die «Lovebugs». Was dann geschah, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Den Nerv der Zeit getroffen
«Anscheinend haben wir damals mit unserer Musik den Nerv der Zeit getroffen», sagt der «Lovebugs»- Frontmann bescheiden. Drei Jahre nach der Bandgründung erhielten sie einen Plattenvertrag in Deutschland. «Wir waren jung, lebten in verschiedenen WGs und setzten alles auf eine Karte», schildert Adrian Sieber eine einschneidende Zeit in seinem bisherigen Leben. Während über 20 Jahren konnten alle Bandmitglieder von der Musik leben. «Man ist viel unterwegs, verzichtet auf einiges. Aber für mich war unser Erfolg immer ein Riesengeschenk.» Er erzählt von Zeiten, in welchen er mit seinen Bandkollegen regelmässig im Tourbus durch die Welt reiste. «Am Morgen stehst du auf und bist in Berlin. Die Menschen, die du draussen sieht, sind auf dem Weg zur Arbeit. Du bist hier mit deiner Band und darfst Musik machen.»

2018 feierten die «Lovebugs» ihr 25-Jahr-Jubiläum. Alle waren älter geworden, hatten Familie gegründet, und die Prioritäten einzelner Bandmitglieder hatten sich mittlerweile verschoben. So beschlossen die Jungs ihre Band «auf Eis» zu legen. Obwohl Adrian Sieber die «Lovebugs-Story» gerne fortgesetzt hätte, nutzte er diesen Entscheid als Chance, sich nach 25 Jahren umzuorientieren. Er hat seither zwei Soloalben veröffentlicht und ein zweites Standbein aufgebaut.

Musiker und Lehrer
Vor fünf Jahren schloss Adrian Sieber einen Studiengang zum Lehrer ab. Seit einiger Zeit unterrichtet er in Basel Primarschüler der vierten bis sechsten Klasse. Der Lehrerberuf hat ihn schon lange interessiert. «In der Primarschule durchleben wir die einzige Phase unseres Lebens, in welcher alle zusammen sind. Ich liebe das.» Das Wichtigste sei, dass man als Lehrperson eine gute Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufbaue und sich gegenseitig vertraue.

Zusammen mit seiner Frau, das Paar lebt mittlerweile getrennt, hat Adrian Sieber zwei Kinder grossgezogen. Er genoss es, dass er als Musiker viel Zeit mit seinem Nachwuchs verbringen durfte. «Ich unterrichte im gleichen Schulhaus, wo auch meine Tochter die Primarschule besuchte. Sie hat mir schon einige Tipps mit auf den Weg gegeben», schmunzelt der 48-Jährige.

Vermisst er die Phase seines Lebens, in welcher er voll und ganz Musiker war? «Nein, ich bereue nichts. Ich werde weiter unterrichten, und Musiker bin ich sowieso. Mit meinen zwei Standbeinen bin ich sehr zufrieden.»

Und die Erinnerungen an die Zeiten, in welchen er mit seinen «Lovebugs» ständig unterwegs war und unter anderem als Vorgruppe der «Rolling Stones» vor über 50 000 Zuschauern auftrat, kann ihm niemand nehmen.

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