Die Schulsozialarbeit ist gefordert

Mo, 15. Feb. 2021
Rebecca Schaffner hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Fricker Schülerinnen und Schüler. Foto: zVg

«Der Umgangston ist rauer geworden»

 

Schüler gereizt, Schulsozialarbeit gefordert

 

Rebecca Schaffner, Schulsozialarbeiterin in Frick, stellt vermehrt Gefühle der Isolation, Ängste und Streit in Familien fest. Der Umgangston sei rauer und kälter geworden, erklärt sie im Gespräch mit der NFZ.

Simone Rufli

Frau Schaffner, wie geht es Ihnen?
Rebecca Schaffner:
Es geht mir gut, vielen Dank. Ich hoffe Ihnen allen auch.

Und wie geht es den Schülerinnen und Schülern an der Schule Frick?
Soweit ich das beurteilen kann, geht es der grossen Mehrheit der Schülerinnen und Schüler trotz den Umständen gut.

Ende März 2020 haben Sie gegenüber der NFZ aus dem Homeoffice festgestellt, dass die Probleme in den ersten zwei Wochen des Fernunterrichts nicht zugenommen haben. Sie stellten sogar fest, dass die Situation zu weniger Stress führte und viele Familien enger zusammenschweisste. Unterdessen hört man vermehrt von Lustlosigkeit, Frust und depressiven Verstimmungen bei Schulkindern, bis hin zu schweren seelischen Krisen. Machen Sie diese Beobachtung jetzt auch?
Das schöne Wetter im Frühling kam uns entgegen, so dass die meisten Schülerinnen und Schüler die Zeit im Fernunterricht als eine Art Ferien empfanden. Tatsächlich haben mir viele Familien sehr Positives aus dieser Zeit berichtet. Dessen ungeachtet setzte der Lockdown Einzelnen sehr zu und sie reagierten mit Ängsten und depressiven Verstimmungen. Daher bin ich froh, dass die Schulen dieses Mal offengeblieben sind.

Persönlich empfinde ich, dass die Beschränkungen und die durch Corona veränderten Bedingungen uns allen langsam zusetzen. Die Tendenz, schneller gereizt und weniger widerstandsfähig zu sein, zeigt sich deutlich bei uns Erwachsenen im Alltag und auch bei den Schülerinnen und Schülern.

Wir leben nun schon mehr als zehn Monate unter Corona-Bedingungen. Welche Phase innerhalb dieser Zeitspanne macht den Jungen am meisten zu schaffen?
Für Kinder und Jugendliche sind Beziehungen existentiell. Kontakt zu Familienangehörigen und Freunden gibt Stabilität und Sicherheit. Besonders für Jugendliche und für ihre gesunde Entwicklung ist das Zusammentreffen mit Gleichaltrigen in der Freizeit enorm wichtig. Dies ist in der aktuellen Situation nur eingeschränkt und erschwert möglich. Häufig können die Jugendlichen sich nicht gegenseitig zu Hause besuchen und draussen ist es im Augenblick ziemlich ungemütlich. Das kann zu Gefühlen der Isolation führen und Ängste auslösen.

Wegfallende Hobbys, eingeschränkte Freizeitaktivitäten, Quarantäne – ich denke, das alles hinterlässt Spuren?
Ein Mädchen hat mir neulich gesagt, Corona sei eine «Spassbremse» und ich stimme ihr aus ganzem Herzen zu. Alles was wir gerne machen – wie Sport oder Musik im Verein, an Konzerte gehen oder Geburtstage feiern – ist momentan entweder eingeschränkt oder gar nicht möglich. Im Grunde ist es auch schön festzustellen, dass uns die Dinge am meisten Spass machen, die wir mit anderen Menschen teilen. Letztendlich brauchen wir einander und sollten das nicht vergessen.

Wenn dann noch die Angst der Eltern dazukommt, den Arbeitsplatz zu verlieren oder zu wenig Geld zum Leben zu haben, belastet das die Kinder sicher auch.
Die Kinder und Jugendlichen können mit allen Sorgen und Anliegen zu meinem Kollegen Hans Fanderl und mir kommen, um sich zu besprechen und neue Strategien oder Lösungen zu finden. Die finanziellen Sorgen der Eltern scheinen sie jedoch weniger zu belasten als Streit in der Familie. Dieser kommt tatsächlich häufiger vor und ist vermutlich der räumlichen Nähe geschuldet.

Dazu die «altbekannten» Sorgen und Probleme der Kinder und Jugendlichen wie Mobbing, schlechte Noten, Probleme bei der Lehrstellen-Suche. Das wird ja alles nicht weniger vorkommen, oder?
Nein, das tut es nicht, da haben Sie recht. Was vor zehn oder vor einem Jahr herausfordernd war, ist dies nach wie vor. Der Mensch bleibt Mensch und ebenso Entwicklungsund Lebensthemen; auch mit Corona. Daher ist es wichtig, dass es niederschwellige Anlaufstellen und Beratungsangebote wie die Schulsozialarbeit gibt.

Wie können Sie in dieser schwierigen Situation helfen und Halt geben?
Die Schülerinnen und Schüler können uns ganz leicht auf dem Schulareal erreichen. Sie kennen und vertrauen uns. Sie wissen, wir hören ihnen zu, nehmen sie ernst und haben sie gern, auch wenn wir konfrontativ sind. Wir unterstützen sie darin, Erlebtes zu verstehen, zu verarbeiten und neue Ideen zu entwickeln. Natürlich arbeiten wir auch eng mit anderen Fachstellen, mit Lehrpersonen und Eltern zusammen, um für alle die bestmögliche Lösung zu finden. Am Ende geht es um Beziehung und um Werte. Dies gibt Orientierung, Stabilität und Sicherheit.

All die verschiedenen Massnahmen und Expertenmeinungen sorgen unter Erwachsenen für Verunsicherung. Ist diese Verunsicherung auch in der Schule spürbar?
Da kann man wirklich den Überblick verlieren. Ich glaube, dass sich die Kinder und Jugendlichen bevorzugt mit anderen Themen beschäftigen und Expertenmeinungen sie eher mässig interessieren. Nicht die Massnahmen wie das Maskentragen bereitet ihnen Mühe, sondern die Einschränkungen in der Freizeit und in den Kontakten.

Ist der Umgangston unter den Schülerinnen und Schülern generell rauer geworden durch die Krise?
Keine Frage, die Welt hat sich durch Corona verändert. Wie genau und was dies für uns alle in den kommenden Jahren bedeutet, wird sich zeigen. Der Umgangston unter den Schülerinnen und Schülern ist in meiner Wahrnehmung tatsächlich rauer geworden; doch nicht erst seit Corona. Mir scheint, dass der Umgangston unter den Menschen generell kälter geworden ist. Da reicht ein Blick in die Nachrichten. Weltweit wird sogar auf höchster politischer Ebene Respektlosigkeit vorgelebt. Es wird gelogen, gespottet und gehetzt. Meinungen werden mit Gewalt auf die Strassen getragen und ein kleiner Funke reicht aus, dass sich aufgestaute Unzufriedenheit rücksichtslos entlädt. Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft und Kinder und Jugendliche lernen am Modell. Wenn wir uns Veränderung wünschen, dann sind wir alle aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und bei uns selbst damit zu beginnen.

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