«Mich nicht behandeln zu lassen, wäre total falsch»

Do, 14. Jan. 2021
«Die Reha, die Ergotherapie und die Arztbesuche im Spital Rheinfelden fordern mich auf, nach draussen zu gehen, mich zu bewegen. Das ist gut so», erklärt Katharina Wehrli. Foto: Susanne Hörth

Katharina Wehrli über ihre vielen Spitalaufenthalte auch während der Corona-Zeit

Angst vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus hat Langzeitpatientin Katharina Wehrli allerhöchstens in überfüllten Bussen. Im Gesundheitszentrum Fricktal wie auch in der Reha in Rheinfelden ist sie viermal die Woche. Und das seit zehn Jahren.

Susanne Hörth

Das Lachen von Katharina Wehrli steckt an. Es ist ein Lachen voll positiver Lebensenergie. In einer von Covid-19 geprägten Zeit positiv zu schreiben, hat fast etwas Anmassendes. Es zeigt aber auch, dass es ein Leben neben der Corona-Pandemie gibt. Ein Leben, welches für Katharina Wehrli seit nunmehr zehn Jahren mit einer Vielzahl von Erkrankungen einhergeht. Und diese müssen behandelt werden. «Ich bin viermal in der Woche in der Reha in Rheinfelden», sagt die Baselbieterin. Fast genauso oft trifft man sie im zum Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) gehörenden Spital Rheinfelden an. «Hier bin ich 2020 fünfmal operiert worden. Sieben von zehn Fingern mussten versteift werden.» Die Rheuma bedingten Operationen habe sie gut überstanden. Und nein, Angst, sich im Spital mit Corona anzustecken, habe sie nicht. «Sicherer als im GZF kann ich doch nicht sein. Unsicher macht mich höchstens, wenn ich mit 50 Personen und mehr in überfüllten Bussen fahren muss.»

Drei Stunden Fahrt, viermal die Woche
Die Fahrt von ihrem Wohnort Ormalingen nach Rheinfelden dauert eineinhalb Stunden. Insgesamt drei Stunden sitzt die 68-Jährige somit mindestens viermal die Woche im Bus. Sie nimmt es relativ gelassen. «Es gehört halt einfach auch dazu.» Ebenso das Atemgerät, auf welches sie aufgrund ihrer Lungenerkrankung COPD angewiesen ist. Ein ständiger Begleiter ist zudem der Rollator. Die Hüftoperationen wie auch die Arthritis machen ihn unumgänglich. Natürlich gebe es Tage, an denen sie mit ihrem Schicksal ein wenig hadere. Insbesondere an jenen Tagen, an denen der Schmerzpegel hoch und damit auch die Erträglichkeit manchmal an die Grenzen stösst. In solchen Momenten würden die 22 Tabletten, die sie täglich schlucken muss, nur wenig helfen. «Dann mache ich mir wegen der vielen Medikamente zusätzlich grosse Sorgen um meinen Magen.»

Jetzt blitzen die Augen der Frau auf. Die Zahl der guten Tage würden auf jeden Fall überwiegen. «Zum Glück habe ich auch meine feste Alltagsstruktur. Die Reha, die Ergotherapie und die Arztbesuche im Spital Rheinfelden fordern mich auf, nach draussen zu gehen, mich zu bewegen. Das ist gut so.»

Zu den Erkrankungen der vergangenen Jahre gehören weiter auch ein Herzinfarkt und eine Lungenembolie. Mit all den Vorbelastungen und den chronischen Erkrankungen zählt Katharina Wehrli in Zusammenhang mit dem Coronavirus zu den Risikopatienten. «Das weiss ich. Nicht ins GZF zu kommen und mich nicht behandeln lassen, wäre aber total falsch. Die Gefahr, dass etwas unbeachtet, nicht entdeckt und behandelt wird, wäre viel grösser», sagt sie eindringlich. Für sie steht deshalb ausser Frage, auf einen Termin im GZF zu verzichten.


Sie lässt sich von ihren Krankheiten nicht entmutigen

Seit zehn Jahren ist Katharina Wehrli viermal die Woche in der Reha und regelmässig auch im Spital in Rheinfelden. Ihre vielen Erkrankungen müssen behandelt werden. Für die Langzeitpatientin ist Corona kein Grund, auf ihre vielen Behandlungen zu verzichten.

Susanne Hörth

«Es ist wichtig, dass trotz der aktuellen Corona-Pandemie Behandlungen oder Therapien weitergeführt werden», sagt Dr. med. Urs Genewein, Chefarzt für Traumatologie und Handchirurgie am GZF und behandelnder Arzt von Langzeitpatientin Katharina Wehrli. Neben den Patienten, die an Corona erkrankt sind, dürfen alle anderen Patienten nicht vergessen werden, die weiterhin auf medizinische Versorgung angewiesen sind, hierzu gehören unter anderem Patienten mit chronischen Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes, oder Patienten wie Katharina Wehrli, die an Rheuma leiden.

Strengere Hygienemassnahmen
Als wesentlichen Unterschied zu vor der Pandemie stellt die Baselbieterin Katharina Wehrli die strikteren Vorgaben wie etwa das Tragen von Schutzmasken und noch strengere Hygienemassnahmen fest. Letzteres findet sie gut, an das Masken tragen hat sie sich zwischenzeitlich gewöhnt. Gleichgeblieben sei: «Das Pflegepersonal ist nach wie vor sehr menschlich. Das GZF ist für mich das persönlichste Spital, das ich kenne. Hier fühle ich mich wohl.» Dafür nimmt sie gerne die langen Hin- und Rückfahrten von ihrem Wohnort in Ormalingen in Kauf. Immer mit dabei hat sie ihre Strick- und Häkelarbeiten. So manch Dreiecktuch oder Stirnband ist unterwegs entstanden und als ihr persönliches Dankeschön an die Mitarbeitenden des Gesundheitszentrums und der Reha übergeben worden. Es sind nicht nur Wolle und Nadeln, die Katharina Wehrli unter ihren zwar versteiften, nichtsdestotrotz flinken Fingern zu schönen Werken verarbeitet. «Ich bin gerne kreativ tätig», sagt sie und zeigt auf ihrem Smartphone Fotos von Aquarellbildern, Specksteinfiguren und anderen von ihr gefertigten Dekorationsgegenständen.

Dass sie mit ihrer positiven Art auch andere motivieren kann, hat die Baselbieterin auch gespürt, als sie sich vor Jahren in der Barmelweid nach einer Operation erholen musste. «Ich habe mir damals auch gleichzeitig das Rauchen abgewöhnt und konnte mit meiner Methode ebenfalls andere zum Mitmachen animieren. Ich helfe in jeder Situation gerne», sagt sie und fügt dann noch an. «Übrigens hat Corona nicht nur Schlechtes. Während des ersten Lockdowns konnte ich nicht wie gewohnt unterwegs etwas essen gehen. Und weil ich mich nicht nur mit kalten Nahrungsmitteln aus dem Kühlschrank ernähren wollte, habe ich kochen gelernt.»

Gerade in dieser Zeit sei es wichtig, für sich selbst etwas Gutes zu tun. «Dann geht es auch gleich der Seele viel besser.»


Krankheiten erkennen und behandeln lassen

«Die Behandlung nicht aufschieben, wenn die Gesundheit akut bedroht ist», betont Dr. med. Priska Grünig, Chefärztin Medizin am GZF. Trotz teilweise schweren Erkrankungen seien im Frühling und insbesondere während des Lockdowns viele Patienten nicht zum Arzt oder ins Spital gegangen. Sie blieben trotz Beschwerden zu Hause. «In dieser Zeit wurden weniger Krebsdiagnosen gestellt und es wurden weniger Hirnschläge diagnostiziert», nennt Priska Grünig zwei konkrete Beispiele und betont, wie wichtig es ist, Erkrankungssymptome ernst zu nehmen. Alle Krankheiten, die es vor Covid 19 gegeben hat, gibt es auch jetzt noch und bedürfen einer medizinischen Behandlung. In ihren weiteren Ausführungen hält die Chefärztin Folgendes fest: «Wird die Behandlung von Krankheiten verschleppt, hat dies für die Betroffenen gravierende Folgen und kann sehr gefährlich werden. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten bei auftretenden medizinischen Problemen nicht zuwarten, sondern unabhängig von Covid-19 wie gewohnt mit ihrem Hausarzt oder bei einem Notfall direkt das Spital aufsuchen. «Patienten dürfen sich auf keinen Fall schuldig fühlen, weil sie einen Arzt konsultieren», sagt Dr. Grünig. Anhaltende Kopfschmerzen, Druck auf der Brust oder unerklärliche Störungen der Verdauung, sind unter anderem Symptome, die abgeklärt und behandelt werden sollten. Bei schwerwiegenden medizinischen Problemen ist es angezeigt, sofort den Notfall aufzusuchen. So kann beispielsweise ein plötzlich auftretender, einseitiger Kraftverlust oder ein Versagen der Sprache ein Anzeichen für einen Hirnschlag sein.» (nfz)

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