Das bewegende Leben des Herrn R.
11.07.2013 Möhlin, Unteres Fricktal, Porträt, Wohltätigkeit, PersönlichIrgendwann beschloss er, wieder zu leben. Dann traf ihn der nächste Schicksalsschlag. Und jetzt, angekommen in der Gegenwart, sitzt er am Wohnzimmertisch und spricht über die Einsamkeit. In der Vitrine ist Porzellan ausgestellt, hübsch bemalen von seiner Frau, sorgsam die Pinselstriche. An der Wand hängt ein Teppich. «Sie hat ihn nicht mehr fertig sticken können», sagt Heinz Richner leise, und ganz am Ende des Treffens wird er bemerken: «Ich bin ein offener Mensch und habe keine Geheimnisse. Auch dieser Teil der Geschichte gehört zu meinem Leben.»
Urvater
Richner, im Mai achtzig geworden, leistete Pionierarbeit. Er gilt als Urvater der Möhliner Brockenstube. Niemand hatte ahnen können, damals am 6. Dezember 1997, als die Institution ihren Betrieb aufnahm, dass sich mit der Zeit eine Erfolgsgeschichte entwickeln würde. Nicht einmal er selber hatte damit gerechnet; er, der für viele zum «Mister Brockenstube» geworden war.
Jetzt, fast sechzehn Jahre später, ist Heinz Richner oft alleine in seinem Haus, unweit der Hauptstrasse und doch etwas versteckt, und denkt zurück, wie alles begann. «Meine Frau und ich, wir kannten praktisch jede Brockenstube der Nordwestschweiz. Das war unser grosses Hobby.» Wie er das sagt, lächelt er freundlich und lässt dann ein längeres Schweigen folgen. Vielleicht, so macht es jedenfalls den Anschein, vielleicht denkt er hin und wieder daran, wie es sein würde, hätte seine Frau noch miterleben können, was hier in Möhlin geschaffen wurde. Soweit sollte es allerdings nicht kommen.
Seelenheil
Szenenwechsel. Bevor die Brockenstube gegenüber vom alten Feuerwehrmagazin ihren Betrieb aufnahm, rannte Heinz Richner beim Gemeinnützigen Frauenverein Möhlin mit der Idee einer solchen Institution offene Türen ein. Seinem Idealismus entsprang der Grundgedanke überhaupt, im Dorf eine Brockenstube zu etablieren. Und so kam es: Der Frauenverein übernahm das Patronat und gemeinsam mit einer Kerngruppe von freiwilligen Helfern vom Verein «Senioren für Senioren» wurden Aufbau und später die Führung der Brockenstube in die Wege geleitet. Richner übernahm als Mann der ersten Stunde die Leitung.
Erzählt er heute davon, schwingt Begeisterung mit. Förmlich spürbar ist seine Leidenschaft für das Langzeitprojekt, es sprudelt aus ihm heraus, lebensbejahend und frisch hört sich der achtzigjährige Rentner an. Auch wenn er es so direkt nicht sagt, und er vielleicht auch unter anderen Umständen sich für das Projekt stark gemacht hätte, aber: Organisation, Führung und in die Brockenstube investiertes Herzblut war ihm möglicherweise auch ein wenig Seelenheil. Vielleicht hatte er sich gerade auch über diese Tätigkeit wieder ins Leben zurückgekämpft.
Machtlos
Vor achtzehn Jahren schied seine Frau, geplagt von Depressionen und nach rund einem Dutzend Klinikaufenthalten, freiwillig aus dem Leben. Lange Zeit plagten ihn Schuldgefühle. «Weil ich es nicht verhindern konnte.» Es brauchte die Zeit der Trauer, die Verarbeitung dieses plötzlichen und doch angekündigten Abschieds, um zu erkennen: «Man tut das Menschenmöglichste, aber im Endeffekt bist du völlig machtlos.» Richner spricht von diesen familiär bedingten Gemütskrankheiten und selbst als Zuhörer fällt es unheimlich schwer, zu begreifen, was da noch alles auf diesen Geprüften zugekommen war. Acht Jahre nach der Frau wählte auch der mittlere von drei Söhnen den Freitod. Er hinterliess eine Lebenspartnerin und drei Kinder.
Miteinander
Auch von diesem Schlag getroffen ist Richner wieder aufgestanden. Abgestumpft vielleicht vom Schicksal, fiel es ihm zwar zunehmend schwer, nochmals einen intensiven und einsamen Trauerprozess zu durchleben – «vielleicht aus Selbstschutz», wie er sagt. Stattdessen fand er Halt bei guten Freunden und in der fortwährenden Freiwilligenarbeit. Er spricht vom «Getragen werden» und vom «Miteinander», wenn er an die Zeit in der Brockenstube denkt. «Es ging mir doch nie darum, dass möglichst viel Geld reingespült wurde, die Gemeinschaft stand im Vordergrund.» Was bescheiden klingen mag, reicht allerdings nicht, um die Tragweite des Projekts Brockenstube zu illustrieren: Immerhin beträgt der Jahresumsatz regelmässig rund 90 000 Franken, zwei- oder dreimal, das weiss Richner nicht mehr so genau, habe man über 100 000 Franken umgesetzt. Rund Zweidrittel fliessen jeweils in soziale Projekte, mit dem Rest werden die Auslagen sowie Kosten der Infrastruktur gedeckt.
Müde
Die Brockenstube, zweifelsohne, war die letzten Jahre sein Leben. Nun ist er freiwillig kürzer getreten. Gesundheitliche Probleme machen sich bemerkbar, die Leiste zwickt, so dass er nicht mehr wie ein Jungspund Kisten hin und her schieben kann. «Ich bin halt älter und jetzt auch müder geworden», sagt Richner und lächelt milde. «Die Brockenstube geht aber auch ohne mich weiter, und das ist gut so.»
Heinz Richner, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im Raum Brugg, kam im Jahr 1958 nach Möhlin und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung als Lehrer. Er unterrichtete Kinder, die bisweilen einen schwierigen Start ins Leben hatten und in einer Kleinklasse untergebracht waren. Die Erinnerungen daran sind ihm geblieben.
Zurück in der Gegenwart: «Der Teppich hinter mir an der Wand», sagt Heinz Richner und lächelt, «mein ältester Sohn hat ihn nach dem Tod meiner Frau zu Ende gestickt.» Vom Leben geprüft, ein Leben lang sich engagiert. Und doch: Vielleicht hat er gar keine Ahnung, dieser Tapfere. Keine Ahnung, was er mit seinem Idealismus damals ausgelöst hatte. Die Antwort liegt verstreut auf der ganzen Welt, wo mit dem Erlös aus der Brockenstube Gutes getan wird.

