«Frömmlerische Antworten sind nicht meine Art»

| Fr, 10. Mai. 2013
«Die Kräfte der Natur sind manchmal doch so wunderbar.» Bischof Fritz-René Müller bei sich zuhause im Garten, wo der Frühling erwacht ist.

Bodenständig, mit einem Draht nach oben: der emeritierte Bischof Fritz-René Müller aus Möhlin im Portrait, kurz vor seinem Goldenen Priesterjubiläum.

Sprachen im Schulzimmer, Gottes Wort in der Kirche. Fritz-René Müller lehrte beides. Einerlei ist ihm, wie die Menschen ihn anreden. Der Bischof im Ruhestand feiert jetzt und hier zuhause in Möhlin sein Goldenes Priesterjubiläum. Beim Treffen mit der NFZ äussert er sich übers Leben, die Liebe und das Leiden.   

MÖHLIN. Er sitzt wahrscheinlich nicht mit wallendem Bart irgendwo auf einer Wolke und lenkt die Menschen in ihrem Tun. Auch für Fritz-René Müller hat damals mit dem Erwachsenwerden Gottes Bild irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes das Gesicht verloren. «Ich identifiziere Gott heute eher mit dem Begriff Liebe. Die Liebe durchdringt alle Menschen.»

«Das hat doch gar nichts mit Gott zu tun»
Es ist Montagnachmittag, 14 Uhr, als die NFZ Fritz-René Müller zuhause in Möhlin besucht. Es scheint, als wäre der Frühling doch noch erwacht. Im Garten zwitschern Vögel, Kirschbäume treiben ihre Blüten. «Die Kräfte der Natur sind manchmal doch so wunderbar», wird der Mann später sagen. Doch sie, diese Kräfte, können auch anders. Wie damals, bei diesem verheerenden Seebeben in Asien im Dezember 2004. Nur wenige Tage später war Fritz-René Müller als Christkatholischer Bischof einer der kirchlichen Würdenträger, die im Berner Münster vor über 1200 Anwesenden einen Trauergottesdienst gestalteten. Das ganze Land an den TV-Geräten schaute zu. Damals war mit Bestimmtheit wieder einer dieser Momente, in denen der Mensch klagend und nach dem Warum fragte – «warum, um Himmelswillen, wenn es einen Gott wirklich gibt, kann dieser nur solches Leid zulassen?» Eine Antwort darauf, «eine klipp und klare», hat Fritz-René Müller auch heute nicht. Und schon gar fände er es vermessen, «wenn auch nur irgendein Kirchenamtsträger darauf eine Antwort geben könnte.» Nein, Gott sitzt wahrscheinlich kaum auf einer Wolke und lenkt. «Ich weiss nicht», sagt er nach einem kurzen Moment des Innehaltens und schiebt nach: «Solches Unheil wie ein Tsunami. Das hat doch eigentlich gar nichts mit Gott zu tun, sondern mit den Gewalten der Natur.» Und sowieso, eine frömmlerische Antwort auf diese oft gestellte Frage wolle er schon gar nicht geben. «Das ist nicht meine Art.»

Lebenswege
Spricht der emeritierte Bischof über den Lieben Gott, hat das nichts Abgehobenes. Vielmehr etwas Geerdetes. Und obschon die Feststellung vielleicht etwas platt wirkt, trifft sie irgendwie zu: Dieser 74-jährige Würdenträger der kleinsten Landeskirche ist ein ganz normaler Mensch. Einerlei sei es ihm, wie die Leute ihn anreden. Für die einen ist er «Herr Müller». Für die anderen «Herr Bischof». «Beides stimmt für mich», sagt er mit einem Lächeln. Nur hier in Möhlin, seiner Heimat, tun sich hin und wieder manche Personen schwer. «Da merke ich schon, wie sie in Verlegenheit geraten und nicht wissen, wie sie mich denn nun anreden sollen.» Jetzt lacht er ein herzliches Lachen – dieser Bischof, dieser Herr Müller, der nicht nur in der christkatholischen Landeskirche Spuren des Wirkens hinterlassen hatte.

1963 zum Priester geweiht, sollte er schon bald auf anderen Pfaden seinen Lebensweg beschreiten. Von 1969 bis 1986 arbeitete Fritz-René Müller vollamtlich als Lehrer am Progymnasium im Baselbiet, unterrichtete Deutsch, Französisch, Latein und Geschichte und selbstverständlich gab es da Menschen in seinem Umfeld, die sich fragten, was den Priester Müller getrieben hatte, seinen Lebensunterhalt plötzlich im Schulzimmer statt in der Kirche zu verdienen. Noch hatte keiner ahnen können, dass irgendwann der zum Pädagogen gewordene Geistliche wieder zu den Wurzeln zurückkehren und sogar die Bischofsweihe empfangen würde.

«Selbstverständlich war der Glaube nie der Grund, weshalb ich mich für einen Unterbruch in meiner theologischen Tätigkeit entschieden hatte.» Fritz-René Müller blieb Gott nämlich treu im Glauben, doch dürstete es ihn, nach weiteren Erfahrungen. 1986 dann zog es ihn wieder in die Kirche zurück. Er wurde Pfarrer in Basel, behielt jedoch ein Teilpensum an der Schule bis 1999.

Vom Sockel gestiegen
Zwei Jahre später wurde Fritz-René Müller in Zürich von der Synode zum Christkatholischen Bischof gewählt und damit landesweit als öffentliche Person wahrgenommen. Hier ein Gespräch im Radio, dort ein Interview in der Presse, da ein Statement fürs Fernsehen. «Es war eine eigenartige Situation», spricht der Fricktaler über die Anfänge. «Zu wissen, dass die Menschen dich in deinem Tun beobachten und zu Recht von einem Amtsträger auch eine Erwartungshaltung haben – ja, das war speziell.» Oder, um es anders auszudrücken: Beim Bischof bestimmten auch die Schäfchen manchmal, wann Feierabend ist.

Und wieder zeigen sich bei Fritz-René Müller diese ganz normalen, menschlichen Züge. Nichts Frömmlerisches, wenn er ganz einfach auch mal einräumt: «Ja, manchmal war diese Erwartungshaltung auch eine Last.» Bei seiner Verabschiedung als Bischof sprach der Möhliner dann auch bildhaft davon, nun von einem Sockel heruntersteigen und sich wieder unters Kirchenvolk zurückziehen zu dürfen.

Ein halbes Jahrhundert
Langweilig ist ihm seit seinem Ruhestand nicht geworden. Noch immer treibt ihn Vieles um. Und kurz bevor steht hier und jetzt in Möhlin dieser besondere Tag für Fritz-René Müller: Am 26. Mai feiert er in der christkatholischen Kirche St. Leodegar Goldenes Priesterjubiläum. Auf den Tag genau fünfzig Jahre werden dann vergangenen sein, seit er damals in der Predigerkirche Basel zum Priester geweiht wurde. In dieser langen Zeit war sein Leben geprägt von der Nähe zu Gott. Einem Gott, der wahrscheinlich nicht irgendwo auf einer Wolke sitzt und lenkt. «Gott ist vielmehr die Liebe, die alle Menschen durchdringt.»

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