«Wir wollen eigenständig bleiben»
26.03.2026 Fricktal, WegenstettenRaiffeisenbank Wegenstettertal: ein Gespräch mit dem Verwaltungsratspräsidenten
Die Bank im Tal blickt auf eine mittlerweile 100-jährige Vergangenheit zurück. Und wie sieht die Zukunft aus? Der VR-Präsident Jascha Schneider-Marfels über mögliche Szenarien.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Jascha Schneider-Marfels, die Raiffeisenbank Wegenstettertal feiert 100-jähriges Bestehen. Natürlich will man im Jubiläumsjahr nichts von einer Fusion wissen – das würde die Nostalgie bloss stören.
Jascha Schneider-Marfels: Wir blenden solche Themen nicht aus. Es ist Aufgabe des Verwaltungsrats, regel mässig alle Optionen zu prüfen, um die Bank langfristig gut aufzustellen. Wir haben letztes Jahr eine Standortbestimmung gemacht und die Strategie für die nächsten vier Jahre festgelegt. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass wir auch unter den veränderten Rahmenbedingungen eigenständig bleiben wollen.
2016 wurde der Prozess einer möglichen Fusion der Raiffeisenbank Wegenstettertal mit der Raiffeisenbank Möhlin sistiert. Sie waren damals ein grosser Fusionskritiker, 2017 wurden Sie Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Wegenstettertal. Haben Sie heute noch immer dieselben guten Argumente gegen eine Fusion in der Hand?
Die Ausgangslage ist heute eine andere. Damals war der Druck vor allem strategisch und kam von Raiffeisen Schweiz – dieser ist so nicht mehr da. Gleichzeitig hat sich das Umfeld stark verändert: tiefere Zinsmargen und mehr Konkurrenz, auch durch digitale Angebote. Die Frage stellt sich heute nüchtern wirtschaftlich: Reicht unser Markt im Tal langfristig aus, um eine eigenständige Bank mit der nötigen Grös se zu tragen? Wir sind überzeugt, dass das im Wegenstettertal weiterhin der Fall ist.
Angenommen, es wäre zu einer Fusion gekommen: Warum glauben Sie, es hätte mehr negative als positive Auswirkungen aufs Tal gehabt?
Die damalige Lösung wäre keine Fusion auf Augenhöhe gewesen. Unsere Bank wäre in einer grösseren Einheit aufgegangen, und zentrale Funktionen und mittelfristig auch die Präsenz im Tal wären verloren gegangen. Damit wären auch Engagements für das lokale Leben weniger direkt im Tal verankert geblieben – etwa in Kultur und Sport.
Die Eigenständigkeit verlange eine klare Strategie und auch schwierige Entscheidungen, heisst es im Vorwort zur Generalversammlung. Wie sieht diese klare Strategie aus – und welche schwierigen Entscheidungen sind konkret gemeint?
Wir haben uns in den letzten Jahren bewusst weiterentwickelt. Heute steht die umfassende Beratung unserer Kunden im Zentrum, insbesondere auch im Anlagebereich, wo wir unsere Kompetenzen stark ausgebaut haben. Jetzt geht es darum, das konsequent im Alltag umzusetzen und weiter gesund zu wachsen. Gleichzeitig müssen wir die Kosten im Griff behalten, weil die Margen unter Druck sind. Konkret heisst das auch, dass wir vernünftig investieren müssen: Etwa in bessere Beratungsinfrastruktur in Zeiningen. Und gleichzeitig müssen wir den Standort Wegenstetten kritisch anschauen, wo wir strukturell Defizite haben.
Was, ganz konkret, wird am Standort Wegenstetten denn geschehen müssen und weshalb?
Am Standort Wegenstetten bleibt derzeit alles wie es ist. Gleichzeitig beobachten wir die Entwicklung im Marktumfeld und überprüfen die Situation im Rahmen unserer Gesamtstrategie regelmässig.
Keine Eigenständigkeit ohne Kunden: Welchen «Beitrag» müssen die Kunden im Tal erbringen, um diese Eigenständigkeit zu wahren?
Wir sind eine Genossenschaft und leben vom Vertrauen und der Nähe zur Bevölkerung. An den Jubiläumsbrunch im Herbst haben sich bereits 1000 Personen angemeldet, was ein starkes Zeichen ist. Es hilft uns natürlich, wenn dieses Vertrauen auch im Alltag gelebt wird, also wenn Unternehmen, Kundinnen und Kunden sowie Vereine ihre Bankgeschäfte bewusst bei uns bündeln. Wir bieten eine persönliche Beratung an, gerade auch in anspruchsvollen Lebenssituationen. Und wir sind preislich konkurrenzfähig. Wenn sich möglichst viele für unsere Bank entscheiden, stärkt das letztlich unser Tal.
Gibt es einen deutlich benennbaren Kipppunkt, der eine Fusion unumgänglich macht – und wie sähe dieser aus?
Wenn es uns nicht mehr gelingt, Wachstum und Kosten in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen. Dann müsste man andere Optionen wieder ernsthaft prüfen. Eine Option wäre übrigens, die Bank zu verkaufen und mit dem Geld eine gemeinnützige Stiftung zu gründen, welche sich im Tal im Bereich Kultur und Sport engagiert oder für ältere Menschen einsetzt, die in Not geraten sind. Auf diese Weise würde der Mehrwert, den unsere Genossenschaft bietet, im Tal bleiben.
Von Zusammenschlüssen einmal abgesehen: Welches sind die grössten Herausforderungen, denen sich die Banken allgemein ausgesetzt sehen?
Die Herausforderungen sind für alle Banken ähnlich, unabhängig von der Grösse. Das Umfeld hat sich in den letzten Jahren stark verändert – technologisch, regulatorisch und im Wettbewerb. Entscheidend ist, dass man sich laufend weiterentwickelt und nicht stehen bleibt: Nie aufhören anzufangen und nie anfangen aufzuhören.
Wo sehen Sie die Raiffeisenbank Wegenstettertal in zehn Jahren?
Im Tal, fürs Tal.
Sind Sie dann noch immer Verwaltungsratspräsident?
Nein, irgendwann braucht es frischen Wind und neue Köpfe. Das gehört dazu. In zehn Jahren ist definitiv Schluss für mich.
Warum macht Ihnen dieses Amt Spass?
Weil ich überzeugt bin, dass auch eine kleinere Bank mit den richtigen Mitarbeitenden und einer klaren Strategie eigenständig erfolgreich sein kann. Daran mitzuarbeiten, motiviert mich.
100 Jahre Raiffeisenbank Wegenstettertal
Die Raiffeisenbank Wegenstettertal feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Höhepunkt ist das Jubiläumsfest vom 11. September 2026 in Wegenstetten mit einem vielseitigen Musikprogramm, unter anderem mit Francine Jordi, Marc Sway, Deaf’n’Dumb und den Alpenraudis sowie weiteren Angeboten wie Foodtrucks und Festbetrieb. Der Einlass erfolgt ausschliesslich mit vorgängig bezogenem Eintrittsband. Am Folgetag findet zudem ein Brunch für Genossenschafterinnen und Genossenschafter statt. Ergänzt wird das Jubiläumsjahr durch nachhaltige Projekte in den Gemeinden Zeiningen, Zuzgen, Hellikon und Wegenstetten. Ebenfalls Teil des Jubiläums ist die Generalversammlung vom 28. März 2026 in Zuzgen, die unter dem Motto «Roaring Twenties» steht; Genossenschafterinnen und Genossenschafter sind eingeladen, im Stil der 1920er-Jahre zu erscheinen. Weitere Infos im Internet: www.raiffeisenbank.ch/wegenstettertal.

