«Wir Geistlichen sind keine Alleinunterhalter»
20.08.2023 Persönlich, MöhlinSeit einem Jahr ist der Theologe, Kommunikationstrainer und Diakon Markus Wentink Leiter des Pastoralraums Möhlinbach. Der Ausdruck «Gemeinschaft der Pfarreien» anstelle von «Pastoralraum» wäre aus seiner Sicht treffender.
Janine Tschopp
Die ...
Seit einem Jahr ist der Theologe, Kommunikationstrainer und Diakon Markus Wentink Leiter des Pastoralraums Möhlinbach. Der Ausdruck «Gemeinschaft der Pfarreien» anstelle von «Pastoralraum» wäre aus seiner Sicht treffender.
Janine Tschopp
Die Zeit vergeht wie im Flug, während Markus Wentink von seinem Werdegang erzählt. Nicht nur durch seine sonore Stimme und die Wortgewandtheit, sondern auch durch den Inhalt der Aussagen zieht er die Zuhörerin in seinen Bann. Dass er neben Theologie auch Kommunikation und Rhetorik studiert hat, kommt nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern auch bei Gottesdiensten deutlich zum Ausdruck.
Neben seiner Tätigkeit als Leiter des Pastoralraums Möhlinbach ist Markus Wentink in einem kleinen Pensum freiberuflich als Kommunikationstrainer tätig.
Weder Pfarrer noch Lehrer
Als Kind wollte er Schauspieler oder Priester werden, Pfarrer und Lehrer auf keinen Fall. Das «Geregelte» sei eigentlich nichts für ihn. Viel besser hätte es ihm gefallen, Wallfahrtsprediger zu sein.
Geboren in den Niederlanden lebte er später mit seiner Familie in Belgien und Luxemburg. Sein Wohnsitz verlagerte sich dann nach Deutschland, nahe bei der belgischholländischen Grenze. Da seine Eltern Unternehmer waren und einen grossen Ferienpark leiteten, war er im Internat und besuchte die Klosterschule. Er hat gute Erinnerungen daran: «Es war schön und intensiv. Die entspannteste Zeit überhaupt, und es sind viele Freundschaften entstanden.» Nach der Matur wusste er nicht, wie es beruflich weitergehen sollte. «Zuerst habe ich einmal gar nichts gemacht», schmunzelt er. Dann hatte er die Idee, ins Kloster zu gehen. Er liebt Extremes, das kommt während des Gesprächs immer einmal wieder zum Ausdruck, also wollte er zu den Kartäusern. Diese seien, verglichen mit anderen Ordensgemeinschaften, radikaler. «Sie haben mich aber nicht genommen», erzählt er weiter. So ging er zuerst nach England, da sein Vater ein grosser Englandfreund gewesen sei, und genoss dort das Leben. Später hatte er die Idee, Medizin zu studieren und war in Aachen auf der Suche nach dem akademischen Auslandsamt. «Wenn ich das Amt nicht finde, werde ich Dominikaner», überliess er die Entscheidung dem Schicksal.
Er wurde Dominikaner
Tatsächlich fand er das Amt nicht und trat ein Jahr nach der Matur, zusammen mit sieben weiteren Novizen, dem katholischen Orden der Dominikaner bei. Während dieser Zeit studierte er an der Universität Bonn Theologie, Philosophie und Jus. Später begann er in Kirchenrecht zu promovieren. Nachdem er aus dem Orden ausgetreten war und das Studium abgeschlossen hatte, wollte er Priester werden. «Da ist mir meine Frau über den Weg gelaufen. Wir heirateten und bekamen ein Kind.» Entsprechend veränderten sich seine Pläne nochmals. Er bewarb sich als Gemeindeleiter und Theologe bei der katholischen Kirchgemeinde Sils Silvaplana Maloja. Dort erlebte er zehn spannende und kreative Jahre. «Zusammen mit dem reformierten Pfarrer gründeten wir die offene Kirche Sils.» Man habe die Bänke aus der Kirche genommen, und der Gemeindeleiter war nicht nur als Theologe und Seelsorger tätig, sondern auch als Betriebsleiter. Er kochte mit den Bergbauern und fungierte manchmal auch als DJ.
Erst in Zürich die Schweiz kennengelernt
Was «Schweiz» sei, habe er bei seiner Tätigkeit in der multikulturellen Gemeinde im Bündnerland nicht erfahren. Erst zehn Jahre später, als er als Gemeindeleiter bei der katholischen Kirchgemeinde Langnau am Albis anfing, lernte er die «richtige» Schweiz kennen. «Es war wie ein neues Einreisen. Ich realisierte auch bald, dass die Schweizer meinen Humor nicht verstanden. Seither mache ich keine ironischen Sprüche mehr», erklärt er und schmunzelt. Nach seiner Tätigkeit im Kanton Zürich zog es ihn in die Nordwestschweiz auf die katholische Kirchgemeinde in Binningen. Im August 2022 trat Markus Wentink die Nachfolge von Daniel Reidy an und wurde Leiter des Pastoralraums Möhlinbach.
«Gemeinschaft der Pfarreien»
Die Dörfer im Pastoralraum seien alle unterschiedlich, entsprechend würde für ihn der Ausdruck «Gemeinschaft der Pfarreien» viel besser passen als «Pastoralraum». Den Blinkwinkel müssen man nicht von oben auf die Pfarreien, sondern von den Pfarreien aus richten. Auch habe er in seinem ersten Jahr im Möhlintal gelernt, dass es das Bedürfnis vieler Menschen sei, ein traditionelles Dorfleben zu führen.
Welche Rolle hat die Kirche dabei? Wentink erklärt, dass das Christentum weltweit wachse, auch die katholische Kirche. «Nur das liberale Christentum europäischer Prägung nimmt rapide ab.» Die Tabuisierung des Religiösen sei in Westeuropa einzigartig. «Wir können hier über alles Mögliche reden, aber nicht über den Glauben.» Auch würden nur wenige Menschen am kirchlichen Gemeindeleben teilnehmen. «Im Verhältnis dazu, zahlen sogar noch viele Kirchensteuern», weiss Wentink. Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken? «Wir müssen die Leute mitnehmen. Sie sollen realisieren, dass sie nicht Objekte, sondern Subjekte sind. Wir Geistlichen sind keine Alleinunterhalter. Das konsumierte Christentum hat keine Zukunft, weil uns das Personal ausgeht.»
Was es brauche, seien persönliche Erfahrungen in der Gemeinschaft, wie zum Beispiel Bibelgruppen. Wer nicht innerlich berührt sei, werde sich nicht engagieren. Es sei wichtig, dass sich die Menschen als Teil eines Ganzen fühlen. Man wolle mit den Pfarreien verschiedene Visionen finden und aktiv in die Zukunft gehen. Der Kleriker ist realistisch: «Dass die katholische Kirche an Dingen festhält, die bizarr sind, macht uns das Leben schwer.» Als ein Beispiel nennt er den Zölibat.
Markus Wentinks Ziel ist jedenfalls, den Menschen im Möhlintal unterschiedliche Zugänge zur Religion zu ermöglichen. «Es geht nicht um erzwingen, sondern ermöglichen», betont er. Dabei kann der 56-Jährige auf einen grossen Erfahrungsschatz in verschiedensten Bereichen zurückgreifen.

