Qualitätsmedien sind unerlässlich im Kampf gegen Desinformation
31.10.2026 Fricktal, NordwestschweizForschungsergebnisse über Medienangebot und -konsum
Die Nutzung von Qualitätsjournalismus und die Fähigkeit, manipulierte Informationen zu erkennen, helfen Lesern gegen Desinformation.
Walter Herzog
Alle wissen es: Es gibt immer mehr Falschinformationen. Doch wie kann man sich davor schützen oder lernen, diese zu erkennen? Wer kaum journalistische Nachrichten nutzt und sich vorwiegend über Social Media informiert, ist anfälliger für Verschwörungsaussagen. Das zeigt das «Jahrbuch-Qualität der Medien 2026» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. Personen, die praktisch keine Nachrichten konsumieren oder sich fast nur über Social Media wie TikTok und Instagram informieren, sind anfälliger für desinformative Verschwörungsaussagen.
Die Schweizer Öffentlichkeit steht unter doppeltem Druck: Desinformation, also absichtlich verbreitete irreführende und falsche Informationen, wird von der Bevölkerung zunehmend als gesellschaftliches Problem wahrgenommen, während journalistische Medien an Reichweite, Publikumsbindung und wirtschaftlicher Basis verlieren. Das «Jahrbuch Qualität der Medien 2026» untersucht deshalb in einer Vertiefungsstudie, wie widerstandsfähig die Bevölkerung gegenüber Desinformation ist und welche Rolle verlässliche Informationsangebote dabei spielen. Grundlage ist eine repräsentative Onlinebefragung von 1222 Personen in der Deutschschweiz und der Romandie.
Falschinformationen als wachsendes Problem
57 Prozent der Befragten beurteilen Desinformation als eher grosses bis sehr grosses Problem. Das sind 8 Prozentpunkte mehr als 2021. 52 Prozent geben an, im Alltag oft oder sehr oft auf eindeutige oder mutmassliche Desinformation zu stossen. Gefragt danach, über welche Kanäle Desinformation besonders verbreitet wird, nennen die Befragten vor allem Social Media (76%), Videoportale wie YouTube (60%), Messenger-Apps (44%) und KI-Chatbots (43%). Journalistische Medien werden deutlich seltener mit Desinformation verbunden und damit mehr als Teil der Lösung, denn als Teil des Problems wahrgenommen.
Einzelne desinformative Verschwörungsaussagen finden in der Bevölkerung beträchtliche Resonanz. So halten 34 Prozent die Behauptung für eher oder sehr plausibel, dass 5G-Mobilfunk nachweislich schwere Gesundheitsschäden verursache. 37 Prozent halten es für eher oder sehr plausibel, dass Regierungen den Klimawandel als Vorwand nutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren.
«Die Befunde zeigen, dass Desinformation bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung auf Resonanz stösst», sagt Professor Mark Eisenegger, Co-Direktor des fög. «Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass viele Menschen der Desinformation nicht schutzlos ausgeliefert sind.»
Nachrichtenquelle macht den Unterschied
Entscheidend für die Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation ist die Mediennutzung. Dabei geht es nicht allein darum, wie häufig jemand Nachrichten nutzt, sondern auch welche Quellen zum persönlichen News-Repertoire gehören. Wer private Qualitätsmedien mit Angeboten des Service Public kombiniert oder journalistisch produzierte Nachrichten in Radio und Fernsehen nutzt, ist weniger anfällig für desinformative Verschwörungsaussagen.
Umgekehrt zeigt sich das Problem der «News-Deprivation»: Personen, die praktische keine Nachrichten konsumieren oder sich fast nur über Social Media wie TikTok und Instagram informieren, sind anfälliger für desinformative Verschwörungsaussagen.
Demokratie braucht verlässliche Informationen
«Eine widerstandsfähige demokratische Öffentlichkeit braucht verlässlichen Journalismus», hält Eisenegger fest. Die Autoren des Jahrbuchs empfehlen, der «News-Deprivation» stärker entgegenzuwirken, Qualitätsjournalismus ökonomisch zu sichern und die Nachrichten- und Medienkompetenz verbindlich in Schule und Ausbildung zu fördern. Die Zukunft des Journalismus ist nicht nur eine wirtschaftliche und technische, sondern auch eine demokratiepolitische Frage. Entscheidend ist, dass gesellschaftlich relevante Informationen künftig verlässlich produziert, gefunden, geprüft, finanziert und verbreitet werden können. Eine Aufgabe, die weit über die Medienbranche hinausreicht.
10 Tipps gegen Desinformation
1. Wachsam bleiben:
Seien Sie aufmerksam gegenüber reisserischen Schlagzeilen, die auf Klicks und Aufmerksamkeit abzielen, ohne inhaltlich fundiert zu sein. Schauen Sie über die Überschrift hinaus – Substanz ist wichtiger als Sensation.
2. Desinformation entschlüsseln:
Ein gutes Warnsignal für Desinformation ist die Sprache: Emotional aufgeladene Formulierungen, vage Aussagen oder irreführende Begriffe können Teil gezielter Beeinflussung sein. Achten Sie auf sachliche, emotionsfreie und belegbare Berichterstattung.
3. Quellen prüfen:
Bevorzugen Sie vertrauenswürdige Medien mit transparenten redaktionellen Standards – insbesondere angesichts zunehmender Desinformationskampagnen, die demokratische Prozesse untergraben sollen.
4. Fakten überprüfen:
Bevor Sie Inhalte – vor allem in sozialen Medien – weiterverbreiten, prüfen Sie deren Wahrheitsgehalt. Teilen Sie vorzugsweise Beiträge, die von anerkannten Faktenprüfern verifiziert wurden.
5. Informationen abgleichen:
Nutzen Sie mehrere seriöse Quellen, um unterschiedliche Perspektiven zu vergleichen. So lassen sich Manipulationen leichter erkennen und ein umfassenderes Bild gewinnen.
6. Nachdenken, bevor man teilt:
Machen Sie es sich zur Gewohnheit innezuhalten, bevor Sie Inhalte teilen, besonders in sozialen Netzwerken. Wer steckt hinter der Nachricht? Ist sie glaubwürdig? Enthält sie überprüfbare Informationen?
7. Visuelle Inhalte hinterfragen:
Auch Bilder und Videos können manipuliert sein. Prüfen Sie die Herkunft und den Kontext visueller Inhalte, denn Desinformation wird zunehmend mit gefälschten oder aus dem Zusammenhang gerissenen Medien verbreitet.
8 Wissen erweitern:
Informieren Sie sich über typische Methoden und Taktiken von Desinformationskampagnen. Gut informiert zu sein ist der beste Schutz vor Manipulation.
9. Kritisches Denken stärken:
Tragen Sie in Ihrer Community zur Förderung von kritischem Denken und Medienkompetenz bei, um die Widerstandsfähigkeit gegenüber Desinformation zu erhöhen. Ermutigen Sie zu einer gesunden Portion Skepsis und zur eigenständigen Überprüfung von Informationen – so lässt sich der Einfluss manipulativer Inhalte wirksam verringern.
10. Verdächtige Inhalte melden:
Melden Sie Desinformation und Hassrede konsequent an die zuständigen Stellen oder Plattformen. Ihr Beitrag hilft dabei, digitale Räume sicherer und vertrauenswürdiger zu gestalten.

