Per Anhalter durch die Welt
04.07.2026 Kaiseraugst, PersönlichDer 25-jährige Tobias Gysin aus Kaiseraugst trampt seit Mai 2025 durch die Welt. Er hat auf seiner Reise viel erlebt und zahlreiche Freundschaften geschlossen. Im Iran gefiel es ihm bisher am besten.
Valentin Zumsteg
Tobias Gysin hat unzählige Geschichten zu erzählen. «Mein ...
Der 25-jährige Tobias Gysin aus Kaiseraugst trampt seit Mai 2025 durch die Welt. Er hat auf seiner Reise viel erlebt und zahlreiche Freundschaften geschlossen. Im Iran gefiel es ihm bisher am besten.
Valentin Zumsteg
Tobias Gysin hat unzählige Geschichten zu erzählen. «Mein Privileg als Schweizer war mir längst bewusst, dennoch entdeckte ich es neu beim Besuch in den Slums von Karatschi in Pakistan. Zu sehen, was extreme Armut wirklich bedeutet und wie die Menschen tatsächlich leiden und leben, hat mein Verständnis tiefgreifend verändert», erklärt der 25-jährige Kaiseraugster.
«Trampen verbindet»
Am 12. Mai 2025 hat er sich aufgemacht auf die grosse Reise. Die Idee, per Autostopp von der Schweiz bis in die Mongolei zu reisen, trieb und treibt ihn an. Bislang ist er über 36 000 Kilometer gereist, davon 15 000 Kilometer getrampt. Überall stiess er auf nette Menschen, die ihn im Lkw, im Auto oder auf Motorrädern mitgenommen haben. Zwei Mal ist er bislang gef logen, von Pakistan über die Grenze nach Indien und von Südindien nach Singapur. «Das Konzept blieb aber bestehen: möglichst viel zu trampen.»
Er berichtet von zahllosen Begegnungen, die für ihn unvergesslich sind. In der Türkei nahm ihn ein Taxifahrer für über 600 Kilometer mit – kostenlos und ohne Englischkenntnisse. «Wir sind bis heute in Kontakt. Er hat mir gezeigt, dass Trampen verbindet und dass Freude auch ohne Worte geteilt werden kann.» Im hohen Kaukasusgebirge ist Tobias Gysin von einem 25-köpfigen Dorf aufgenommen worden. «Bei den Bauern übernachtete ich in ihrem Haus, half tagsüber bei ihrer Arbeit, ass ihr selbstangebautes Essen und trank zu viel von ihrem selbst gebrannten Chacha.» In Laos stolperte er per Zufall in ein buddhistisches Kloster, welches ihn für zwei Tage beherbergte und ihm die Lehren Buddhas und das Leben der Mönche näherbrachte.
«Aussergewöhnliche Gastfreundschaft im Iran»
Im vergangenen Oktober hat er den Iran bereist. «Es war fantastisch – die beste Entscheidung der Reise.» Da es nicht viele europäische Touristen gibt, belohnen die Bewohner die wenigen ausländischen Besucher mit ihrer aussergewöhnlichen Gastfreundschaft, erzählt Gysin. «So schlief ich zum Beispiel bei Öl-Pipeline-Ingenieuren in ihrer Baracke und verbrachte mit ihnen den Abend, Shisha rauchend, per Google übersetzend, Geschichten vom fernen Europa und der Schweiz erzählend.»
In Indien schlief er in einer Universität, weil der Mann, der ihn vom Strassenrand mitnahm, der Enkel des Gründers des Bildungszentrums war. Im Iran teilte er einmal das Auto mit ehemaligen Drogenabhängigen und in Pakistan pokerte er mit Bandmitgliedern des pakistanischen «Luca-Hänni-Pendants».
«Nachts auf einer gesicherten Polizeistation»
Bei dieser Art des Reisens kommt es hin und wieder zu kritischen oder gefährlichen Momenten. So fuhr der Fricktaler durch Belutschistan in Pakistan, eine der gefährlichsten Provinzen der Welt, war geraume Zeit in der Millionenmetropole Karatschi und besuchte dabei die Slums. «Tagsüber wurde unser Taxi polizeilich eskortiert und die Nacht verbrachte ich auf einer gesicherten Polizeistation. Die bewaffnete Begleitung war stets an meiner Seite, kontrollierte Restaurants vor dem Betreten oder kam mit mir zum Sightseeing. Es war keine Angstmacherei, keine erfundene Geschichte – es war real. Die dortige Terroristengruppe (BLA) finanziert ihr Treiben mit Entführungen. Passiert ist nichts – der Eindruck bleibt.» Trotz der Gefahr ist Tobias Gysin bisher am längsten in Karatschi geblieben. «Dort lernte ich eine Gruppe wunderbarer Menschen kennen, die mir einen Grund gaben, meinen geplanten dreitägigen Aufenthalt auf dreieinhalb Wochen zu verlängern.»
Meistens ist Gysin bisher allein gereist. Seine Freundin besuchte ihn aber zwei Mal und begleitete ihn während drei Wochen in der Türkei und während drei Monaten in Südostasien. Sein Bruder und seine besten Freunde kamen für eine Woche nach Athen und seine Eltern für zwei Wochen nach Indien.
«90 Prozent der Menschen wollen Gutes»
«Durch die unzähligen Begegnungen im Auto oder auf der Strasse lernte ich, dass 90 Prozent aller Menschen Gutes wollen, unabhängig von Herkunft, Ethnie oder Religion. Im Fazit ist diese Reise für mich eine Hommage an die Menschlichkeit, bei der ich Leid und Schmerz sah und gleichzeitig Glücklichkeit und Gastfreundschaft spürte.»
Die Reise ist noch nicht zu Ende. Nach Vietnam, wo er bis vor kurzem weilte, geht es weiter nach China und in die Mongolei. «Auf der Rückreise per Flugzeug besuche ich noch Freunde in Nordpakistan.» Im September wird er – so ist es jetzt geplant – zurück in die Schweiz kommen.
Der gelernte Geomatiker hat nach seiner Lehre als Multimedia-Produzent gearbeitet. «Durch meinen Zweitjob als selbständiger Freelancer im Social-Media-Bereich konnte ich genügend Geld sparen, um die gesamte Reise eigenständig zu finanzieren. Darauf bin ich sehr stolz.» Zukunftspläne für die Zeit nach seiner Rückkehr hat er bereits zahlreiche. So möchte er beispielsweise das Wirtepatent machen und im Raum Basel ein eigenes Café eröffnen. Daneben will er ein Buch über seine Reise schreiben und eine Vortragsreihe organisieren. Weitere Dinge können sich ergeben.
Eines ist für ihn klar: «In meiner zukünftigen Wohnung wird ein Extrabett stehen, das immer frei ist für erwartete und unerwartete Gäste.»



