«Ich empfehle allen, Gemeinderat zu werden»
21.02.2026 Fokus, BöztalAndreas Thommen zieht sich nach 14 Jahren aus der Politik zurück. Von 2014 bis Ende 2021 war der Agronom, einstige Geschäftsführer der Umweltorganisation «Ecopop» und Parteimitglied der Grünen Aargau, Gemeindeammann von Effingen, nach der Fusion bis Ende 2025 ...
Andreas Thommen zieht sich nach 14 Jahren aus der Politik zurück. Von 2014 bis Ende 2021 war der Agronom, einstige Geschäftsführer der Umweltorganisation «Ecopop» und Parteimitglied der Grünen Aargau, Gemeindeammann von Effingen, nach der Fusion bis Ende 2025 Vizeammann von Böztal.
Simone Rufli
NFZ: Herr Thommen, im Mitteilungsblatt der Gemeinde Böztal haben Sie sich jüngst mit durchaus kritischen Worten aus dem Gemeinderat verabschiedet. Warum?
Andreas Thommen: Ich muss vorausschicken: Ich war immer sehr gerne Gemeinderat. Und ich finde es nach wie vor einer der besten Jobs, den ich in der Politik gemacht habe. Aber ich habe auch immer gesagt, ich bleibe, solange es mir im Gremium gefällt. Die letzten vier Jahre verliefen nun wirklich etwas zäh. Wobei das nicht nur mit der Zusammensetzung im Gemeinderat zu tun hat. In der ersten Zeit nach der Fusion am 1. Januar 2022 gab es einige Klagen und wir wurden ein paarmal vor das Verwaltungsgericht zitiert. Auch wenn der Gemeinderat am Ende immer gewonnen hat, diese Verfahren waren mühsam und kosteten uns viel Zeit.
Eine Zeiterscheinung?
Vielleicht auch. Es gab aber natürlich auch jene, die mit der Fusion nicht einverstanden waren und das Haar in der Suppe gesucht haben. Oder jene, die nicht damit einverstanden waren, dass Böztal die Rechnung für die Renovation des Gemeindehauses Hornussen bezahlen muss, wo doch vor der Fusion nur die Gemeindeversammlung von Hornussen der Renovation zugestimmt hat. Für mich überwog in diesem Fall der Vorteil, dass wir sehr schnell vorwärtskamen und ins renovierte Gemeindehaus einziehen konnten.
Sie äusserten aber auch konkret Kritik am Gremium.
Das ist so. Ich wollte gewisse Entscheide nicht länger mittragen und ich bin ziemlich sicher, dass wir uns in gewissen Situationen mit einem klügeren Vorgehen gewisse Querelen gar nicht erst eingehandelt hätten. Aber das alles ändert nichts daran, dass ich allen empfehle, Gemeinderat zu werden. Es ist ein spannender Job. Man lernt die Leute kennen – vor allem auch die mühsamen, die immer reklamieren.
Sie lachen.
Ich habe gerade daran gedacht, dass sich mit der Fusion auch die renitenten Bürger, die es in jeder Gemeinde gibt, zusammengeschlossen haben.
Der Gemeinderat als Blitzableiter?
Das kann man so sagen. Eine schweizerische Eigenart, man teilt wenig Lob aus, dafür äussert man gerne seinen Unmut. Manche denken, der Gemeinderat sei für alles zuständig. Dann muss man erklären, dass der Streit um Komposthaufen in privaten Gärten nicht Sache des Gemeinderats ist. Alles in allem aber denke ich, dass wir eine erfolgreiche Zeit hatten und dass wir einige gute Projekte durchgebracht haben. Böztal befindet sich insgesamt auf einem guten Weg.
«Die grösste Veränderung? Der neue Kreisel»
Worauf er stolz ist, was er sich für Böztal wünscht, was er gegen Wachstum hat, warum ihm die Jungen
Sorgen bereiten und was er für Zukunftspläne hat.
Simone Rufli
NFZ: 14 Jahre im Gemeinderat, zuerst für Effingen, dann für Böztal. Sie sind in der Zeit ein paarmal angeeckt.
Andreas Thommen: (Lacht) Ich bin nicht so der Diplomat. Ich habe auch nicht so gerne Steh-Partys und als ehemaliger Ecopop-Geschäftsführer kann ich auch die weitverbreitete Wachstumseuphorie nicht mittragen. Denke ich zum Beispiel an Möhlin, sehe ich, wie das Dorf seit meiner Zeit damals in der Bezirksschule enorm, aber ziemlich planlos gewachsen ist. Und das Sisslerfeld zubetonieren, das macht für mich keinen Sinn. Es wäre meiner Meinung nach sinnvoller, die Arbeitsplätze dort zu schaffen, wo die Arbeitslosen sind.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Auf zwei Dinge: Noch im Gemeinderat von Effingen, als wir die Bruderhöhle wieder zugänglich gemacht haben. Und als Verwaltungsratspräsident der Forstverwaltung, dass wir mit Effingen zum Forst Homberg-Schenkenberg gegangen sind. Die Ortsbürger hatten vor diesem Schritt noch 7500 Franken in der Kasse, danach wurde es wieder rentabel mit jährlichem Gewinn. Später folgte dann der Schritt in die Selbständigkeit mit der Überführung in die öffentlichrechtliche Anstalt.
Was bedauern Sie?
Dass Zeihen bei der Fusion zu Böztal nicht mitgemacht hat. Dabei arbeiten wir in diversen Bereichen zusammen u.a. bei der Feuerwehr und im Abwasserverband. Eigentlich sollten doch die Gemeinden miteinander fusionieren, die zusammen in diesen Verbänden sind. Ich sage auch «small is beautiful», aber irgendwann geht es als kleine Gemeinde in einem immer komplexeren Umfeld nicht mehr. Regionale Zusammenarbeit wird immer wichtiger, das sieht man zum Beispiel auch beim Sisslerfeld. Ich meine, bei solchen grösseren Projekten müsste die Regionalplanung den Lead früher und entschlossener übernehmen.
Warum ist die Fusion von Bözen Effingen, Elfingen und Hornussen ohne Zeihen trotzdem gelungen?
Vielleicht weil es bereits der dritte Anlauf war? Hilfreich auf dem Weg zu Böztal war sicher auch die Fricktal Konferenz mit dem spannenden Vortrag zu Zukunftsvisionen und später, dass der Fusionsbeirat aus erfahrenen Gemeindeammännern bestand. (Er schmunzelt). Nach der Fusion sassen zwar alle vier Gemeinderäte zusammen und bei der Frage, wer weitermacht, ging keine einzige Hand hoch. Als sich der Schock etwas gelegt hatte, kamen wir überein, dass mindestens drei weitermachen sollen, die die nötige Erfahrung mitbringen. Am Ende haben sich fünf Bisherige zur Verfügung gestellt und wir hatten vor vier Jahren dann sogar total zwölf Kandidierende.
In Böztal gibt es keine Ortsparteien. Nimmt das Interesse an der politischen Mitwirkung ab?
Ich denke schon. Ich sehe vor allem bei den Jungen eine allgemeine Politikverdrossenheit. Wenn ich an die Jungbürgeraufnahme an der letzten Gemeindeversammlung denke, wo ein einziger von einundzwanzig der Einladung gefolgt ist, frage ich mich schon, wie das in Zukunft mit der Gemeindeversammlung funktionieren soll. Die Bereitschaft, sich über längere Zeit zu engagieren, schwindet. Wobei auch zu sagen ist, dass Gemeindeversammlungen oft wirklich nicht sehr spannend sind. Darum war ich trotz allem auch immer froh, wenn sich Leute mit Wortmeldungen eingebracht haben.
Nimmt das Interesse ab, weil in der Fusionsgemeinde nicht mehr jeder jeden kennt?
Vielleicht. Es gibt aber auch Vorteile, wenn man eine gewisse Distanz hat. Zu viel Nähe kann zu Vetterliwirtschaft führen. Es kann schwierig sein, wenn man jemandem, den man aus dem Turnverein kennt, erklären muss, dass sein Baugesuch abgelehnt werden muss. Zu viel Distanz kann umgekehrt zu Korruption führen, ohne dass es einer merkt.
Sie sind jetzt nicht mehr im Gemeinderat und geben auch andere Engagements auf.
Ja, nachdem ich nicht mehr im Gemeinderat bin, ziehe ich mich auch aus dem Vorstand des Juraparks zurück und ich möchte ganz bewusst keine neuen Verpflichtungen mehr eingehen.
Gibt es einen bestimmten Grund dafür?
Neuseeland. Ich möchte nach Neuseeland. Unser Sohn war gerade für eineinhalb Jahre dort und hat fantastische Bilder mitgebracht. Wenn ich gehe, dann soll es mindestens für ein halbes Jahr sein.
Sie leben mit Ihrer Familie seit rund 30 Jahren in Effingen. Wie hat sich das Dorf verändert?
Die grösste Veränderung? Der neue Kreisel auf der Hauptstrasse. (Er lacht.) Ein paar Häuser sind dazugekommen, die Bevölkerungszahl aber ist in etwa gleichgeblieben. Arbeitsplätze haben wir nach wie vor zu wenig. Als ich nach Effingen kam, hatten wir mit dem «Bahnhöfli», der «Glocke» und dem «Rebstock» drei Restaurants, eine Post, eine Bank und einen Einkaufsladen. Heute haben wir nichts mehr davon. Ein Laden im Dorf ist der Bevölkerung heute auch nicht mehr so wichtig, das haben wir bei der letzten Bevölkerungsumfrage festgestellt. Die meisten arbeiten auswärts und kaufen auf dem Arbeitsweg ein. Und ältere Menschen sind digital immer versierter und bestellen die Waren im Internet.
Apropos Veränderung: Was machen Sie mit der neu gewonnenen Freiheit, ausser Reisepläne schmieden?
Ich habe wieder mehr Zeit, um Musik zu machen, um auf meiner E-Gitarre zu spielen. Ich bin seit 25 Jahren bei «La Guggaratscha» dabei. Auf die Fasnacht hin hatte ich in diesem Jahr besonders viel zu üben. Zeit brauche ich auch, um hier im Haus renovieren. (Er schmunzelt) Und vor allem brauche ich Zeit, um die richtigen Weichen für meine Vorsorge zu stellen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Böztal?
Ein Waldhaus oder, wenn das nicht möglich ist, ein Ortsbürgerhaus an einem anderen Ort im Baugebiet von
Böztal.


