Hohe Wertschätzung am Arbeitsplatz
27.04.2023 Fricktal, GesundheitGesundheitswesen: Unternehmenskultur und -führung sind wichtig
Kaum eine Gesundheitsorganisation beschäftigt sich aktuell nicht mit dem Thema Fachkräfte. Dies bestätigt eine Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG bei CEOs von Schweizer ...
Gesundheitswesen: Unternehmenskultur und -führung sind wichtig
Kaum eine Gesundheitsorganisation beschäftigt sich aktuell nicht mit dem Thema Fachkräfte. Dies bestätigt eine Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG bei CEOs von Schweizer Leistungserbringern. Grösstes Potenzial wird bei den Themen Führung und Kultur gesehen. Dennoch zielen heute viele Initiativen auf die Optimierung der Rekrutierung ab.
Was beschäftigt Gesundheitsorganisationen heute in erster Linie? Wo liegen die strategischen Stossrichtungen und welche Massnahmen sollen ergriffen werden? Eine von der KPMG durchgeführte Umfrage bei 95 relevanten Gesundheitsorganisationen der Akutsomatik, Reha und Psychiatrie mit Standort in der Deutschschweiz hat interessante Ergebnisse gebracht. Zwar nicht überraschend, aber dennoch wichtig: Obwohl die Anwendung von Technologie stetig an Bedeutung gewinnt, ist das Gesundheitswesen nach wie vor ein Geschäft von Menschen für Menschen. Von ärztlichem Fachpersonal und Pflegefachkräften über medizin-technische und therapierende Experten, welche täglich direkt an Patientinnen und Patienten Leistungen erbringen, hin zu IT-Fachleuten, Projektleitenden und Managern – die wachsende Nachfrage nach Leistungen des Gesundheitswesens übersteigt das Angebot an Fachkräften und dies erhöht den Druck auf die Gesundheitssysteme sowohl im regionalen, nationalen wie auch im internationalen Kontext.
Fachkräftemangel am stärksten im Pflegeberuf
Der Fachkräftemangel ist in allen befragten Organisationen omnipräsent. Unabhängig, ob Akutsomatik, Psychiatrie oder Reha: 70 Prozent der Studienteilnehmenden stimmen dieser Problematik «vollumfänglich zu», während 30 Prozent «eher zustimmen». Die Frage nach den Berufsgruppen zeigt ein klares Bild: Spitzenreiter ist nach wie vor die Pflege, gefolgt von Fachkräften aus den medizinisch-technischen und medizinisch-therapeutischen Bereichen. Von den Leistungserbringenden Berufsgruppen kommt die Ärzteschaft lediglich an dritter Stelle. Besonders gross scheint auch der Bedarf nach qualifizierten Mitarbeitenden im Bereich der IT. Obwohl in kaum einer Organisation an erster Stelle, sind IT-Fachkräfte die am meisten gesuchte dienstleistende Berufsgruppe. Von untergeordneter Rolle, beziehungsweise noch besser auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind Mitarbeitende in den Bereichen Finanzen und Projekte, HR und in den restlichen Supportfunktionen wie Reinigung, Küche etc.
Schliessung von Stationen wird zum Alltag
Der Fachkräftemangel stellt Gesundheitsorganisationen vor neue Herausforderungen. Vor dem Hintergrund der im internationalen Vergleich hohen Spitaldichte in der Schweiz, war die Verfügbarkeit von Spitalbetten noch kaum je ein Thema. Anders sieht es jedoch bei der Frage aus, ob genügend Mitarbeitende verfügbar sind, um die Spitalbetten zu betreiben. Die Schliessung von Stationen mangels Fachkräfte ist in vielen Organisationen Alltag geworden. So erstaunt es auch nicht, dass die Fähigkeit, die aktuelle Nachfrage nach stationären und ambulanten Behandlungen zu decken, den Teilnehmenden der Umfrage am meisten Sorgen bereitet. Des Weiteren sind offensichtlich viele Organisationen nicht in der Lage, das Wohlbefinden der Mitarbeitenden im gewünschten Ausmass zu unterstützen. Auch die Fähigkeit, Schlüsselmitarbeitende zu halten oder neue Talente zu rekrutieren beschäftigen die Organisationen.
Auftrag an die Geschäftsleitung
Der Fachkräftemangel ist präsent und er belastet Gesundheitsorganisationen in grossem Ausmass. Es stellt sich die Fragen nach den Verantwortlichkeiten: welche Gremien sind beauftragt, sich im organisa-torischen Kontext mit neuen Stossrichtungen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels zu beschäftigen? In knapp 80 Prozent der Organisationen wird der Fachkräftemangel auf Ebene der Geschäftsleitung angegangen. Das strategische HR beschäftigt sich in 13 Prozent der befragten Organisationen mit Strategien und Massnahmen, um den Effekt des Fachkräftemangels abzudämpfen und rund 10 Prozent der Teilnehmenden der Umfrage beklagen, dass die Verantwortlichkeiten unklar geregelt sind. Interessanterweise ist in keiner der befragten Organisationen der Verwaltungsrat im «Driver Seat». Entsprechend wird die Fachkräftethematik nach wie vor eher als ein operatives als ein strategisches Risiko betrachtet.
Allerdings zeigt die Umfrage auch, dass sich 85 Prozent der Organisationen systematisch und strategisch mit dem Thema «Fachkräfte» auseinandersetzen. Lediglich 15 Prozent der Teilnehmenden sind der Meinung, dass sich ihre Organisation kaum oder überhaupt nicht angemessen mit der Fachkräftethematik auseinandersetzt.
Mit Führungsqualität in die Zukunft
Der Fachkräftemangel ist sichtbar, er bereitet Sorgen und in 90 Prozent der befragten Organisationen gibt es einen klaren Auftrag, den Fachkräftemangel aktiv anzugehen. Das grösste Potenzial wird im Bereich «Führung und Kultur» gesehen: 85 Prozent der Teilnehmenden sind der Meinung, eine Investition in Führungsqualität und eine kulturelle Neuausrichtung sind die geeigneten Massnahmen, um dem Kampf um die Talente zu begegnen. 70 Prozent der Befragten suchen die Lösung in einer klaren HR-Strategie. Lediglich rund die Hälfte der Befragten sehen einen möglichen Lösungsansatz in der Digitalisierung der Behandlungs- und unterstützenden HR-Prozesse, um die Nachfrage nach Fachkräften im eigenen Haus zu reduzieren. Initiativen zur Überarbeitung des Organisationsdesigns und der Governance wird durch lediglich rund 20 Prozent der Befragten als strategische Stossrichtung mit Potenzial eingeschätzt.
Falsche Massnahmen?
Betrachtet man die konkreten Massnahmen, die bis anhin durch die Gesundheitsorganisationen ergriffen wurden, tut sich ein grosses Spektrum an Massnahmen auf. Solche, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, um die eigene Vulnerabilität zu verringern: zum Beispiel Anpassung von Schicht- beziehungsweise Arbeitszeitmodellen, um den Beruf und die Organisation gegenüber den Wettbewerbern attraktiv zu machen oder die Implementierung neuer Zusammenarbeitsmodelle, um den Bedarf nach hochqualifizierten Fachkräften zu reduzieren. Hier zeigt sich jedoch, dass in Bezug auf Führungsqualität und Kulturentwicklung, welchen das grösste Potenzial beigemessen wird, nur wenige Leistungserbringer konkrete Massnahmen lanciert haben. Viele Organisationen setzen im Kampf um Talente nach wie vor in erster Linie auf «Abwerbungsstrategien», die auf lange Sicht und insbesondere im gesamtschweizerischen Kontext wenig nachhaltig sind.
Gleichzeitig lässt sich aber auch festhalten: Es wird in die Gesundheit und in das Wohlbefinden investiert. Um die Attraktivität der Gesundheitsberufe zu steigern und Mitarbeitende lange im Beruf zu halten, werden alte Arbeitszeitmodelle überarbeitet oder mit Massnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements gezielt Angebote zur Stärkung von Resilienz geschaffen. Weniger zentral scheinen Massnahmen zur Steigerung des Digitalisierungsgrades gegen den Fachkräftemangel. Obwohl die Schweiz in der Digitalisierung der Behandlungspfade noch keine Spitzenposition erreicht hat, wird das Potenzial durch den Einsatz neuer Technologien als tief eingeschätzt. Entsprechend wenige Initiativen sind aktuell erkennbar, die durch eine Erhöhung des Automatisierungsgrades den Bedarf für Fachkräfte reduziert. Leistungserbringer werden in Zukunft noch mehr in die Führungsqualitäten ihres Kaders investieren müssen, damit das Spital als wertschätzendes, motivierendes, innovatives und arbeitspsychologisch sicheres Umfeld wahrgenommen wird.
Das Potenzial ist zwar erkannt, wie die Umfrage zeigt – gefragt sind jedoch konkrete Initiativen, um das Werteversprechen gegenüber Mitarbeitenden zu optimieren. Denn zufriedene Mitarbeitende erbringen auch bessere Leistungen. Ein erster wichtiger Schritt in Richtung mehr Patientenorientierung ist auch mehr Mitarbeitendenorientierung. (WH)
Die Umfrage wurde durch die Beratungsfirma KPMG im Zeitraum Juli bis September 2022 bei 95 relevanten Gesundheitsorganisationen der Akutsomatik, Reha und Psychiatrie mit Standort in der Deutschschweiz durchgeführt.



