«Eine positive Wendung»
08.01.2026 Brennpunkt, FricktalGertrud Häseli über zurückgewonnene Freiheiten und neue Projekte Gertrud Häseli lebt mit ihrem Mann auf dem Rotelhof in Wittnau. Sie ist Biobäuerin aus Leidenschaft, Mutter von drei erwachsenen Töchtern und zwei Söhnen. Während 23 Jahren war sie ...
Gertrud Häseli über zurückgewonnene Freiheiten und neue Projekte Gertrud Häseli lebt mit ihrem Mann auf dem Rotelhof in Wittnau. Sie ist Biobäuerin aus Leidenschaft, Mutter von drei erwachsenen Töchtern und zwei Söhnen. Während 23 Jahren war sie Gemeinderätin in Wittnau und von 2009 bis zu ihrer Nichtwiederwahl im Oktober 2024 war sie für die Grünen im Grossen Rat.
Simone Rufli
NFZ: Der Sitzverlust im Oktober 2024. Schmerzt der noch immer?
Gertrud Häseli: Im ersten Moment war es schmerzhaft. Mit der Distanz sehe ich es aber als Chance. Es sind neue Türen aufgegangen. Der freie Kopf, die freiwerdende Zeit in Verbindung mit meinen Beziehungen, meiner Bekanntheit und der Erfahrung im Umgang mit Behörden und Organisationen, gaben mir die Möglichkeit, ausserhalb der parlamentarischen Arbeit wieder Projekte anzugehen. Wieder Zeit haben für das Gesellschaftspolitische, das ist im Grunde genommen ja genau das, was mich am meisten interessiert.
Weil Sie befreit vom parlamentarischen Korsett mehr bewirken können?
Genau. Im Gemeinderat war es noch möglich, Ideen direkter umzusetzen. Im kantonalen Parlament mit den Fraktionen, mit dem festen Jahresablauf, mit Rechnung, Budget, Gesetzestexten, ist man schon sehr eingebunden und es spielt sich alles auf einer hohen Ebene ab. Die Prozesse sind meist langwierig, die Wirkung oft kaum spürbar. Aber natürlich ist es sehr wichtig, die grossen Weichen zu stellen. Für mich aber sehe ich es als grosse Chance, wieder auf den Boden zurückzukommen, in dieses Dorf, in die Region.
Klingt so, als hätte es so kommen sollen.
Ja, ich denke wirklich, es ist richtig so. Für mich bedeutete die Nichtwiederwahl eine durch und durch positive Wendung.
Sie sprachen von neuen Projekten. Eines davon haben sie im August angestossen: ein Spiel- und Begegnungsplatz für Wittnau.
Die Idee ist ein Allmendplatz für generationenübergreifende Begegnung und Bewegung. Nach den Erwachsenen werden sich im Februar nun die Kinder im Rahmen eines Mittmachnachmittags auf kreative Art einbringen können. Eine weitere Idee ist der Einbezug eines Brunnens. Wittnau hat viele wunderbare und hochwertige Dorfbrunnen aus Mägenwiler Muschelkalk, die durch ihre Lage an der Hauptstrasse viel an Wert verloren haben. In diese Brunnen geht niemand mehr baden, weil sie gefährlich nah an der Strasse stehen. Einen Brunnen würden wir gerne auf den neuen Platz stellen. Er würde Trinkwasser liefern, die Kinder könnten darin baden, aus dem Auslauf liesse sich eine Feuchtfläche machen. Im Moment sind wir am Abklären, wer auf seinen Brunnen verzichten würde, um das zu ermöglichen. Die Idee gefällt aber nicht allen im Dorf. Es gibt auch Opposition.
Wobei Opposition für Gertrud Häseli kein Hinderungsgrund ist. Sie sind bekannt dafür, dass Sie zu Ihren Überzeugungen stehen und sich nicht vom Weg abbringen lassen.
(Lacht) Ich mache keine schlechten Erfahrungen damit, dass ich mich exponiere. Ich habe das Urvertrauen, dass ich Leute mit ins Boot holen und etwas bewegen kann. Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, sich in Wittnau zu treffen, als diesen Platz, aber es gibt auch Leute, die für ein Treffen nicht in ein Restaurant gehen wollen. Die brauchen einen anderen Raum. Denn die Zeiten sind vorbei, als man sich auf dem Bänkli vor den Häusern zu einem Schwatz traf. Die Individualisierung der Menschen ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass man sich kaum mehr traut, die Grenzen eines Hausplatzes zu überschreiten, ohne sich vorher anzumelden.
«Ich will auch wissen, was andere denken»
Fortsetzung des Interviews mit Gertrud Häseli
Der Spiel- und Begegnungsplatz ist nicht das einzige Engagement, mit dem sich Gertrud Häseli nach ihrem Abschied aus der Politik beschäftigt.
Simone Rufli
NFZ: Sie sind nach wie vor auch ehrenamtlich tätig.
Gertrud Häseli: Ich bin im Vorstand von Bio Aargau und setze mich dort für Biolandwirtschaft und -Ernährung ein und in der Wohnbaugenossenschaft, die mit Geld aus einer Erbschaft gegründet wurde sowie der Stiftung für das Alter Wittnau. Zusammen mit der Gemeinde möchten wir im Dorf Raum schaffen für betreutes Wohnen im Alter. Wir sind gerade in Verhandlung mit der Gemeinde und Landbesitzern. Es geht um die Umsetzung eines Bauprojekts nach dem Vorbild von Casa Cura, also Kleinwohnungen mit Gemeinschaftsteil, und das in Zusammenarbeit mit dem Verein für Altersbetreuung im Oberen Fricktal VAOF als Bindeglied zu den Altersheimen. Betreutes Wohnen könnte ein Teil der Versorgungsregion Gesundheit sein, die am Entstehen ist.
Apropos Gesundheit. 2019 sagten Sie: «Künftig sollten wir weniger arbeiten, um Geld zu verdienen, unsere Zeit brauchen für die Betreuung der Kinder, der alten Leute, für Bildung und Kultur und zum Pflegen von Beziehungen.»
Bei Corona ist genau das passiert. Weil die Leute daheimbleiben sollten und ihrer bezahlten Arbeit nicht mehr nachgehen konnten, haben sie wieder angefangen zu kochen, zu backen und sich umeinander zu kümmern. Ich glaube, uns Menschen ist das ein Grundbedürfnis. Bei der ganzen Versklavung des Menschen für Geld sind wir uns gar nicht bewusst, was wir alles aus der Hand geben. Dabei kommt mir immer die Geschichte mit dem Fischer in den Sinn, der mit einer Angel zufrieden am Bach steht, als einer kommt und ihm rät, zehn Fischerruten zu kaufen, eine Fischfabrik aufzutun und dann Ferien zu machen. Dabei hat er ja mit einer Fischerrute und einem Fisch bereits seinen Frieden.
Wie steht es denn um Ihr Bedürfnis nach Erholung?
In all meinen Engagements, in den bezahlten und den unbezahlten, ist immer auch ein Teil Ferien und Erholung enthalten. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich Kraft und Energie direkt aus meinen Tätigkeiten schöpfe.
Kraft schöpfen Sie unter anderem aus der Hauswirtschaft.
Das ist meine Passion! Das grosse Problem ist, dass Hauswirtschaft so abgewertet ist. Stricken ist zwar wieder im Trend. Umgekehrt hat es im Brockenhaus in Aarau einen Container voll handgestrickter Socken, die niemand will. Das andere grosse Thema ist, dass sich Frauen selber abwerten, dass die Gesellschaft Frauenarbeit abwertet. Alles, was nah am Menschen ist – essen, kochen, reinigen, wohnen, pflegen – wird abgewertet, auch innerfamiliär und zum Teil von Frauen untereinander.
Diesen Arbeiten einen höheren Stellenwert zu geben und beide Geschlechter dafür zu gewinnen, sollte das Ziel sein. Männer müssen auch miteinbezogen werden. Man sollte nicht vergessen, dass auch die Männer unter Druck sind mit der Erwerbsarbeit.
Eine andere Kraftquelle ist die Landwirtschaft.
Unser Hof umfasst 25 Hektaren. Wir haben 10 Mutterkühe mit ihren Jungtieren. Das Futter kommt von den bewirtschafteten Flächen, geschlachtet wird in Wölflinswil, das Fleisch wird hälftig direkt vermarktet. Die Tier-Ethik ist uns wichtig und die Biodiversität ist hoch, dank sehr vielen extensiven Flächen mit entsprechend guten Böden. Wir müssen weder Mais noch Soja zufüttern. Auch die Hochstammbäume sind ökologisch wertvolle Lebensräume für Flechten, Vögel bis zu Kleinsäugern.
Ist das die Zukunft unserer Landwirtschaft?
Bei der Ausbildung heisst es immer noch: produzieren, produzieren. Eine totale Fehlentwicklung. Dabei haben wir zu viel Milch und zu viel Fleisch. Aber diese Lobby ist enorm stark und sich gegen dieses System zu stellen ist nicht einfach. Viele Bauern gehen an ihre Grenzen, arbeiten bis zum Umfallen und trauen sich doch nicht, etwas zu ändern. Klar stellt sich die Frage, wer produziert am Ende unsere Nahrungsmittel. Aber die Preise für die Nahrung sinken ständig, während die Produktivität laufend höher wird. Das geht auf Kosten der Bauern und der Biodiversität.
Sie leben grün, waren im Gemeinderat aber parteilos und traten der Grünen-Partei erst bei, als Sie in den Grossen Rat gewählt wurden. Gemäss eigener Aussage können Sie mit allen umgehen.
So ist es. Ich will auch wissen, was andere denken. Es geht für mich um Respekt und Toleranz gegenüber der Meinung anderer. Je mehr wir uns als Gesellschaft auseinanderdividieren lassen, umso schwieriger wird es. Bringt man die Leute hingegen zusammen, merkt man, das sind Menschen mit Emotionen.
Sie sprechen aus Erfahrung.
Ich bin Mitglied in der Trachtengruppe Gipf-Oberfrick – ein gutes Lernfeld, denn dort pflege ich meine SVP-Freundschaft. (lacht). Wir haben Baselbieterinnen in der Gruppe, die sind gerne als Ehrendamen bei Blocher-Auftritten dabei. Das Miteinander funktioniert bestens. Abgesehen davon interessiere ich mich für das Handwerk, die schönen Stoffe, Stickerei, den Schmuck.
Übrigens gibt es für die Fricktaler Festtagstracht keinen Stoff mehr für die Schürze. Die letzten Schürzen wurden in Kienberg von Hand gewoben. Die Webstühle stehen noch dort im Keller. Vielleicht finden wir doch noch eine Handweberin.
Apropos Fricktaler Tracht: Sie stammen ursprünglich aus der Ostschweiz, aus Wil St. Gallen, fühlen sich aber als Fricktalerin?
Ich bin daheim, wo die Familie ist, und die ist hier. Ich möchte auch hier beerdigt werden.
Die Trachtengruppe war mir übrigens eine grosse Hilfe bei der Integration, als ich an der Bäuerinnenschule anfing. Mein Einstig erfolgte dann über eine Theateraufführung. Da habe ich auf einen Schlag die ganze Oberfricker Frauen-Szene kennengelernt. Jetzt leben zwei unserer Töchter in Gipf-Oberfrick.
Als Präsidentin der Frauenzentrale unterstützen Sie heute auch Frauen.
Frauen, die nicht so stark sind, bei Fragen zu Mutterschaft, Migration oder Scheidung. Vernetzung von Frauen ist wichtig. Zusammen mit Frauen Aargau, gewachsen aus der ehemaligen Frauen Lands Gemeinde, bemühen wir uns auch, Frauen für politische Ämter zu gewinnen. Marianne Binder in den Ständerat, Maja Riniker in die Regierung, das sind wichtige Schritte.
Im September 2018 forderten Sie eine Reform der Gemeindelandschaft. Nur noch fünf Gemeinden fürs Fricktal, in sechs Jahren.
(Lacht) Ich brauche Verlängerung. Aber ja, das ist immer noch meine Meinung, ganz klar.
Woran scheiterte es bisher?
Vielleicht liegt es an den patriarchalen Strukturen? Die «Landschlachten» zwischen den Gemeinden, die werden genau in diesen Kreisen ausgetragen. Wichtig ist, dass jeder seine Pfründe wahren kann. Auch der innerfricktalische Finanzausgleich ist so ein Thema. Von den armen Gemeinden kommt regelmässig die Forderung an den Kanton: Schickt uns mehr Geld. An den Strukturen aber wird nicht gerüttelt.
Sie exponierten sich auch mit der Aussage, die Sisslerfeld-Erschliessung sei überflüssig, fragten wozu noch mehr Leute und mehr Verkehr.
Und das auf den wertvollsten Böden Europas! Ich frage mich einfach, was ein Verkehrskonzept da noch ausrichten soll. Wir haben ganz einfach zu viel Verkehr und zu wenig Platz. Auch die Rheintalbahn wird daran nichts ändern. Anstatt die Parameter zu ändern, werden Scheingefechte geführt. Ich glaube, ich würde sogar mit der SVP gegen die 10-Millionen-Schweiz stimmen. Diese extreme Einwanderung, das hat ja alles mit unserem Wirtschaftswachstum zu tun. Wollen wir das wirklich? Vielleicht sollten wir die Arbeit stattdessen neu verteilen und neu denken.
Ende 2021 wurden Sie aus dem Gemeinderat von Wittnau verabschiedet. Sie bekamen eine Sonnenliege geschenkt. Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, Sie liegen sehr selten darauf.
(Lacht.) Nur schon zu wissen, ich könnte draufliegen, ist ein sehr gutes Gefühl. Aber nein, ich verschiebe nichts auf später. Mein Leben ist hier und jetzt, und das ist gut so. Der Ausgleich zwischen meinen Bedürfnissen und jenen der Familie stimmt.
Um den Kreis zu schliessen und zum betreuten Wohnen zurückzukehren. Wie stellen Sie sich das Wohnen im Alter vor?
Ich kann mir vorstellen zu gegebener Zeit hinunter ins Dorf zu ziehen. Denn ohne Auto ist es schwierig hier. Es wird auf den richtigen Moment ankommen, diese Veränderung anzugehen.


