Sie hat der High-Society die Haare geschnitten

  06.04.2022 Persönlich, Rheinfelden

Gertrud Suhr-Derrer kann sich noch gut an Rheinfelden in den 1950er-Jahren erinnern, als Kurgäste während Monaten im Grand Hôtel des Salines logierten. Sie arbeitete damals als Lehrtochter in einem Coiffeur-Salon, in dem die reichen Damen ein und aus gingen.

Valentin Zumsteg

Die 80-jährige Gertrud Suhr-Derrer ist eine lebensfrohe Frau. Wenn sie aus ihrem Leben erzählt, lacht sie gerne – auch wenn sie schwierige Zeiten erlebt hat. Aufgewachsen ist sie in Laufenburg. Als sie 14 Jahre alt war, starb ihr Vater, der auf Montage in Israel arbeitete, überraschend. «Er ertrank, als er eine Frau aus dem Wasser retten wollte. Sie überlebte, er konnte nicht mehr reanimiert werden», schildert Gertrud Suhr. Dieser Schicksalsschlag verändert für Gertrud das ganze Leben.

Zum Fünf-Uhr-Tee im noblen Hotel
«Ein Onkel hatte meinem Vater versprochen, dass er mich zu sich und seiner Frau nehmen würde, falls ihm jemals etwas zustossen sollte.» Und so geschah es: 1956, Trudi war gerade 15 Jahre alt, kam sie nach Rheinfelden zum Ehepaar Brutschy, das keine eigenen Kinder hatte. Otto Brutschy war im Städtchen ein bekannter Mann, der in der Kupfergasse 17 einen grossen Coiffeur-Salon betrieb.

«Ich machte bei ihm eine Coiffeur-Lehre. Mir fehlte aber eine gewisse Begabung, um wirklich Freude daran zu haben. Otto Brutschy war ein strenger Lehrmeister, privat aber sehr grosszügig», berichtet Getrud Suhr. Auch wenn Coiffeuse nicht ihr Wunschberuf war, konnte sie doch in eine andere Welt eintauchen. Denn in den Nachkriegsjahren blühte das Kurwesen in Rheinfelden nochmals auf. «Im Grand Hôtel des Salines logierten viele reiche Kurgäste aus England, Frankreich und Russland. Diese blieben in der Regel für ein bis zwei Monate in Rheinfelden, manche ein halbes Jahr. So kamen sie auch zu uns.»

Die reichen Damen gingen im Coiffeur-Salon Brutschy ein und aus. Das war für Gertrud Suhr eine interessante und lehrreiche Zeit. «Eine Engländerin lud mich einmal ins Hôtel des Salines zum Fünf-Uhr-Tee ein. Ich staunte über den Luxus, den das Hotel bot. Es gab wertvolle Teppiche, edle Brokat-Stühle und dicke Vorhänge. Die Gäste wurden nach Strich und Faden verwöhnt.»

Auf eigenen Beinen stehen
Otto Brutschy ging jedes Jahr für zwei bis drei Wochen nach Paris, um sich bei einem befreundeten Coiffeur weiterzubilden und die neuste Mode kennenzulernen. Aus der französischen Hauptstadt brachte er jeweils Schmuck mit, den er seiner Kundschaft in Rheinfelden verkaufte. «Zu unseren Stammkundinnen gehörten auch die Direktoren-Gattinnen von zahlreichen Rheinfelder Betrieben wie Feldschlösschen und Salmen. Ich lernte sehr viele Leute kennen.»

Das Leben im Städtchen präsentierte sich damals noch etwas anders als heute. Es gab mehrere Metzgereien und Bäckereien, ein Kaufhaus und sehr viele Geschäfte, in denen man die Artikel des täglichen Bedarfs kaufen konnte. «Es war sehr lebhaft – und man kannte sich.» Nach der Lehre wollte Getrud endlich auf eigenen Beinen stehen, denn bisher war jeweils von anderen über ihr Schicksal entschieden worden. «Ich musste mich endlich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln, das war mir wichtig.» So entschied sie sich, Rheinfelden zu verlassen und nach Basel zu ziehen. Dort arbeitete sie in verschiedenen Coiffeur-Salons.

Mit 20 Jahren lernte sie ihren künftigen Ehemann kennen, nach kurzer Zeit wurde geheiratet und ein Jahr darauf kam bereits der erste Sohn auf die Welt. Nach einigen Jahren in Basel zog die Familie nach Oberhof in ein eigenes Haus. Gertrud Suhr arbeitete nicht mehr als Coiffeuse, sondern widmete sich ganz dem Haushalt und den beiden Söhnen.

Zurück ins Fricktal
Im Alter musste das Paar Oberhof verlassen und nach Gontenschwil ziehen, da der Mann an einer Muskelkrankheit litt und eine rollstühlgängige Wohnung benötigte. Nach dem Tod des Mannes («wir waren 47 Jahre verheiratet») zog Getrud Suhr wieder ins Fricktal – und zwar nach Rheinfelden. «Mein Mann hatte mir dies geraten.» Und so lebt sie seit 2009 wieder im Zähringerstädtchen, diesmal im Roberstenquartier.

Auch wenn sie heute nicht mehr viele Leute von früher kennt, geniesst sie das Leben hier. «Ich gehe jeden Morgen ins Sole uno schwimmen und am Nachmittag mache ich einen grösseren Spaziergang. Wenn ich im Park irgendwo sitze, komme ich schnell ins Gespräch mit den Leuten», freut sie sich. Sie pflegt den Kontakt mit den Nachbarn, nimmt sich gerne Zeit für einen Kaffee und einen Schwatz.

Das Städtchen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. «Ich staune, wie schön die Häuser heute sind. Da wurde viel investiert.» Überrascht ist sie auch, wie viele Coiffeur-Salons es heute gibt. «Früher waren es nur eine Handvoll.»

Den Entscheid, wieder zurück nach Rheinfelden zu ziehen, wo sie als junge Frau den Damen der High-Society die Haare schnitt, hat Gertrud Suhr nie bereut.


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