Mehr als nur der Kiosk-Mann

Mi, 22. Sep. 2021
«Was ich hier mache, ist nicht Arbeit. Ich lebe mein Leben», sagt Patrick Müller. Foto: Valentin Zumsteg

Seit 2019 führt Patrick Müller den Quartier-Kiosk im Rheinfelder Augarten. Der ehemalige Rapper hat daraus einen Treffpunkt für die ganze Siedlung gemacht.

Valentin Zumsteg

Selbst an seinem freien Nachmittag ist Patrick Müller in seinem Quartier-Kiosk im Zentrum des Augartens anzutreffen. Er sitzt dann am Stammtisch vor dem kleinen Verkaufsladen und klopft mit einigen Anwohnern einen Jass. Der 42-Jährige schaut, dass sich alle wohlfühlen und eine gute Zeit miteinander verbringen können. Mit seiner freundlichen und fröhlichen Art bringt er die Leute in seinem Kiosk, der mittlerweile eigentlich ein Bistro ist, zusammen. «Was ich hier mache, ist nicht Arbeit. Ich lebe mein Leben. Es macht Spass und daneben verdiene ich damit mein Geld», sagt er mit einem Lachen.

«Der schönste Ort der Welt»
Diese Einstellung sorgt dafür, dass er trotz langer Präsenzzeit und einer 60-Stunden-Woche kaum je gestresst oder genervt wirkt. Er scheint immer Zeit für einen kleinen Schwatz oder zumindest für einen Spruch zu haben. «Der Kiosk soll ein Begegnungszentrum für alle Menschen sein. Deswegen ist es wichtig, dass wir sieben Tage die Woche offen haben», sagt Müller, der im Augarten mit einer tunesischen Mutter und einem Schweizer Vater aufgewachsen ist und auch heute noch mit seiner Partnerin dort wohnt. Wegziehen kommt für ihn nicht infrage.

«Die Siedlung bedeutet mir sehr viel. Es war toll, hier aufzuwachsen. Für mich ist es noch immer der schönste Ort der Welt.» Er findet es aber schade, dass der Augarten teilweise einen schlechten Ruf hat. «Ich will helfen, dies zu ändern. Auch mit meinem Kiosk, der die Menschen zusammenbringt und das Quartiergefühl stärken soll.»

Von der Bühne in den Kiosk
In jüngeren Jahren hätte er sich nie vorstellen können, dass er einmal einen Kiosk führen würde. Nach der Schule hat er das KV gemacht. Er arbeitete einige Jahre auf dem Beruf, doch das Büro war nicht seine Welt. Seine wahre Leidenschaft gehörte damals der Musik. Er war Mitglied der Rap-Crew «Soundkolonee» und feierte einige Erfolge. «Wir waren in der Szene populär und traten in der ganzen Schweiz auf. Am Basler Jugendkultur-Festival haben wir vor einigen Tausend Zuschauern gespielt. Wir waren eigentlich jedes Wochenende unterwegs.» Die «Soundkolonee» produzierte auch Beats für Gimma und Bligg.

Sie haben damals auch selber Auftritte organisiert. So buchten sie einmal das damals noch völlig unbekannte Duo Lo&Leduc, das dann im Möhliner «No Limit»-Pub vor «Soundkolonee» auftrat. Heute sind Lo&Leduc nationale Stars, welche mit ihrem Song «079» einen der grössten Schweizer Hits verbuchen können.

«Das war meine Chance»
Patrick Müller hielt sich jahrelang mit Jobs und Musik über Wasser. 2012 hatte er aber genug von den Auftritten und die Band «Soundkolonee» wurde aufgelöst. «Vielleicht gibt es aber irgendwann einmal ein Abschiedskonzert in Rheinfelden.» Mit den Bürojobs wurde er allerdings auch nicht glücklich. Als er dann hörte, dass der Kiosk im Augarten zum Verkauf steht, packte er die Gelegenheit beim Schopf: «Das war meine Chance, um aus dem Angestellten-Dasein rauszukommen. Ich wollte mich immer schon selbständig machen und auf eigene Rechnung arbeiten. Ich glaube, ich war nie ein einfacher Mitarbeiter für meine Vorgesetzten.» Nach einer kurzen Umbauzeit öffnete er am 6. Juli 2019 seinen Kiosk – zufällig war das auch sein 40. Geburtstag. «Alles kam da zusammen.» Müller hat dafür gekämpft, dass er vor dem Kiosk einige Tische und Stühle aufstellen darf. Das ist ihm gelungen. «Mit den Zigaretten macht der Kiosk den grössten Umsatz, doch das Geld verdiene ich mit den Getränken.» Der Start ist geglückt, doch die Pandemie hat sich ab März 2020 stark bemerkbar gemacht. «Corona war ein Schlag ins Gesicht. Der Umsatz ist massiv eingebrochen. Wir durften zwar immer offenhalten, doch es kamen während einiger Monate weniger Leute. Ich hatte Angst um die Zukunft des Kiosks.» Auf seine Stammkundschaft konnte er sich allerdings verlassen. «Diese Leute haben uns die Treue gehalten und dafür gesorgt, dass wir überlebten.» Seit Mai 2021 ziehe der Umsatz wieder kräftig an. Heute gibt es Stammtisch-Gruppen am Morgen, Mittag und am Abend

Comedy aus dem Kiosk
Doch Illusionen muss man sich nicht machen, mit dem Kiosk wird man nicht reich, wie Müller betont: «Ich verdiene heute vielleicht die Hälfte meines damaligen Lohnes als Angestellter. Doch zurück möchte ich nicht.» Im Gegenteil: Müller hat viele Pläne für die Zukunft. Er will das Wirtepatent machen und später vielleicht weitere Kiosks übernehmen. «Als Selbständiger will man sich immer weiterentwickeln.» Und er träumt von einem erfolgreichen eigenen YouTube-Kanal. «Ich möchte Comedy aus dem Kiosk machen. Was wir hier manchmal erleben, ist schräg und lustig.»

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