Der erste Spaziergang über die Brücke

Mi, 20. Mai. 2020
Der erste Tag der teilweisen Grenzöffnungen auf der Rheinbrücke: Es herrschte immer ein Kommen und Gehen in beide Richtungen – aber weit entfernt von früheren Samstagen.

Die Rheinbrücken sind offen, bleiben für die meisten aber geschlossen

So richtig wusste keiner, was die Grenzlockerungen am vergangenen Samstag bringen würden. Während Einkaufen und Spazierengehen auf der anderen Seite der Rheinfelder Rheinbrücke und der Bad Säckinger Holzbrücke nach wie vor verboten sind, gibt es zumindest Erleichterungen für Paare und Familien.

Boris Burkhardt

Es ist durchaus ein Kommen und Gehen auf der Rheinbrücke zwischen den beiden Rheinfelden am frühen Samstagnachmittag. Aber es ist weit entfernt von dem Verkehr an Fussgängern und Velofahrern, die normalerweise an diesem Wochentag unterwegs wären. Es ist ein angenehm warmer Tag: Die Sonne scheint und in der nahegelegen Marktgasse in Rheinfelden herrscht auf der Strasse und im Aussenbereich der Gastronomie fast ein normales Treiben, trüge die Kellnerin keinen Mundschutz.

Keine Bundespolizisten und Grenzwächter zu sehen
Weit und breit sind keine Beamten mehr zu sehen, weder Bundespolizisten noch Grenzwächter. Noch am Freitagabend sind sie wie in den vergangenen Wochen gemeinsam am Schweizer Zollgebäude gestanden und hatten jeden Passanten nach gültigen Dokumenten gefragt. Ein älterer Schweizer steht dort, wo tags zuvor noch die Beamten standen, und hält konsterniert inne. «Ich bin baff!», erklärt er auf Nachfrage: Er habe nichts davon mitbekommen, dass nun nicht mehr vor Ort kontrolliert werde. Auch in der Güterstrasse in Badisch-Rheinfelden ist es sehr still. An einem frühen Samstagnachmittag herrscht hier auf den Parkplätzen von Aldi, Lidl, Netto und dm normalerweise ein Verkehrschaos. Die Mitarbeiterin eines der Discounter will Schweizer Kunden gehört haben und auch auf dem Parkplatz haben zwei Fahrzeuge Schweizer Nummernschilder. Aber das sind vermutlich wie bisher Dienstwagen von deutschen Grenzgängern. Ausserdem dürfen neu wieder Schweizer Grenzgänger und Familienbesucher in Deutschland während ihres Aufenthalts einkaufen.

Nur in Ausnahmefällen
Es ist eine absurde Situation, die die grosse Politik den Bewohnern diesseits und jenseits der Grenze zumutet: Alle Grenzübergänge sind seit Samstag wieder offen, auch jene zuvor komplett gesperrten über die Wasserkraftwerke zwischen Bad Säckingen und Augst. Passiert werden dürfen sie aber nach wie vor nur in Ausnahmefällen: Pendler, Besuche von Verwandten und Lebenspartnern, Termine beim Arzt und vor Gericht. Einkaufstourismus gehört nicht dazu, weshalb ein älteres Ehepaar aus Basel nur bis zur Mitte der Rheinbrücke geht. Sie kauften normalerweise bis zu dreimal die Woche in Deutschland ein, erzählen sie, inzwischen hätten sie aber auch das Angebot der Schweizer Discounter entdeckt. Von der Mundschutzpflicht in Deutschland haben sie noch nichts gehört. Dennoch würden sie als erstes wieder in Deutschland essen gehen, sobald sie wieder einreisen dürften, sagt die Frau. Die Restaurants durften in Baden-Württemberg gestern wieder öffnen.

Auch Spaziergänge im Nachbarland sind vorerst nicht erlaubt: Zwei junge Freundinnen aus Deutschland verzichten nach dieser Information auf den Bummel durch die Marktgasse und kehren lieber wieder um. Ebenso ein Zahnarzt aus Badisch-Rheinfelden mit seinem Sohn, er hatte sich grössere Lockerungen erhofft, nachdem er seit rund zwei Wochen wieder seine Schweizer Patienten empfangen darf. Tatsächlich sind schon seit der ersten Änderung Ende April mehr Grenzübertritte möglich als in den ersten sechs Wochen des Shutdowns.

Das erste Glace mit der Freundin
Seit Samstag gibt es weitere Verbesserungen. Davon profitiert auch ein junges Paar auf einer anderen Grenzbrücke über den Rhein, der Säckinger Holzbrücke, die im Gegensatz zur Rheinfelder Brücke seit dem 17. März für zwei Monate verrammelt und verriegelt war. Das Paar, ein Schweizer und eine Venezolanerin, die erst vor kurzem nach Bad Säckingen zog, isst am Samstagabend genüsslich ein Glace, während es über das Säckinger Wahrzeichen nach Stein schlendert. Wochenlang erklärte er den deutschen Grenzbeamten im Zollamt hinter der Fridolinsbrücke jedes Mal aufs Neue, warum er seiner ortsfremden Freundin bei der Einrichtung der Wohnung in Bad Säckingen helfen müsse. «Einmal musste ich eine halbe Stunde diskutieren; aber es hat jedes Mal geklappt», berichtet er stolz. Jetzt hat sie eine Selbstdeklaration ausgefüllt, dass sie ein Paar sind und erstmals darf sie ihren Freund in Stein besuchen.

Wenn man solche Geschichten hört, kann man den Plakaten nachempfinden, die am beiseitegeschobenen Absperrzaun auf der deutschen Seite hängen: Die Grenzschliessung wurde hier vor allem als schmerzhafte Trennung von Familien, Paaren und Freunden kritisiert, einige Kommentare driften allerdings in Verschwörungstheorien ab.

Ein weiteres Paar im besten Alter, er Deutscher, sie Schweizerin, die in Deutschland wohnt und in der Schweiz arbeitet, wagt den ersten Spaziergang über die Brücke. Sie hat eine Selbstdeklaration für Verwandtenbesuche dabei, die sie als Schweizer Staatsbürgerin aber nie gebraucht hätte. Darüber, dass er sich nach wie vor illegal in der Schweiz aufhält, haben die beiden hingegen nicht nachgedacht und machen deshalb kurz vor dem Steiner Ufer kehrt.

Genau dort, am Steiner Ufer, haben sich der Schweizer und die Venezolanerin inzwischen auf die Bank direkt neben dem Brückeneingang gesetzt. In den ersten Abendsonnenstrahlen dieses historischen Samstags geniessen sie das restliche Glace und den romantischen Ausblick aufs St. Fridolinsmünster.

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