«Der Vater war ein ganz Spezieller»

Sa, 08. Feb. 2020
Beatrice Erhard-Treier kann im Schreiben ihre Gedanken und Erinnerungen fliessen lassen. Foto: zVg

Beatrice Erhard-Treier veröffentlicht mit «Zittergras + Bier» ihre Autobiographie

«Ich musste nicht, ich durfte schreiben», freut sich Beatrice Erhard über ihr erstes veröffentlichtes Buch. Ebenso freut sie sich über den befreienden Schreibprozess. Geschrieben hat sie keinen Liebes- oder Abenteuerroman, auch keinen Krimi. Dennoch beinhaltet «Zittergras + Bier» von allem etwas. Die Laufenburgerin erzählt von ihrer schweren Kindheit.

Susanne Hörth

Einen Wiesenblumenstrauss, angereichert mit viel Zittergras, pf lückte die kleine Beatrice immer dann, wenn die Mutter wieder unter den Launen und den Schlägen des Vaters zu leiden hatte. Es waren unzählige solch tröstender Sträusse, welche die Tochter der Mutter heimbrachte. Auch wenn zwischen damals und heute mehr als ein halbes Jahrhundert liegt, so sind die Erinnerungen an eine nicht einfache Kindheit in der Armenwohnung in Wölf linswil bei Beatrice Erhard-Treier in einer aussergewöhnlich klaren Deutlichkeit nach wie vor präsent.

Sie sitzt beim Gespräch mit der Journalistin am Tisch in ihrem schönen Zuhause in Laufenburg. Durch die grosse Glasscheibe der Terrassentüre fällt das Sonnenlicht, zaubert tanzende Punkte in den Raum. Über der Kommode hängt ein Foto mit vielen Erwachsenen und Kindern darauf. «Es ist schon ein paar Jahre alt. Es ist gar nicht so einfach, unsere grosse Familie mal alle zusammen auf ein Foto zu bringen», lacht die stolze Mutter von drei erwachsenen Kindern und Grossmutter von acht Enkelkindern. Die Familie, so die bald 69-Jährige, sei das Wichtigste in ihrem Leben. Seit ihrem 16. Lebensjahr wohnt sie in Laufenburg, hat hier in Alois die Liebe ihres Lebens gefunden.

Unterhalb des Familienfotos stehen zwei handgemachte Puppen. Eine hat Beatrice Erhard selbst gefertigt, die andere ist ein Geschenk von Ehemann Alois. Die schönen Puppengesichter fallen sofort auf. Schon immer, sagt Beatrice Erhard, habe sie Puppen mit hübschen Gesichtern gesammelt. Gab es in ihrer Kindheit dafür kein Geld – das war sehr oft der Fall – so bastelte sich die kleine Beatrice aus den in der elterlichen Küche gelagerten Holzscheiten halt selbst ein solches «Bäbi». Wiegte es in den Schlaf, behütete es vor bösen Worten und schmerzenden Schlägen. Wärmte es, auch wenn sie selbst fror.

Bewegte Kindheit
«Die Worte und Sätze der Geschichte sind nicht gewählt, nicht kunstvoll gesetzt – sie stehen lediglich da, so, wie sie tatsächlich ausgesprochen und erlebt wurden. Nur zu oft kommt eine lustige oder auch traurige Erinnerung dazwischen.»

So steht es im Vorwort von «Zittergras + Bier». Dem druckfrisch auf liegenden Buch, in welchem Beatrice Erhard-Treier ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen eindrücklich niederschreibt.

Schreiben gehört wie kochen, stricken und nähen zu den grossen Hobbys von Beatrice Erhard. Regelmässig geschrieben hat sie schon während ihrer 20-jährigen Tätigkeit als Katechetin bei der kath. Kirchgemeinde Laufenburg. Entstanden sind unter ihrer Feder auch schon Liebesgeschichten. Veröffentlicht hat sie diese aber nicht. Vor einigen Jahren fasste sie dann den Mut, und begann über ihre eigene, entbehrungsreiche Kindheit zu schreiben. «So wie ich sie ganz für mich persönlich erlebt und empfunden habe.» Wie kleine Puzzle-Teile fügten sich beim Schreiben traurige, nachdenkliche, schmerzliche, aber auch schöne und manchmal sogar lustige Momentaufnahmen zu einem Gesamtbild zusammen. «Ich gebe viel von mir preis, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich weiss auch, dass ich das kann und stark genug dafür bin.»

Aufgewachsen im Armenhaus
Beatrice Erhard ist als fünftes von sieben Kindern in Wölflinswil aufgewachsen. Ihre Kindheit ist geprägt von der Liebe zur Mutter und der Grossmutter. Geprägt aber ebenso vom Jähzorn und der Gewaltbereitschaft des Vaters seiner Familie gegenüber. «Unser Vater war ein ganz Spezieller. Er hat uns vieles gelernt, Vieles davon war nicht kindgerecht.» Der Vater sei aber auch ein sehr talentierter Handwerker und deshalb viel gefragter Mann bei den Leuten gewesen. Rechnungen schrieb er ungern oder gar nicht. Das Geld fehlte an allen Ecken. Es kam, wie es kommen musste: Die Familie zog ins Armenhaus. Hier im ersten Stock des «Alten Gemeindehauses» lebte die Familie insgesamt 37 Jahre lang.

Nach aussen ein «Strassenengel» und nach innen ein «Hausteufel» beschreibt die Buchautorin ihren Vater. Er war anderen Frauen gegenüber nicht abgeneigt, ebenso wenig wie dem Alkohol. Beatrice flüchtete oftmals zur geliebten Grossmutter oder zu einem netten, alten Mann im Dorf. Die Kinder mussten überall mit anpacken. Oft auch, wenn es für die kleinen Hände eine zu grosse Arbeit war oder die schmalen Rücken der Last gar nicht gewachsen waren. In die Schwere des Alltags mischten sich für die Kinder trotzdem auch immer wieder fröhliche Augenblicke. Der Vater war in seiner unsteten, heftigen Art für so manch Überraschung gut. Etwa, als er zwei seiner kleinen Töchter nach Aarau mitnahm, ihnen beiden ein Trottinett kaufte und sie dann allein über die damals nicht geteerte Strasse nach Wölflinswil heimfahren liess. Mit einem der Trottinette fuhr der Vater später von Wölf linswil an die Expo in Lausanne. Er liess sich trotz fehlendem Geld auch gerne mal mit dem Taxi in den Ausgang fahren. Seine Kinder bettelten währenddessen beim Grossi für ein paar Franken, um das Allernötigste einkaufen zu können.

Als 16-Jährige verliess Beatrice die elterliche Wohnung und begann im Restaurant Warteck in Laufenburg ein Haushaltsjahr. Anschliessend konnte sie bei einer ebenfalls in Laufenburg beheimateten Metzgerei als Ladentochter weiterarbeiten. Sie war in diesen Jahren auf sich selbst gestellt. Die Eltern kümmerten sich nicht um ihre Tochter. Unterstützung bekam sie von den Wirtsleuten, später von den Eigentümern der Metzgerei. Mit 20 Jahren heiratete sie ihren Alois.

Ihre Kind- und Jugendzeit in einem Buch zu veröffentlichen, bedeutete für die Autorin auch, dies mit der Familie zu besprechen, deren Unterstützung für das Vorhaben zu bekommen. Es brauchte auch Mut, sagt sie. Als sie das erste druckfrische Buch in den Händen gehalten habe «sind mir die Tränen die Backen hinuntergelaufen». Das grösste Kompliment für sie ist, wenn Leute, die ihr Buch gelesen haben, plötzlich auch von ihren Erinnerungen erzählen.

«Wenn die Zeit gekommen ist, in der das Zittergras blüht, werde ich mir einen Strauss pflücken, ihn auf den Stubentisch neben einem Becher Bier stellen und mich dazusetzen. Und wieder weiterschreiben.»

Verkaufsstellen von «Zittergras + Bier»: Buchhandlung Letra in Frick, Buch und Café am Andelsbach Laufenburg D

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