Die kleinen, fiesen Blutsauger

| Sa, 07. Jul. 2018

Janine Tschopp

An den warmen Sommertagen gibt es nichtsSchöneres, als draussen die Natur zu geniessen. Durch den Wald zu spazieren, auf einer Wiese zu liegen oder im Bach zu baden. Wo wir uns wohl fühlen, fühlen sich auch die unliebsamen, blutsaugenden Spinnentiere wohl. Denn Wärme sowie die Feuchtigkeit an Seen, Flüssen und Bächen sind Bedingungen, welche Zecken lieben. Und jetzt ist die Saison, in welcher die kleinen Parasiten besonders aktiv sind.

Apotheker Markus Kasper aus Möhlin empfiehlt, bei Waldspaziergängen wenn möglich auf dem Weg zu bleiben und die heiklen Gebiete mit Buschvegetation zu meiden. Zur Vorbeugung empfiehlt Kasper, im Wald langärmlige Oberteile und lange Hosen zu tragen und Insektenschutzmittel zu verwenden.

Untersuchung nach dem Waldbesuch
«Die systematische Untersuchung nach dem Waldbesuch ist die wichtigste Prophylaxe», erklärt der Apotheker, der sich als Naturschützer auch gerne und oft im Grünen bewegt. Nach dem Aufenthalt in der Natur empfiehlt er zu duschen und den ganzen Körper sorgfältig auf Zecken zu überprüfen. Insbesondere Hautfalten, wie zum Beispiel unter den Achseln, in den Kniekehlen, im Nacken- oder im Schambereich sind Stellen, wo sich die kleinen Tiere gerne aufhalten. «Dort wo die Haut dünn, feucht und warm ist», so Kasper.

Die sorgfältige Untersuchung ist laut Kasper der springende Punkt: «Während ungefähr vier Stunden bewegt sich die Zecke auf dem Körper und sucht eine optimale Stelle zum Stechen.» Wenn man den Parasiten innerhalb dieser Zeit «ablesen» kann, wird ein Stich verhindert. Manchmal müsse man bei der Überprüfung sehr lange hinschauen. Denn die braun-schwarzen Tiere sind mit einem Durchmesser von zirka 0,5 Millimeter sehr klein und bewegen sich nur langsam.

… und wenn sie doch sticht
Wenn die Zecke doch sticht, empfiehlt Kasper, das kleine Tier mit einer spitzigen Pinzette ganz vorne im Kopfbereich zu packen und gerade herauszuziehen. Es sei wichtig, Ruhe zu bewahren und sich trotzdem nicht allzu lange Zeit zu lassen, da der Parasit sonst in Stress käme und noch mehr Speichel in die Wunde abgebe. Der Stich sollte dann desinfiziert werden. Markus Kasper empfiehlt, das Datum des Zeckenstichs zu notieren. Denn Krankheitssymptome, wie zum Beispiel die Wanderröte bei der Borreliose, können bis einen Monat nach dem Stich erst auftreten.

Borreliose und FSME
Zecken können verschiedenste Krankheiten übertragen. Gemäss der Rheinfelder Dermatologin Petra Ellgehausen Sasse sind Borreliose und FSME die beiden wichtigsten. Borreliose wird durch spiralförmige Bakterien, die Borrelien, verursacht und kann überall auftreten, wo es Zecken gibt. Denn Borrelien leben im Darm von fast jeder zweiten Zecke. «Die Übertragung auf den Menschen erfolgt nicht gleich zu Beginn, sondern in der Regel nach 36 bis 48 Stunden, nämlich gegen Ende des Saugaktes, wenn die Zecke die Reste ihrer Blutmahlzeit in die Wunde zurückspuckt. Häufig werden die Zecken noch rechtzeitig entfernt. Insgesamt führt aber doch jeder zehnte Stich zu einer Infektion», erklärt Ellgehausen. Wanderröte, ein roter Ring auf der Haut, der langsam wächst, sowie grippeähnliche Symptome sind Anzeichen von Borreliose. Treten diese Symptome auf, muss ein Arzt aufgesucht werden, und die Borreliose muss mit Antibiotika bekämpft werden. «Je älter der Stich, desto schwieriger die Behandlung», betont Markus Kasper. In späteren Krankheitsstadien können die Borrelien Organe befallen, und es kann zu Lähmungen sowie wandernden Gelenkschmerzen kommen.

Bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, ist der Erreger ein Virus, das in der Speicheldrüse der Zecke lebt. Die FSME kommt nur in einzelnen Regionen der Schweiz vor. Das Fricktal gehört zu den Hochrisikogebieten. «Bei FSME sind etwa vier Prozent der Zecken infiziert, also zehnmal weniger als bei der Borreliose. Das Virus wird aber unmittelbar beim Einstich übertragen», erklärt Petra Ellgehausen Sasse. Die Krankheit verlaufe in zwei Schüben. Eine bis zwei Wochen nach dem Stich trete eine Sommergrippe auf, die von selbst wieder abklingt. «Eine Woche später erkranken zehn Prozent der Infizierten an einer Hirnhautentzündung, die zu massivsten Kopfschmerzen, Lähmungen und Koma führen kann. Jeder zweite Patient trägt bleibende Schäden davon», erklärt die Dermatologin. Bei einem Prozent der FSME-Patienten führe die Krankheit sogar zum Tod.

FSME: Keine Therapie, aber Impfung
Eine Therapie gegen FSME gibt es nicht, nur die Symptome können behandelt werden. Jedoch gibt es eine Impfung. Diese empfiehlt Markus Kasper besonders für Risikogruppen, die sich häufig im Wald aufhalten. Auch Kinderarzt Kurt Schweizer von der Kinderarztpraxis «Villa Vesta» in Rheinfelden sagt: «Grundsätzlich ist die Impfung zu empfehlen.» Denn gerade Kinder werden oft durch die Parasiten befallen. Gemäss Schweizer verlaufe die Krankheit bei Kindern jedoch harmloser als bei Erwachsenen. Die offizielle Empfehlung vom EKIF (Eidgenössische Kommission für Impffragen) liegt bei sechs Jahren. «Man darf aber bereits ab dem 2. Lebensjahr impfen», erklärt Kurt Schweizer. Besonders Eltern von Kindern, die Waldspielgruppen besuchen, wünschen laut dem Kinderarzt bereits eine frühzeitige Impfung. «Wir haben den Eindruck, dass es dieses Jahr mehr Zeckenfälle gibt, als in anderen Jahren», so Kurt Schweizer.

Auch das BAG (Bundesamt für Gesundheit) verzeichnet 2018 mehr Arztbesuche aufgrund von Zeckenstichen als in den Vorjahren. Bis Ende Mai wurden schweizweit hochgerechnet 11 000 verzeichnet. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 6800 und 2016 über 10 300 Arztbesuche. Auch die Zahl der gemeldeten FSME-Fälle beim BAG ist dieses Jahr hoch. So sind es aktuell (jeweils im Zeitraum zwischen Jahresbeginn und 26. Juni) 129 Fälle, gegenüber 69 im Vorjahr und 65 im 2016.

«Der Nutzen vom Wald überwiegt»
Auch Kurt Schweizer empfiehlt, dass Kinder nach dem Waldbesuch duschen und anschliessend sorgfältig auf Zecken untersucht werden. Und falls es zum Stich kam, gut zu beobachten, ob eine Wanderröte, als offensichtlichstes Zeichen der Borreliose, auftritt. Der Kinderarzt betont, dass sich die Kinder und ihre Eltern zwar vor Zecken schützen, aber nicht von einem Waldbesuch abhalten lassen sollen. Für Kurt Schweizer ist klar: «Der Nutzen, Zeit im Wald zu verbringen, überwiegt bei weitem.»

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