«Arme Leute sind öfters krank und sterben früher»

| Do, 15. Feb. 2018

Isabella Hossli, Leiterin des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes Oberes Fricktal weiss, dass Armut auch im Fricktal präsent ist. Im Interview mit der NFZ begibt sie sich auf einen Streifzug zwischen Reichtum, Mittelstand und Armut.

Von Bernadette Zaniolo

NFZ: In der Schweiz leben rund zehn Prozent der Wohnbevölkerung an oder sogar unter der Armutsgrenze. Wie sieht das im Fricktal aus?

Isabella Hossli:  Mir sind keine expliziten Zahlen bekannt. Vergleiche ich jedoch mit den Sozialhilfezahlen Aargau  wird es in etwa das Gleiche sein. Doch aus Scham reden viele nicht darüber und nehmen keine Hilfe in Anspruch.

 

Wie zeigt sich Armut bei uns?

In erster Linie durch Ausgrenzung in drei Dimensionen. Der monetären, durch die prekäre Lebenslage und aufgrund fehlender Perspektiven etwas verändern zu können.

Als Beispiel: Eine fünfköpfige Familie lebt in einer 3 ½-Zimmer-Wohnung und hat monatlich 1275 Franken Miete zur Verfügung. Die drei Kinder sind im Alter zwischen 4 und 16 Jahre. Diese haben unterschiedliche Bedürfnisse. Da sind die Spannungen vorprogrammiert, denn es besteht kein Raum (eigenes Zimmer) für Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre. Jetzt wird die Wohnung renoviert, was zwar toll ist, aber sie kostet dann auch mehr. Das bedeutet, die Familie muss ausziehen. Jetzt kommt die dritte Dimension (fehlende Perspektive). Die Familie hat fast keine Chance eine geeignete Wohnung zu finden, ohne sich langfristig zu verschulden.

Ein anderes Beispiel: Ein Familienvater mit Frau und zwei Kindern im Alter zwischen zwei und vier Jahren. Er arbeitet temporär (auf Abruf) und sie putzt. Aufgrund dessen schwankt das monatliche Einkommen, mal 50 Prozent, mal 80 Prozent, mal 120 Prozent. Sie schlängeln sich knapp über der Sozialhilfe durch. Plötzlich bekommt der Mann die Chance auf eine 100-Prozent-Festanstellung. Dafür benötigt er jedoch zuerst ein Diplom als Gabelstaplerfahrer. Dieser Kurs kostet jedoch 1200 Franken. Diese kann er nicht aufbringen, also bleibt auch hier die Perspektive, die finanzielle Situation zu verändern, auf der Strecke.

Diese Menschen werden auf verschiedensten Ebenen ausgegrenzt. Der Vater kann es sich nicht leisten, mit seinen Arbeitskollegen mal ein Feierabendbier trinken zu gehen. Der Kauf eines Velos, einen Kurs besuchen wie Pilates oder so, kann sich eine solche Familie nicht einfach so leisten. Vor allem die Kinder leiden darunter. Die Gebühr und das Leibchen für den FC könnten sie sich eventuell noch leisten, aber die Schuhe und so weiter. Und von Armut betroffene Menschen brauchen mehr Anstrengungen, Energie um aus dieser Situation heraus zu kommen.

Studien belegen, dass armutsbetroffene Leute weniger Zeit haben, weniger soziale Beziehungen pflegen, mehr krank sind und früher sterben. Armutsbetroffene gehen wegen der Franchise spät zum Arzt oder Zahnarzt, denn solche unerwartete Kosten stürzen sie in ein Dilemma.

 

Mehr als jede 5. Person in der Schweiz kann keine unerwartete Auslage von 2500 Franken tätigen.

Armut zeigt sich bei uns nicht durch Hunger oder dass Betroffene in verlumpter Kleidung herumlaufen. Sie wollen dazu gehören und kaufen im Second Hand-Laden. Aber solche Situationen führen zu Stress und Stress macht krank.

 

Wie können Sie den Menschen helfen, die zu Ihnen kommen?

In vielen Fällen sind finanzielle Probleme die Beweggründe, um sich hilfesuchend an den KRSD zu wenden. Fast immer ist die finanzielle Notlage auch mit anderen einschneidenden Problemen gekoppelt, seien es gesundheitliche, rechtliche, kulturelle oder familiäre Probleme. Ich berate die Ratsuchenden und versuche mit ihnen Lösungen zu erarbeiten.

«Ich fordere die Leute auf, selber aktiv mitzuwirken.»

Ich hoffe, wenn sie hier rausgehen, dass sie Licht und einen Weg sehen, den wir gemeinsam angehen können. Ich bin nicht diejenige, die Probleme einfach abnimmt. Ich fordere die Leute auf, selber aktiv mitzuwirken. Zum Beispiel, dass die Ausbildung über ein Stipendium finanziert werden kann oder sie sich an die Schuldenberatung wenden können. Doppelspurigkeiten sollen vermieden werden. Wenn die Betroffenen im administrativen Bereich Unterstützung benötigen, so können sie diesen separaten Dienst hier auf der Regionalstelle in Anspruch nehmen.

 

Kommen die Klienten direkt zu Ihnen oder werden sie vermittelt?

Meistens ist es Mund-zu-Mund-Propaganda. Sehr viele kommen auch über Ärzte. Sie sind Vertrauenspersonen, denen man auch seine Sorgen und Probleme anvertraut.

 

Wie viele neue «Fälle» kamen im letzten Jahr auf der Regionalstelle Oberes Fricktal hinzu?

Wir reden von Kurz- und Langzeitberatungen. Wie bereits im Vorjahr stieg die Zahl der Dossiers um zehn Prozent oder gar etwas mehr an. Bei den Kurzzeitberatungen (45 Minuten bis eine Stunde) waren es 198, bei den Langzeitdossiers 82.

 

Und wie viele Personen betreuen Sie insgesamt?

Die Langzeitberatung umfasst zirka 210 Personen. Bei der Kurzzeitberatung schätzungsweise 700 Personen. Weil es sich hier oft um ein einziges Gespräch handelt, wird die Zahl der betroffenen Personen nicht eruiert und kann nur geschätzt werden.

 

«Ich bewundere Leute, die den Mut nicht verlieren und sich weiter engagieren.»

 

Gab es im letzten Jahr bei Ihrer täglichen Arbeit etwas, das Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben ist?

Ich freue mich jedes Mal in der Beratungsarbeit, wenn ein Problem gelöst werden konnte. Und ich bewundere Leute, die trotz ihrer prekären Lage und Rückschläge den Mut nicht verlieren und sich weiter engagieren. So etwa eine Frau, die sehr schnell deutsch lernte und es dadurch innert eineinhalb Jahren schaffte, als Pflegehelferin eine Anstellung zu bekommen. Besonders Freude hat mir die Arbeit bei den Rundgängen in Frick gemacht, die wir im letzten Jahr zum Thema Armut durchführten. Sie waren innovativ kreativ und stiessen auf grosses Interesse bei der Bevölkerung. Ich arbeite sehr gerne mit der Kontakt-Gruppe Asyl. Es ist ein sehr gutes Gefühl, zu sehen, wie die Freiwilligen und die Asylsuchenden zusammen lernen und etwas auf die Beine stellen.

Fabienne Jacquet (Praktikantin): Das kann ich bestätigen. Man hört sie lachen.

 

Gab es auch etwas besonders Negatives?

Isabella Hossli: Ja, manchmal. Wenn es harzt, nicht vorwärts geht. Was mich stört ist die negativen Pauschalisierungen gegenüber Ausländern und die abwertenden Aussagen gegenüber  Sozialhilfeempfänger. Besonders der Spruch: Es ist jeder selber seines Glückes Schmied. Dabei kann Armut jeden, oder sehr viele treffen. So etwa wenn jemand mit 52 Jahren die Stelle verliert und später ausgesteuert wird. Um Sozialhilfe beziehen zu können, darf eine Einzelperson im Aargau maximal 1500 Franken Vermögen besitzen. Das kann dann bei einem Eigentumswohnungs-Besitzer schon enorme Ängste auslösen.

 

Was wäre Ihr grösster Wunsch in Sachen Armutsbekämpfung hierzulande?

Dass, wer eine Vollzeitstelle (90 bis 100 Prozent) hat, ein gutes, existenzsicherndes Einkommen hat. Zudem sollte mehr in die Bildung investiert werden, vor allem im Übergangsbereich Schule/Berufsleben. Und gerade für Alleinerziehende wären bezahlbare Kita-Plätze und Tagesstrukturen wichtig. Aber generell: es muss ein Umdenken stattfinden, damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auseinander driftet. Laut dem Wirtschaftsmagazin Bilanz hat sich das Vermögen der 300 reichsten Personen in der Schweiz im letzten Jahr von 613 auf 674 Milliarden Franken erhöht. Das Bewusstsein für Armut und deren Ursachen muss mehr vorhanden sein.

Fabienne Jacquet: Automatisierung und Digitalisierung führt immer mehr dazu, dass einfachere Jobs wegrationalisiert werden. Und Menschen die einen Hochschulabschluss haben, müssen sich bis zu ihrer Festanstellung oft eine längere Zeit mit Praktikumsplätzen begnügen. Mit diesem Lohn können sie ihren Lebensunterhalt nicht stämmen.

 

Was würden Sie machen, wenn Sie im Lotto einen Sechser hätten?

Isabella Hossli: Ich habe noch nie Lotto gespielt. Wenn, dann würde sowieso ein Teil für die Steuern weggehen, einen Teil würde ich für die Ausbildung meiner Kinder investieren, einen weiteren für Spenden und einen Teil würde ich selber behalten.

 

Zu Ihnen kommen praktisch nur Menschen, die Sorgen haben. Was tun Sie um nach einem harten Arbeitsalltag abschalten, entspannen zu können?

Dadurch, dass ich ein 70-Prozent-Arbeitspensum habe, habe ich eine grosse Erholungsphase. In der Ausbildung zur Sozialarbeiterin lernten wir auch, uns abzugrenzen und trotzdem Nähe und Herzlichkeit zuzulassen. Wenn ich von einem traurigen  Schicksal Kenntnis bekomme, bedeutet es nicht einfach ein verzweifeltes «Puh», sondern schon der Abklärungsmechanismus (Gesetz und Hilfsmöglichkeiten) hilft mir, es nicht zu nahe an mich heranzulassen.

Am Feierabend, wenn ich hier den Schlüssel drehe, dann bin ich Frau Hossli und nicht mehr die Leiterin des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes. Zudem freue ich mich auf das Heimkommen. Dann ist bereits gekocht. Mein Mann ist schon pensioniert und er kocht gerne und sehr gut. Ich habe eine tolle Familie. Und Gartenarbeit ist ideal zum Abschalten.

 

 

Isabella Hossli, Leiterin Kirchlich Regionaler Sozialdienst Oberes Fricktal

2009 wurde der Kirchliche Regionale Sozialdienst Oberes Fricktal in Frick ins Leben gerufen. Seit Beginn wird der Beratungsdienst, welcher konfessionsneutral und kostenlos ist, von Isabella Hossli geleitet. Die 56-Jährige ist gelernte Pharmaassistentin. Mit 37 Jahren machte sie noch eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Sie ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie isst am liebsten «Pasta in allen Variationen». Zu ihren Hobbys gehören Biken, Kajakfahren, Lesen und Gartenarbeit. Und mit wem würde sie sich am liebsten einmal treffen? «Gerne hätte ich mich mit Iris von Rothen getroffen. Sie war eine faszinierende Frau, die sich durch ihre, für die damalige Zeit extremen Forderungen, für Frauenrechte und Gleichberechtigung engagiert hat. Ich hätte sie gefragt: was haben wir erreicht? Wo stehen wir heute? Wie zufrieden wäre sie heute?» (bz)

 

Mitarbeiter gesucht

Immer (ausser während der Schulferien) bittet der Kirchliche Regionale Sozialdienst in Frick (beim Rampart) am Donnerstag, von 15.30 bis 17.30 Uhr, eine administrative Unterstützung an, zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen und Verfassen von Briefen. Für diesen Dienst wird ein ehrenamtlicher Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gesucht. Interessierte können sich bei Isabella Hossli melden, Telefon 062 871 65 28 oder krsd.fricktal@caritas-aargau.ch. (bz)

 

Der Dienst und ein paar Zahlen

Der Kirchliche Regionale Sozialdienst Oberes Fricktal in Frick wird getragen von katholischen und reformierten Kirchgemeinden sowie der Caritas Aargau. Laut Isabella Hossli ist der Dienst in Frick der einzige im Aargau, welcher ökumenisch ist. Er bietet nicht nur Beratungen an, sondern macht auch Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich in Projekten wie etwa Tischlein-deck-dich, Meeting-Point, Deutsch in der Küche und so weiter. Der Unterschied zum Sozialdienst in den Gemeinden ist im Wesentlichen, dass die «Kunden» des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes Oberes Fricktal keine Sozialhilfe-Empfänger sind.

Gemäss den Richtlinien des Schweizerischen Sozialhilfe-Gesetzes hat eine Einzelperson zirka 986 Franken (es gibt kantonale Unterschiede) für den Grundbedarf (plus Wohnung, Krankheitskosten und Krankenkasse-Prämie) zur Verfügung. Für eine vierköpfige Familie wird der Betrag jedoch nicht um das Vierfache multipliziert, sondern beträgt dann noch rund 2110 Franken. Betrachtet man die Zahlen im Detail, so steht der vierköpfigen Familie pro Woche und Person nur 50 Franken für Nahrungsmittel zur Verfügung!

In der Schweiz sind 570 000 Personen von Einkommensarmut betroffen. Und mehr als jede 5. Person in der Schweiz kann laut Caritas Aargau keine unerwarteten Auslagen von 2500 Franken tätigen. Je 23 Prozent der Sozialberatungen in Frick nahmen Menschen im Alter zwischen 41 bis 50 Jahren und 51 bis 60 Jahre in Anspruch, 22 Prozent waren zwischen 31 und 40 Jahre alt. 58 Prozent waren weiblich. (bz)

 

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