«Zum Glück habe ich mir das angetan»
01.07.2026 PersönlichNach gewonnener Kampfwahl bekleidet er als politischer Neuling nun das Amt des Gemeindepräsidenten von Zeiningen. Die NFZ hat Andreas Geiss zum Gespräch getroffen.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Andreas Geiss, nach Ihrer Wahl zum Gemeindepräsidenten sagten Sie, wieder Ruhe ...
Nach gewonnener Kampfwahl bekleidet er als politischer Neuling nun das Amt des Gemeindepräsidenten von Zeiningen. Die NFZ hat Andreas Geiss zum Gespräch getroffen.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Andreas Geiss, nach Ihrer Wahl zum Gemeindepräsidenten sagten Sie, wieder Ruhe in den Ort bringen zu wollen und das Image von Zeiningen in jenes Licht rücken, in dem es stehen sollte. Ist das schon gelungen? Andreas Geiss: Das müssen Aussenstehende entscheiden. Ich habe den Eindruck, es funktioniert gut und dass einige strittige Punkte und Meinungsverschiedenheiten mit einem fairen, respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander bereits ad acta gelegt werden konnten.
Sie sagten damals auch: «So, wie Zeiningen in den letzten Monaten in der Presse beschrieben wurde, ist es nicht. Wir sind ein Ort der Geselligkeit und des Miteinanders – Wahlkampfzeiten ausgenommen.» Fanden Sie, die Presse machte einen schlechten Job?
Ich hatte den Eindruck, dass Einzelmeinungen im Wahlkampf extrem dargestellt wurden – was Zeiningen nicht gerecht wurde.
Trotzdem, es herrschte ein schlechtes Klima, wie man auch anhand von Leserbriefen merkte.
Es waren unterschiedlichste Quellen, und ich möchte jetzt niemanden an den Pranger stellen. Es wurde einfach ein extremes Bild erzeugt. Wer von aussen auf Zeiningen schaute und nur die Berichterstattungen las, hat sicher ein erschreckendes Bild von uns bekommen. So sind wir aber nicht.
Leserbriefe schreibt aber nicht die Presse, sondern der Bürger.
Ich sage nicht, dass die Presse einen schlechten Job gemacht hat, das wäre ein Missverständnis.
Sie sagten aber: «So, wie Zeiningen in den letzten Monaten in der Presse beschrieben wurde, ist es nicht.»
Ja. Und dazu gehörten auch kontroverse Leserbriefe. Deswegen behaupte ich nicht, dass die Presse einen schlechten Job gemacht hat.
Sie traten zu Kampfwahlen an. Zuerst gegen die damals amtierende Präsidentin, dann im zweiten Wahlgang gegen Alexander Kohler. Kohler und Sie sitzen nun beide im Gemeinderat. Wie funktioniert das?
Gut. Natürlich gibt es im Gesamtgemeinderat nicht immer nur einstimmige Meinungen. Man diskutiert, auch mal hitzig. Wir kommen aber immer zu Lösungen und Ergebnissen, dem Ort hilft’s weiter. Ich freue mich, dass ich am Anfang sehr kritisch beäugt wurde.
Sind Sie das?
Ich kam als Politneuling direkt in das Amt des Gemeindepräsidenten. Selbstverständlich steht man da erst einmal auf dem Prüfstand.
Wie hat sich das angefühlt?
Es war ein Ansporn. Trauen alle einem gleich alles zu, wäre das Standard. Da man mich nicht richtig kannte, hat man zuerst einmal schauen müssen: Kann er das? Will er das? Welche Fehler macht er, wie geht er mit diesen um? Wir schwenken nun langsam von einer Fehlerkultur in eine Lernkultur um und ich konnte schon an einigen Stellen zeigen, dass Fachthemen sauber abgewickelt werden, dass die interne Kommunikation funktioniert und wir eher Freunde als Feinde im Team sind. Ich finde, diese Entwicklung ist spürbar, und ich habe das Gefühl, dass eine gewisse Vertrauensbasis zu meiner Person aufgebaut werden konnte. Das freut mich.
Gab es nie einen Moment des Zweifelns: Weshalb nur habe ich mir das angetan?
Nein. Eher einen Moment der Bestätigung: Ja, zum Glück habe ich mir das angetan. Es tut gut zu sehen, dass man Wahlversprechen angehen und umsetzen kann: zum Beispiel bessere Kommunikation und noch bessere Arbeitsatmosphäre. Es freut mich zu erleben, dass unsere Fachexperten in der Gemeinde gut geführt und im Gesamtkontext informiert werden wollen, um gemeinsam etwas zu bewirken.
Zeiningen ist Ihre Heimat?
Auch. Ich bin in Bad Säckingen geboren und aufgewachsen. Säckingen bleibt meine Geburtsheimat. Zeiningen ist meine neue Heimat. Es ist die Heimat meiner Familie, mit meiner Frau und den Kindern. Wir fühlen uns hier zuhause.
Was gefällt Ihnen hier so besonders?
Der ländliche Charakter und das gesellige Leben mit überdurchschnittlich aktiven Vereinen.
Was gefällt Ihnen nicht an Zeiningen?
Dass auf eine Idee schnell extrem konträr reagiert wird, ohne erst zu hinterfragen, um was es vollumfänglich geht. Es gibt Situationen, da sagt man etwas – und stösst sofort auf Widerstand. Im Gesamtkontext relativiert sich das meiste wieder beziehungsweise man muss zugeben: Stimmt, da habe ich ein Detail nicht bedacht, wir berücksichtigen es noch.
Apropos Heimat: Schauen Sie eigentlich die Fussball-WM?
Ja.
Deutschland oder Schweiz?
Ich bin für …
Sie dürfen ehrlich sein.
(lacht). Ganz typisch frage ich meistens: Hätten Sie gerne eine nette oder eine ehrliche Antwort?
Nun denn.
Ich darf sagen: Ich bin für die Schweiz.
Also die nette Antwort.
Und die ehrliche!
Warum?
Weil sich meine Kinder von Geburt an mit der Schweiz identifizieren, sie fühlen sich als Schweizer, sie fiebern für die Schweiz, sie tragen die Schweizer Trikots. Ich bin aber deutlich nicht gegen Deutschland. Auf der Couch müsste ich mich in zwei Hälften teilen, würde die Schweiz gegen Deutschland spielen. (lacht)
Wenn Sie nun so hier sitzen als Gemeindepräsident, vielleicht als einer ohne Vorschusslorbeeren: Wie fühlt es sich an?
Es ist ein gutes Gefühl, zeigen zu dürfen, dass man halten kann, was man versprochen hat.
In der Politik ist das eine Herausforderung.
Zugegeben, ich hatte viel Angst und Sorge, dass unbekannte Steine im Weg liegen; Hürden, die sich jenseits zur Verfügung stehender Mittel wie Kommunikation, Argumente und konstruktivem Diskurs nicht überwinden lassen. Diese Angst war da und ich bin froh, dass ich nur die Angst als Gefühl hatte, sie aber nicht zur Realität wurde. Darum sitze ich nun hier – und es fühlt sich für mich gut und richtig an.
*Andreas Geiss, Jahrgang 1974, ist verheiratet und Vater zweier schulpflichtiger Kinder.
*Der gebürtige Deutsche zog aus beruflichen Gründen 2006 in die Schweiz. Seit 2011 wohnt er in Zeiningen.
Dieses Gespräch hat vor der K.o.-Phase der Fussball-WM stattgefunden. Deutschland stand gestern (nach Redaktionsschluss) im Sechzehntelfinal gegen Paraguay.

