Zeiningen schreibt Eiszeitgeschichte
06.06.2026 FokusDie Kiesgrube Bünte in Zeiningen ist ein Juwel für die Erforschung des Schweizer Eiszeitalters. Der Kiesabbau legt dort Ablagerungen frei, die im Verlauf mehrerer Warmund Kaltzeiten entstanden sind. 2025 wurden Sedimente freigelegt, die den weitesten Vorstoss der Schweizer Gletscher ...
Die Kiesgrube Bünte in Zeiningen ist ein Juwel für die Erforschung des Schweizer Eiszeitalters. Der Kiesabbau legt dort Ablagerungen frei, die im Verlauf mehrerer Warmund Kaltzeiten entstanden sind. 2025 wurden Sedimente freigelegt, die den weitesten Vorstoss der Schweizer Gletscher dokumentieren.
Zwischen Stein und Rheinfelden umfliesst der Rhein das Möhliner Feld. Der Untergrund besteht hier aus Dutzenden Metern Lockergestein, die es in sich haben: Gleich mehrere Eiszeiten lassen sich anhand der Schichten rekonstruieren, die hier bis zu 80 Meter mächtig sind. Die Kiesgrube Bünte in Zeiningen gibt einen Einblick in diese Lockergesteine und hat für Eiszeit-Forschende Sensationswert. Hier kommen Sedimente vor, die bei der grössten Ausdehnung der Alpengletscher im Eiszeitalter abgelagert wurden. Zu jener Zeit stiessen Gletscher aus den Alpen über das Mittelland bis ins Hochrheintal vor.
Die Erforschung der Eiszeiten ist nicht nur für Geologen interessant. Auch Klimaforscherinnen, Biologen und Archäologinnen profitieren von einem besseren Verständnis über die Geschichte der Gletscher, um beispielsweise die Sensibilität von Ökosystemen bei Klimaschwankungen besser zu verstehen. Gletscher und Eiszeiten zu erforschen, bedeutet auch, die Entwicklung der Landschaft zu untersuchen. Diese Analyse hilft bei der Risikobewertung von Naturgefahren (zum Beispiel Rutschungen) oder bei der Vorhersage der langfristigen Landschaftsentwicklung über einem geologischen Tiefenlager.
Besonderheiten im Möhliner Feld
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts untersuchten Geologen das Möhliner Feld und vermuteten Spuren der nördlichsten alpinen Vergletscherung. Doch erst in den 1990er-Jahren – bedingt durch den fortschreitenden Kiesabbau in der Grube Bünte – konnten die tieferliegenden Sedimente genauer studiert werden. Seither haben sich mehrere wissenschaftliche Studien mit den eiszeitlichen Ablagerungen befasst. Als der Abbauunternehmer 2025 den tiefsten Punkt erreichte, beauftragte die Abteilung für Umwelt den Eiszeit-Forscher Marius Büchi mit der Untersuchung der neu freigelegten Sedimente.
Der Geologe konzentrierte sich auf die Zusammensetzung und Herkunft der freigelegten Lockergesteine. Kratzer und ausgebrochene Stellen auf den Kieskörnern deuten auf den «unbequemen» Transport unter dem Gletscher hin. Teils sind die Kiesel zerdrückt, was auf die Auf last des Gletschers zurückzuführen ist. Auch die Form der Kieskörner verrät etwas über den Transport: Sind sie vorwiegend gerundet, spricht das für Flüsse, kantige Körner mit Ausbruchstellen deuten hingegen auf einen Gletschertransport hin. Mit diesen Hinweisen und dem Wissen aus älteren Untersuchungen lässt sich die geologische Geschichte der rund 30 Meter hohen Kieswand rekonstruieren.
Schicht für Schicht durch das Eiszeitalter
Die ältesten Ablagerungen finden sich am tiefsten Punkt der Kiesgrube. Dort wurden wenige Meter über der Grubensohle Grundmoränensedimente gefunden. Dieses unsortierte, stark verdichtete Sediment ist typisch für Bildungen an der Sohle eines Gletschers und es bezeugt die einstige Bedeckung des Möhliner Feldes durch einen Gletscher. Die entscheidende Spur für diesen Verlauf ist die Herkunft der Kieskörner in der Grundmoräne. Aufgrund der klaren und deutlichen Befunde ist das Möhliner Feld sogar Namensstifterin, denn Fachleute bezeichnen die zugehörige Eiszeit als die «Möhlin-Eiszeit». Wann diese Eiszeit stattgefunden hat, ist noch nicht genau bekannt, vermutet wird jedoch eine Ablagerung vor rund 500 000 Jahren. Mit Erreichen der tiefsten Abbaukote im Jahr 2025 waren erstmals auch ältere Flussschotter direkt unter den Gletschersedimenten aufgeschlossen. Diese dürften als Ablagerung der Gletscherflüsse während der erwähnten Möhlin-Eiszeit entstanden sein oder sogar aus einer noch älteren Eiszeit stammen. Für die Forschung bleibt die Aktivität in der Kiesgrube daher weiterhin von besonderem Interesse.
Über der Grundmoräne liegt eine etwa 30 Meter hohe, scheinbar eintönige Kiesschicht. Solche grossen Kiesablagerungen sind in der Schweiz nichts Besonderes: Sie entstanden überall dort, wo einst Gletscherf lüsse verliefen. Genaue Beobachtungen und Aufnahmen der Abbauwand zeigen jedoch ein komplexeres Bild. Die Kiesschicht entstand wohl im Verlauf mehrerer Kalt- und Warmzeiten. Bereits Anfang der 1990er-Jahre entdeckten die Forschenden innerhalb der Kiesschicht zwei Zwischenlagen, die als «alte Böden» interpretiert werden. Diese Bodenbildungen deuten auf klimatisch wärmere Phasen hin, in denen weniger Sedimente abgelagert wurden und die Verwitterung schneller verlief. Die Entstehung dieser Schichtabfolge geschah in der Zeit nach der Möhlin-Eiszeit bis vermutlich vor rund 180000 Jahren. Während dieser langen Periode fanden mehrere Vergletscherungen statt, die in den Habsburg- und Hagenholz-Eiszeiten zusammengefasst werden. In diesen Eiszeiten waren die Alpengletscher jedoch nie gross genug, um bis ins Möhliner Feld zu reichen.
Über der mächtigen Kiesschicht folgt eine zweite Grundmoräne, die eine weitere Gletscherbedeckung des Möhliner Feldes bezeugt. Im Kontrast zur Grundmoräne an der Grubenbasis sind in dieser jedoch plötzlich sehr viele Gesteine aus dem Schwarzwald zu finden. Es wird deswegen vermutet, dass dieser Gletscher nicht aus den Alpen, sondern über das Wehratal aus dem Schwarzwald ins Möhliner Feld vorgestossen ist. Dieser Gletschervorstoss fand vermutlich während der vorletzten Eiszeit statt, die in der Schweiz als Beringen-Eiszeit bekannt ist und vor rund 180 000 bis 130 000 Jahren stattfand. Bei den beiden Gletschervorstössen wurden zudem auch die bereits bestehenden Sedimente in Mitleidenschaft gezogen. Bei genauem Betrachten fallen Falten und versetzte Schichten in den Kiesschichten auf. Diese Verstellung der Ablagerungen durch den Gletscher wird auch Glazialtektonik genannt und ist in der Kiesgrube Bünten eindrucksvoll entwickelt.
Schliesslich kommt über der hohen Wand aus Kies und Sand ein Sediment zum Vorschein, das sich auch für Laien deutlich von den anderen unterscheidet. Es handelt sich um beige Löss-Ablagerungen, die in der Grube bis zu 10 Meter mächtig werden. Die Ablagerung erfolgte vermutlich während der letzten Eiszeit und umfasst auch noch ältere Bildungen.
Geotop von nationaler Bedeutung
Der Kanton Aargau führt ein Inventar der schützenswerten Objekte von geologischer, geomorphologischer oder geoökologischer Bedeutung. Dieses Geotop-Inventar listet natürliche Objekte auf, die erdgeschichtliche oder kulturgeschichtliche Ereignisse oder Prozesse bezeugen. Sie geben Einblick in die Entwicklung der Landschaft, des Klimas und des Lebens. Es kann sich dabei zum Beispiel um Täler, Moränenwälle, Höhlen, Ufergebiete, Steinbrüche, Findlinge oder Quellen handeln. Sie haben wissenschaftlichen Wert und sollten vor Einflüssen bewahrt werden, die ihre Substanz, Struktur, Form oder natürliche Weiterentwicklung beeinträchtigen. Dieser Schutz wird durch das Natur- und Landschaftsschutzdekret (NLD) gewährleistet. Das NLD bezieht sich insbesondere auf glaziale Landschaften und Findlinge. Die Geotope des Kantons sind in den Online-Karten unter «Geotope» verzeichnet (www.ag.ch/geoportal). Jedes Geotop ist mit einem Objekt-Blatt hinterlegt, in dem Besonderheiten und Relevanz zusammengefasst wurden. Das Archiv der Gletschergeschichte in Zeiningen ist als Objekt Nr. 120 im Geotop-Inventar des Kantons vermerkt. Es hat nationale Bedeutung aufgrund seiner Relevanz für die Erforschung des Klimas und der Gletschervorstösse. Die Informationen des Sedimentarchivs sollen auch nach Ende des Abbaus zugänglich bleiben. Wie dies genau umgesetzt werden kann, wird in Zusammenarbeit mit Kiesunternehmer, Gemeinde und Kanton in den nächsten Jahren festgelegt.
Artikel aus Umwelt Aargau Nr. 101/Mai 2026

