Wolfsrudel-Fall: «Ich war immer ein Aussenseiter»
01.05.2026 BrennpunktDie aufwändige Gerichtsverhandlung gegen die Mitglieder des sogenannten Wolfsrudels, die zwischen 2022 und 2024 eine Vielzahl von Delikten begangen haben sollen, geht weiter: Am Donnerstagmorgen sind die Beschuldigten zur Person befragt worden.
Valentin Zumsteg
Zwei der drei ...
Die aufwändige Gerichtsverhandlung gegen die Mitglieder des sogenannten Wolfsrudels, die zwischen 2022 und 2024 eine Vielzahl von Delikten begangen haben sollen, geht weiter: Am Donnerstagmorgen sind die Beschuldigten zur Person befragt worden.
Valentin Zumsteg
Zwei der drei Hauptverdächtigen im sogenannten Wolfsrudel-Fall sitzen bereits seit Mai 2024 in Untersuchungshaft respektive im vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Diese beiden jungen Männer werden zur Verhandlung jeweils mit Handschellen und Fussfesseln, flankiert von Kantonspolizisten, in den provisorischen Gerichtssaal im Obergeschoss des Rheinfelder Feuerwehrgebäudes geführt.
«Anders als die anderen»
Das Wolfsrudel, wie sich die Gruppe in ihrem Chat genannt hat, soll Dutzende von Delikten begangen haben, darunter Sabotage des Glasfaserkabel-Netzes, gewerbs- und bandenmässiger Diebstahl, mehrfache versuchte Erpressung sowie Störung des Bahnverkehrs (die NFZ berichtete). Am Donnerstag wurden die drei Hauptangeklagten, denen Freiheitsstrafen von zehn, acht und sechs Jahren drohen, vom Gericht zur Person befragt. Alle sind heute 20 Jahre alt. Bei zwei der geständigen Täter ist das Asperger-Syndrom respektive eine Autismus-Spektrum- Störung diagnostiziert. «Ich war schon im Kindergarten anders als alle anderen. Ich habe nie Freunde gefunden. Die ersten 16 Jahre meines Lebens bin ich gemobbt worden», sagte der Hauptangeklagte. Er sei überall angeeckt, was zu vielen Schulwechseln geführt habe. Erst als er in der Berufsschule zwei Gleichgesinnte kennengelernt hat, fand er Freundschaft. Daraus hat sich das Wolfsrudel entwickelt. «Wir drei tickten alle gleich.»
Gerichtspräsident Björn Bastian sprach ihn auf die Vorstrafen an, die er 2021 und 2023 – damals noch im Jugendstrafrecht – erhalten hat.
Diese bezogen sich auf Delikte in den Jahren 2019, 2020 und 2021. Die Straftaten, für die er jetzt vor Gericht steht, wurden von 2022 bis 2024 begangen. «Es ging also nahtlos weiter», so der Gerichtspräsident. Er wollte wissen, ob er nichts daraus gelernt habe? «Ich bereue, was ich damals getan habe, und ich bereue, was ich später gemacht habe», sagte der Beschuldigte. Weiter wollte der Richter von ihm wissen, was eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren für ihn bedeuten würde: «Ich habe keine Worte dafür. Das wäre schlimm für mich.»
«Ich habe mich einsam gefühlt»
Die Geschichte des zweiten Hauptbeschuldigten, dem eine Freiheitsstrafe von acht Jahren droht, tönte ähnlich. Auch bei ihm ist das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden, allerdings erst mit 16 Jahren. «In der Oberstufe bin ich gehänselt und verprügelt worden. Ich habe mich einsam gefühlt und immer mehr zurückgezogen», erzählte er vor Gericht. Anders wurde es erst, als er zwei spätere Mitglieder des Wolfsrudels kennenlernte: «Wir waren auf der gleichen Wellenlänge. Sie haben mich so akzeptiert, wie ich bin.» Der Gerichtspräsident sprach ihn auf Naziparolen und rassistische Äusserungen an, die er im Gruppen-Chat geschrieben hat. «Ich wollte dazu gehören. Ich war aber nie politisch», sagte er dazu. Eine Informatiklehre konnte er wegen der Verhaftung nicht abschliessen. Heute lässt er sich im vorzeitigen Strafvollzug als Maler ausbilden. «Die handwerkliche Arbeit ist besser für mich, als täglich acht Stunden am Computer zu sitzen.» Er möchte diese Ausbildung abschliessen und später – wenn er wieder in Freiheit ist – als Maler arbeiten und sich weiterbilden lassen. «Eine Freiheitsstrafe von acht Jahren wäre sehr schlimm für mich. Ich habe mich in der Haft bereits enorm verändert und aus den Fehlern gelernt. Es bringt nichts, mich so lange ins Gefängnis zu stecken.»
Der dritte Beschuldigte, dem eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren droht, war mit einem Mitglied des Wolfsrudels befreundet. Als dieser Freund immer mehr Zeit in dieser Gruppe verbrachte, wollte er auch dazu gehören, wie er vor Gericht ausführte. So sei er hineingezogen worden. Er ist nicht mehr in Untersuchungshaft und hat eine neue Lehre begonnen, die ihm sehr gefällt. «Ich habe viel über die Taten nachgedacht und gemerkt, was für ein Depp ich war. Ich möchte mich dafür entschuldigen, was ich getan habe.» Auch von ihm wollte der Gerichtspräsident wissen, was eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren für ihn bedeuten würde? «Das wäre eine Zerstörung meiner Zukunft», antwortete er.
Die Gerichtsverhandlung, für die insgesamt acht Tage eingeplant sind, geht nächste Woche am Donnerstag und Freitag weiter.

