«Wir sollten uns auf Augenhöhe begegnen können»
17.10.2026 PersönlichSira Döbeli arbeitet bei der Stiftung MBF mit Menschen mit Unterstützungsbedarf
«Aber bitte mit Rahm!» heisst es bald wieder. Sira Döbeli steckt mitten in den Vorbereitungen für die Neuauflage des Cafés «Kränzli». Mit ihrem Team von Menschen mit Unterstützungsbedarf möchte sie ...
Sira Döbeli arbeitet bei der Stiftung MBF mit Menschen mit Unterstützungsbedarf
«Aber bitte mit Rahm!» heisst es bald wieder. Sira Döbeli steckt mitten in den Vorbereitungen für die Neuauflage des Cafés «Kränzli». Mit ihrem Team von Menschen mit Unterstützungsbedarf möchte sie einen Begegnungsort für alle schaffen. Warum sie ihre Arbeit bei der Stiftung MBF so schätzt, erzählt sie im Gespräch.
Petra Schumacher
Sira Döbeli, Jahrgang 2000, hat in Muttenz Soziale Arbeit studiert. «Eine Kollegin von mir hat bei der Stiftung MBF gearbeitet und mich 2023 zur Adventsausstellung eingeladen. Die Atmosphäre und die geführten Gespräche, die ich da erlebt habe, haben mich so positiv beeindruckt, dass ich eine Initiativbewerbung geschrieben habe. Ab 2023 konnte ich dann als Praktikantin, neben dem Studium, in den Ateliers anfangen zu arbeiten. Dort habe ich eine Gruppe von fünf Menschen mit Behinderung bei ihren kreativen Arbeiten begleiten und unterstützen können.»
Voneinander lernen können
«Die Begegnung mit Menschen mit Unterstützungsbedarf auf Augenhöhe macht für mich das Besondere meiner Arbeit aus», erklärt Sira Döbeli. «Niemand von uns ist doch perfekt. Meiner Meinung nach sollten wir mehr auf die Stärken der anderen achten und nicht die Schwächen betonen. Ich zum Beispiel hatte extreme Mühe auf eine Nachbarin bei mir im Haus zuzugehen. Ich war da sehr gehemmt. Ein Mitarbeiter aus dem Atelier hat mir mit seiner offenen und positiv neugierigen Art tagtäglich vorgelebt, wie man immer wieder neu auf Menschen zugeht. Das habe ich mir bei ihm abschauen können.»
Das Café «Kränzli»
Anfang 2025 unterstützte Sira Döbeli die Teamleiterin des Ateliers 30–32, Anita Knoop, bei einem neuen MBF-Projekt, dem Café «Kränzli». Das Café war als Pilotprojekt angelegt und wurde zunächst als interner Treffpunkt initiiert, dann aber auch an drei Nachmittagen für externe Gäste geöffnet. «Das war eine spannende, aber auch herausfordernde Zeit. Wir haben gemerkt, dass wir alle zusammen da ziemlich an unsere Grenzen gekommen sind», erzählt Sira Döbeli. In dieser Zeit machte die Studentin ihren Bachelor-Abschluss und suchte anschliessend nach neuen beruf lichen Herausforderungen. «Ich wollte andere Erfahrungen sammeln und habe im Baselland an einer Primarschule einen Buben mit Unterstützungsbedarf begleitet.» Doch die Zeit bei der Stiftung MBF blieb ihr präsent. Als die Anfrage kam, ob sie bei einer Neuauf lage vom Café «Kränzli» als Gruppenleiterin mitarbeiten wolle, musste sie nicht lange überlegen.
Alles dreht sich um die Waffeln
«Der Testlauf vom Café im Sommer 2025 hat uns gezeigt, dass Anpassungen und Ergänzungen notwendig sind. Im ersten Schritt habe ich das Konzept überarbeitet. Wobei eine Sache auch für mich unverrückbar war: Wir werden im Café unbedingt Waffeln anbieten, denn die Waffel ist das MBF-Gebäck», erklärt die Gruppenleiterin mit einem Lächeln. «Für die internen Rücksprachen war es von Vorteil, dass ich die Angestellten hier im Haus bereits kannte. Zudem merke ich in vielen Situationen, dass wir hier alle am gleichen Strang ziehen. Das erleichtert vieles und motiviert zusätzlich.» Für das geplante Café braucht es ein Team von neun Mitarbeitenden mit Unterstützungsbedarf. Anfang September, hat Sira Döbeli eine interne Stellenausschreibung verschickt. «Die Zahl der Bewerbungen hat mich dann doch überrascht. Ich wusste schon vorab, dass es Interesse an der Mitarbeit gibt, aber mit so vielen Bewerbungen habe ich nicht gerechnet», erklärt Sira Döbeli. «Zu meiner Arbeit zählte dann auch, Absagen zu erteilen. Das war im ersten Moment nicht leicht, ist aber Teil einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe und gehört eben auch dazu. Inzwischen kann ich sagen: Das Team steht und aktuell planen wir gemeinsam die nächsten Schritte. Das Café soll von der Waffelproduktion über die Bestellaufnahme bis zum Servieren komplett eigenständig von meinem Team organisiert werden. Ende 2026 wollen wir das Café «Kränzli» zunächst intern neu eröffnen. Ab Februar 2027 wird das Café «Kränzli» dann öffentlich. An einem Tag pro Woche werden wir unsere feinen Waffeln in verschiedenen Varianten allen Genussinteressierten anbieten.»
Abschalten lernen
Das gegenseitige voneinander Lernen sieht Sira Döbeli als wichtige Bereicherung in ihrer A rbeit. «Mühe habe ich dagegen immer mal wieder mit der Abgrenzung. Ich nehme noch zu oft Gedanken vom Arbeitsalltag mit nach Hause», so Döbeli. Für die Entspannung und das Abschalten hat sie für sich Waldspaziergänge entdeckt. Auch Reisen stehen auf dem Programm. Wobei bei einem der letzten Ziele direkt wieder das Café «Kränzli» ins Spiel kam. «Mit meinem Mann bin ich kürzlich nach Amsterdam gefahren. Dort gibt es die Bistro-Kette «Brownies & downieS», die von Menschen mit Unterstützungsbedarf geführt wird. Natürlich haben wir das Bistro besucht. Ich konnte mir dort gute Inspirationen holen.»
Barrieren abbauen
«Die Begegnung auf Augenhöhe, die wir hier in der Stiftung MBF leben, wünsche ich mir auch ausserhalb von diesem geschützten Bereich», erklärt Sira Döbeli. «Wenn wir mit den Menschen mit Unterstützungsbedarf Ausflüge machen, erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich die Menschen unterwegs auf uns reagieren. Oft ist da ganz viel Unsicherheit zu spüren, es gibt ängstliche Blicke oder ein bewusstes Wegschauen. Da müssen wir noch einige Barrieren in den Köpfen abbauen, meine ich. Gerade auch deshalb freue ich mich auf das Café «Kränzli». Ich hoffe, dass wir hier für die Region einen besonderen Raum für ein offenes Miteinander schaffen können.»

