Wichtige Schritte in die richtige Richtung
01.09.2026 NordwestschweizKantonaltag der Schulsozialarbeit
Eine grosse Präsenz, ein beindruckendes Hauptreferat, interessante Workshops und eine hochstehende Podiumsdiskussion prägten den aargauischen Tag der Schulsozialarbeit.
Der Verein Schulsozialarbeit Aargau führte auf dem Campus ...
Kantonaltag der Schulsozialarbeit
Eine grosse Präsenz, ein beindruckendes Hauptreferat, interessante Workshops und eine hochstehende Podiumsdiskussion prägten den aargauischen Tag der Schulsozialarbeit.
Der Verein Schulsozialarbeit Aargau führte auf dem Campus Brugg-Windisch der Fachhochschule Nordwestschweiz ihren diesjährigen Kantonaltag durch, der geprägt war vom eindrücklichen Hauptreferat von Prof. Dr. Wassikis Kassis, acht Workshops, die zweimal besucht werden konnten, und einer hochkarätigen Podiumsdiskussion, die nochmals viele Punkte rund um den Einsatz von Schulischen Heilpädagoginnen, Schulsozialpädagoginnen und Schulsozialarbeiterinnen thematisierte.
Seit 2017 gibt es den Verein Schulsozialarbeit AG, der von sieben Fachpersonen geführt wird. Nur wenige Gemeinden, meist kleinere, sind nicht Mitglied. Sie haben das Ziel, das Berufsfeld zu stärken, einen Fachaustausch untereinander zu ermöglich, und für den Kanton ein zentraler Ansprechpartner zu sein. Caroline Anliker und Manuela Müller vertraten ihren Standpunkt sehr engagiert, fundiert und verbreiteten von Anfang an eine Begeisterung, die spürbar auf die Vereinsmitglieder überging.
Professor Wassikis Kassis hatte – wenn auch pensioniert – ein Heimspiel. Er ist ein bekannter Fachmann, und weil man ihn sehr gut kannte, wurde er auch für das Hauptreferat angefragt. Er sprach zur Rolle der Schulsozialarbeiterinnen bei der Resilienzentwicklung von Heranwachsenden, die familiäre Gewalt erlebt haben.
Resilienz – der Versuch einer Deutung
«Der Hund ist im Detail begraben», könnte man sein Referat kaltschnäuzig, um bei diesem Beispiel zu bleiben, umschreiben. Das Wort stammt ursprünglich aus der Materialwissenschaft und beschreibt die Eigenschaft eines Werkstoffs, nach einer Verformung in seine Ursprungsform zurückzukehren. In der Psyche bedeutet es, sich von Rückschlägen oder Traumata nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich flexibel anzupassen und zu erholen. Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein lebenslanger, dynamischer Prozess, der trainiert und ausgebaut werden kann. Zu den inneren Schutzfaktoren zählen Optimismus, Selbstwirksamkeit (das Vertrauen in das eigene Handeln), Problemlösekompetenz und emotionale Selbstregulation, zu den äusseren ein unterstützendes soziales Umfeld (Klassen- und Schulklima), stabile Beziehungen (elterlicher Erziehungsstil, fachliche und persönliche Unterstützung durch Lehrpersonen) sowie klare Strukturen und Gemeinschaft (niedrige Ablehnung durch Mitschüler, Vernetzung des Umfeldes), welche Halt in Belastungssituationen bieten. Einer von vier Jugendlichen erlebt physische Gewalt in der Familie durch, bzw. zwischen den Eltern. Die erschreckenden Zahlen sind international, national und kantonal gleich gross. Gewalt ist also kein Randphänomen, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Jedes siebte Kind erlebt physische Gewalt bei den Eltern.
Nur fünfzehn Prozent der familiär gewaltbelasteten Jugendlichen können als resilient bezeichnet werden; die anderen haben massiv erhöhte Depression-, Angst- und Dissoziationswerte. Dissoziation bezeichnet in der Psychologie die vorübergehende oder dauerhafte Trennung von normalerweise zusammenhängenden psychischen Funktionen wie Bewusstsein, Gedächtnis, Wahrnehmung, Identität oder Motorik.
Im Zivilgesetzbuch verankert
Die Schweiz hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung per 1. Juli 2026 ausdrücklich im Zivilgesetzbuch verankert. Das Wichtigste in Kürze: Körperliche Bestrafungen (wie Ohrfeigen), seelische Verletzungen, massive Erniedrigungen oder Beschimpfungen gelten seither unmissverständlich als Gewalt und nicht als Erziehungsmassnahme. Gleichzeitig wurden die Kantone verpflichtet, den Zugang zu Beratungsangeboten für Eltern und Kinder bei Erziehungsschwierigkeiten zu verbessern. Die Pädagogen und Schulsozialarbeiterinnen leisten wahrlich eine Sisyphusarbeit oder – wie es der Referent sagte – «einen wunderbaren, notwendigen Knochenjob».
Acht Workshops beleuchten diverse Arten der Gewalt
Den Verantwortlichen ist es gelungen, Fachleute aus den Organisationen, mit denen sie vernetzt sind, als Referenten zu gewinnen. Die Schulsozialpädagogik hat das primäre Ziel, einzelnen Kindern mit besonderen Bedürfnissen und herausforderndem Sozialverhalten eine gelingende Integration in die Regelklasse zu ermöglichen. Sie begleiten Kinder von der Kindergarten- bis zur Mittelstufe. Sie arbeiten eng mit den Lehrpersonen des Kindes zusammen und vernetzen sich mit dem jeweiligen Bezugssystem. Sie achten dabei auf eine sensible Vorgehensweise, die das Kind nicht in den Mittelpunkt der Klasse stellt, um Schamgefühle zu vermeiden. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf alle Kinder der Klasse und unterstützen sie auch in ihren Belangen.
Schulsozialpädagoginnen arbeiten mit dem Kind im Unterricht, begleiten und unterstützen, erfassen strukturelle und soziale Begebenheiten und machen Anpassungen, zeigen Alternativverhalten auf, wirken bestärkend und ermutigend, begleiten Spiele und kooperative Aufgabenstellungen, bieten Rollenspiele oder kooperative Spiele an, begleiten Konflikte. Sie arbeiten mit dem Kind einzeln und erarbeiten Verhaltensmöglichkeiten, die im Unterricht angewendet und eingeübt werden können, zeigen Methoden zur Emotionsregulation auf und bieten Spieltraining an. Sie begleiten das Kind während der Pause und unterstützen es darin, in Kontakt zu treten, Freundschaften aufzubauen, und Alternativbeschäftigungen zu finden. Nach einer kurzen Pause ordneten Vertreter aus Politik und Bildung des Kantons Aarau und Zürich die Einführung von Schulsozialpädagoginnen in den Aargauer Schulen ein und definierten Gelingensthesen, damit schulische Heilpädagoginnen, schulische Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen optimal eingesetzt werden können, um den vielfältigen Herausforderungen im heutigen Schulalltag zu begegnen. Ja, und dann wären noch die rein monetären Anliegen … Die Schulsozialarbeiterinnen sind durch die Gemeinden und/oder soziale Fachstellen bezahlt und angestellt, alle anderen Partnerinnen im System rund um das Kind vom Kanton. Dieser Missstand muss angegangen und verändert werden, denn hier herrscht wichtiger Handlungsbedarf.
(ua)

