«Wenn wir den Keller verliessen, sahen wir viele tote Menschen»
07.03.2026 Brennpunkt, FOKUSYaroslav Naumenko (23) und Julia Kaba (22) sind in Irpin/Budscha aufgewachsen und schon seit einigen Jahren ein Paar. Nach der Geburt ihrer Tochter flüchteten sie in die Schweiz. Ein Gespräch mit der jungen Familie und mit Oleksandr Orlovskyi (20), der ebenfalls momentan in der ...
Yaroslav Naumenko (23) und Julia Kaba (22) sind in Irpin/Budscha aufgewachsen und schon seit einigen Jahren ein Paar. Nach der Geburt ihrer Tochter flüchteten sie in die Schweiz. Ein Gespräch mit der jungen Familie und mit Oleksandr Orlovskyi (20), der ebenfalls momentan in der unterirdischen «Geschützten Operationsstätte» Gops unter dem Laufenburger Spital lebt.
Regula Laux
Das junge Paar Julia und Yaroslav verbrachte die ersten Wochen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 in einem Keller in Irpin. «Wir trauten uns kaum raus, doch wenn wir den Keller mal verliessen, sahen wir viele tote Menschen», erzählt Yaroslav. Die anschliessende Zeit war geprägt durch Angriffe und Zerstörung um sie herum und durch permanente Wechsel zwischen oberirdisch und Luftschutzkeller. Einmal, Julia war in der Zwischenzeit hochschwanger, habe eine Bombe direkt neben ihnen eingeschlagen, da sei für sie klar gewesen, dass sie für die Geburt ihres Kindes die Stadt verlassen müssen. So gelangten sie von der stark umkämpften Stadt Irpin/Budscha, aus der es immer wieder Berichte über schlimmste Gräueltaten von russischen Soldaten gab, in die Hauptstadt Kiew.
Von Kiew nach Laufenburg
Hier brachten sie ihre Tochter Anna zur Welt. Als diese noch keine drei Monate alt war, beschlossen Julia und Yaroslav, auch Kiew zu verlassen. Ihr grosses Glück war, dass Präsident Wolodimir Selenski Mitte 2025 erlassen hatte, dass neben Frauen und Kindern auch Männer zwischen 18 und 22 Jahren die Ukraine verlassen dürfen. Über das Bundesasylzentrum in Bern und weiteren vier Tagen in der Nähe von Bern, wurde die junge Familie über Aarau in die unterirdische Gops nach Laufenburg transportiert. «Es ist schwierig, mit der kleinen Anna unterirdisch zu leben», erzählen Yaroslav und Julia. Sie seien mit 18 Menschen in einem Raum untergebracht, nur durch Vorhänge voneinander getrennt. Und Anna habe oft Schnupfen und könne schlecht atmen. «Der Kanton Aargau befindet sich seit dem 11. Januar 2023 in einer Notlage und ist zur Unterbringung aller vom Bund zugewiesenen Personen auf unterirdische Notunterkünfte angewiesen», erklärt dazu Michel Hassler, Leiter Kommunikation beim Aargauer Departement Gesundheit und Soziales.
Oleksandr und die jungen Eltern haben sich in Bern kennengelernt und sind dann in der Gops Laufenburg wieder aufeinandergetroffen. Der zwanzigjährige Oleksandr kommt aus Khmelnitsky, einem kleinen Ort im Landesinnern der Ukraine. Der Ort sei momentan zwar nicht umkämpft, berichtet Oleksandr, aber die Infrastruktur sei komplett zerstört. «Meine Familie arbeitet im Baubereich», so Oleksandr, der gemeinsam mit seiner Partnerin in die Schweiz geflüchtet ist.
Deutschlernen in der Nacht
Alle am Interview Beteiligten haben seit ihrer Ankunft in der Schweiz noch keinen Entscheid des Staatssekretariates für Migration (SEM) betreffend Schutzstatus S erhalten. «Wir warten sehnlichst auf den Status S, der es Ukrainerinnen und Ukrainern ermöglicht, eine Arbeit und dann eine Wohnung zu finden», sind sich die drei einig. Und auch dass es wichtig ist, die deutsche Sprache zu lernen: Yaroslav und Oleksandr haben bereits den Deutschtest A1 bestanden und warten nun, dass sie den A2-Kurs in Aarau besuchen dürfen. «Leider ist es in der Unterkunft so laut, dass wir nur in der Nacht zum Deutschlernen kommen», erzählen sie. Und Aleks, wie sich Oleksandr auch nennt, ergänzt: «Ich verliere in der unterirdischen Unterkunft auch immer mehr mein Zeitgefühl. Ich schlafe manchmal bis nachmittags und weiss nicht, welche Zeit gerade ist.»
Struktur durch regelmässige Treffen
Die Deutschstunden mit Kinderbetreuung der IG Asyl Laufenburg spielen momentan für die drei eine wichtige Rolle. «Dann kommen wir raus, haben eine Struktur, lernen Menschen aus der Schweiz kennen und lernen auch noch Deutsch.» Regelmässig geben Trudi Hofer, Raimund Strauck und Dora Freiermuth Deutschlektionen in verschiedenen Leistungsgruppen. Mehr als ein Jahr lang übernahm Hedy Säuberle die gleichzeitige Kinderbetreuung. Heute wechseln sich verschiedene Aktive der IG Asyl ab bei der Kinderbetreuung.
Und was wünschen sich die Interviewten für die Zukunft? «Natürlich Frieden», so alle einhellig. Aber an einen nahen Frieden mag niemand glauben, zu gross ist das Misstrauen gegenüber dem russischen Machthaber Putin. «Deshalb sieht unsere Wunschliste im Moment so aus: Status S, eine Wohnung über der Erde, besser Deutsch lernen, eine Arbeit finden und mehr Kontakte mit Schweizerinnen und Schweizern.» Die Chancen eine Arbeit zu finden, sollten besonders für den gelernten Koch Yaroslav Naumenko, der in der Ukraine als Sous Chef arbeitete, nicht schlecht sein.
Gops Laufenburg
Momentan sind in der «Geschützten Operationsstätte (GOPS)» unter dem Spital in Laufenburg 88 Menschen untergebracht – Frauen, Männer und Kinder. Rund die Hälfte von ihnen stammt aus der Ukraine. Die schulpflichtigen Kinder aus den Notunterkünften in Laufenburg und Frick werden in Rheinfelden im Begegnungszentrum «Drei Könige» unterrichtet. Auf Anfang 2026 kam es nach erfolgter öffentlicher Ausschreibung der Aufträge zu einem Wechsel betreffend Betreuung und Essenslieferung: Die Convalere AG ist neu als externer Dienstleister für die Betreuung in den kantonalen Notunterkünften zuständig; vom Zürcher Frauenverein wird das Essen geliefert. Die Verträge laufen für die nächsten fünf Jahre.
Freiwillige gesucht
Die IG Asyl Laufenburg betreibt mit Unterstützung durch den Kanton Aargau Räumlichkeiten im zweiten Stock des ehemaligen Binkert-Hauses. Neben regelmässigen Kleiderabgaben an Geflüchtete, für die federführend Marlis Schmid und Luisita Wullschlegel zuständig sind, erteilen Freiwillige Deutschunterricht, während weitere um die Betreuung der Kinder besorgt sind. Gern würde die IG Asyl das Angebot noch weiter ausbauen, wofür weitere Freiwillige gesucht werden.
Kontakt:
Dora Freiermuth,
Telefon 079 428 68 05



