Wenn ein Huhn zum Anker wird
22.10.2026 LaufenburgAufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gelten als unterschiedliche Diagnosen. Savannah Zollinger lebt mit beidem. Nach einer schwierigen Phase und einer medikamentösen Behandlung ging es ihr besser. Eine besondere Unterstützung fand sie dabei in ihrem Huhn ...
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gelten als unterschiedliche Diagnosen. Savannah Zollinger lebt mit beidem. Nach einer schwierigen Phase und einer medikamentösen Behandlung ging es ihr besser. Eine besondere Unterstützung fand sie dabei in ihrem Huhn «Pippin».
Andrea Worthmann
Pippin gackert freudig, wenn Savannah Zollinger am Abend nach Hause kommt. Dann wird erstmal lange gekuschelt, denn vermisst haben sich beide sehr. Es folgt die tägliche «Huhn-Routine». Saubermachen, füttern, im Garten picken lassen, sich kümmern. Die 21-Jährige macht eine Ausbildung zur Fachfrau Information & Dokumentation, kurz I&D, in einer Bibliothek und ist tagsüber nicht zu Hause. Savannah Zollingers Mutter kümmert sich in dieser Zeit um Pippin. Doch bis zum Beginn der Ausbildung war der Weg der jungen Frau steinig, denn die Schule war eine der grösseren Hürden. Schwächen vor allem in Mathematik und Deutsch, aber auch in anderen Fächern machten ihr das Leben schwer. Schulstoff, den sie uninteressant fand, vergass sie sofort wieder. In den letzten Jahren vor dem Abschluss war in der Familie schon eine Abklärung für ADS in Erwägung gezogen worden. Auch weil eine Unterstützung durch die Invalidenversicherung (IV) gesichert wäre, was Hilfe bei der Lehrstellensuche und beim Schreiben von Bewerbungen bedeuten würde.
ADS-Verdacht und die ersten Medikamente
Savannahs Mutter, selbst ADS-Betroffene, hatte schon früh den Verdacht, dass ihre Tochter auch betroffen sein könnte. Als Savannah in der 8. Klasse war, gab es dann die erste Verdachts-Diagnose. Das bedeutete, dass sie sofort Medikamente ausprobieren kann. In einer Testphase probierte Savannah mehrere Medikamente aus, vor allem, um die letzten Jahre in der Schule und den Abschluss gut zu schaffen. Eine Zeitlang wurde an der Dosierung gearbeitet, bis sich das Medikament eingestellt hatte und sich eine Besserung einstellte. «Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, wie die Wirkung war, aber vorher war ich immer unendlich müde nach der Schule, musste mich hinlegen, und jede Kleinigkeit war extrem überfordernd», erinnert sich Savannah Zollinger. Die Überforderung äusserte sich in Heulattacken. Das Medikament half. «Ich habe jetzt viel mehr Energie und kann auch Dinge in meinem Gehirn viel besser strukturieren und mich selber dazu motivieren, Dinge zu tun, die ich äusserst ungern tue.» 2022 machte sie – auch dank der Medikation – einen guten Abschluss, wusste aber, dass sie im Anschluss eine grössere Pause brauchen würde. «Ich war müde und überfordert von den zehn Jahren, und gerade im letzten Jahr hatte ich noch Mathe-Nachhilfe, was zusätzlich Kraft und Energie gebraucht hat», erklärt Savannah Zollinger.
Ein Huhn «pickte» Savannah aus der Depression
Während dieser einjährigen Auszeit übte sie sich viel in kreativen Hobbys.
Ein bisschen typisch bei ADS. Sie häkelte kleine und grosse Figuren, sie fertigte Schmuck, malte Bilder, nähte oder bastelte sogenannte «Rooms in a book», kleine Miniaturräume in einem aufgeklappten Buch mit viel Liebe zum Detail. Und doch fiel sie immer wieder in leichte Depressionen, konnte sich schlecht aufraffen.
Dann war da die Idee mit dem Huhn. Die Tierliebe ist im Hause Zollinger seit jeher sehr gross. Savannah eignete sich viel Tierwissen an, mitunter auch sehr detailliert. Dann stiess sie auf ein You-Tube-Video, in dem ein Mensch ein Vogelei an seinem Körper ausbrütete. Eine Idee war geboren, und kurze Zeit später schlüpfte ein Küken namens Pippin. Savannah hatte es geschafft, ein befruchtetes Hühnerei, welches sie von ihrer Tante bekommen hatte, über Wochen am Körper zu tragen. Schliesslich schlüpfte das Küken und wurde von ihrer «Wahlmutter» sofort ins Herz geschlossen. Eine Routine stellte sich ein, in der sich Savannah jeden Tag mit dem heranwachsenden Küken und irgendwann mit dem erwachsenen Huhn beschäftigte. «Es war, als würde mich Pippin aus der Depression holen», erklärt die Laufenburgerin, «weil ich plötzlich diese Routine hatte, die ich einhalten musste, und da war etwas, das mich brauchte und auf mich wartete. Das war so schön.» Sie hatte einen Grund zum Aufstehen am Morgen, sie musste aufräumen, Pippins Käfig säubern, sie füttern und sich mit ihr beschäftigen.
«Sozialangst» macht sich breit
Nach diesem Jahr der Pause wollte sich Savannah um Schnupperlehren und einen Ausbildungsplatz kümmern. Die Vermutung, dass Savannah auch eine Autismusspektrum-Störung (ASS) haben könnte, kam auf, als Savannah Zollinger immer mehr an einer «Sozialangst» litt. Gerade Menschen in ihrem Alter machten ihr Angst, und sie traute sich irgendwann gar nicht mehr, an Gruppen von mehreren Jugendlichen vorbeizugehen. «Ich wäre lieber einen Umweg gegangen, als an ihnen vorbeizulaufen», erinnert sie sich. Sie selbst vermutet einen Zusammenhang mit Corona, welches sie mehrere Monate mit Homeschooling ans Haus gebunden hatte. Sie fand es gar nicht schlimm, doch die anschliessende Öffnung der Schulen machte ihr Mühe. Es waren zu viele Kontakte auf einmal und wieder totale Überforderung.
Auch noch eine Autismus-Spektrum-Störung?
Als es dann darum ging, schnuppern zu gehen und sich bei Betrieben vorzustellen, kam diese Sozial-Phobie immer mehr zum Tragen, und die Familie entschied sich zu einer weiteren Abklärung, diesmal in Richtung Autismus-Spektrum-Störung. Und es wurde tatsächlich eine Atypische ASS-Diagnose gestellt. Atypisch heisst in diesem Fall, dass sich die Störung vermutlich erst im vorangeschrittenen Alter entwickelt hat und nicht bereits im Kleinkindalter, was die These von Savannah bestätigen würde; eine wissenschaftliche Grundlage gibt es dafür aber bisher nicht. Die Dosis ihrer ADS-Medikamente wurde dezimiert, und es wurde besser. Ein weiteres Runterfahren dieses Medikaments würde das ADS wieder mehr in den Vordergrund treten lassen, und genau diese Balance zu halten, ist nicht einfach.
Mit der Diagnose ADS und ASS sind innere Konflikte unvermeidbar. Das äussert sich beispielsweise darin, dass Savannah manchmal keine Lust hat, etwas mit ihren Freunden zu unternehmen, und dann doch traurig ist, allein zu sein und nichts mit ihnen unternommen zu haben, oder dass ihr vermeintlich unaufgeräumtes Zimmer für sie eine klare Struktur aufweist und sie ganz genau weiss, wo sich was befindet.
Im Leben angekommen, trotz Chaos im Kopf
Bewerbungen, Schnuppern, Vorstellungsgespräche, all das nahm Savannah Zollinger – unterstützt von der IV – auf sich und fand schliesslich die Ausbildungsstelle in der Bibliothek. Zwar hat sie dort auch Kundenkontakt, aber das macht ihr nichts aus. Ausserdem arbeitet sie viel im Büro und ist damit ein Stück weit vor zu viel Trubel geschützt. Ihre Kolleginnen und Kollegen wissen von ihren Diagnosen und verhalten sich entsprechend verständnisvoll. Was die Zukunft angeht, macht Savannah keine weitreichenden Pläne. «Ich würde mich damit viel zu sehr unter Druck setzen», erklärt sie. Auf andere Menschen wirke sie normal, weil sie durch ihre Schulzeit gelernt hat, sich anzupassen. Bei ihrer Familie und mit ihrem Huhn Pippin kann sie sein wie sie ist. Eine junge Frau, mit ein bisschen Chaos im Kopf, der Liebe zu ihrem «Therapiehuhn» und vielen kreativ-verrückten Ideen.


