Wenn begabte Kinder plötzlich als Autisten gelten

  29.03.2026 Rheinfelden

Gastbeitrag zum Thema Begabtenförderung

Hildegard Cowan-Sobolewski

Seit über 15 Jahren arbeite ich mit begabten und hochbegabten Kindern. In letzter Zeit häufen sich bei mir Fälle, die mich wirklich beunruhigen. Eltern kommen in meine Beratung, deren Kind eine Autismus-Diagnose bekommen hat – und wenn ich mir das Kind anschaue, dann sehe ich vor allem eins: ein unterfordertes, oft überdurchschnittlich begabtes Kind, das im Unterricht nicht das bekommt, was es braucht.

Die Zahlen im Aargau machen mich stutzig. Anfang Schuljahr 2025/26 wurde ein Rekord bei Autismus-Diagnosen gemeldet, der Kanton liegt schweizweit vorn. Gleichzeitig warten Eltern bei den schulpsychologischen Diensten teilweise über ein Jahr auf eine Abklärung darauf, ob ihr Kind hochbegabt sein könnte. Für eine Autismus-Abklärung scheint es dagegen schneller zu gehen. Da stimmt etwas nicht.

Und das sage nicht nur ich. Prof. Uta Frith – sie gilt international als eine der wichtigsten Forscherinnen zum Thema Autismus – hat sich im März 2026 im Fachmagazin Tes sehr deutlich geäussert: Das Autismus-Spektrum sei inzwischen so breit geworden, dass die Diagnose kaum noch etwas aussage. Es bestehe die Gefahr, dass ganz unterschiedliche Probleme einfach unter einem Label zusammengefasst würden. In England hat sich die Zahl der Diagnosen bei Kindern innert zehn Jahren verdreifacht.

Woher kommt das? Ich glaube, ein Teil des Problems liegt darin, wie unsere Schulen aufgestellt sind. In den letzten 15 Jahren hat der, auf die Behebung der Defizite ausgerichtete Blick der Heilpädagogik, stark zugenommen. Für Kinder mit echten Lernschwierigkeiten ist das vielleicht wichtig. Aber wenn ein besonders begabtes Kind auffällt, weil es sich langweilt oder deshalb stört, dann greift das gleiche System. Und wer mit der Brille der Schwächen schaut, der findet sie – auch dort, wo eigentlich Potenzial wäre. Ich sage das nicht gegen die Heilpädagoginnen persönlich. Viele von ihnen leisten wahrscheinlich gute Arbeit. Aber ihr Auftrag ist ein anderer, und das merkt man.

Alle Kantone haben sich zur Begabungs- und Begabtenförderung verpflichtet; sie gehört zum Inklusionsauftrag. Aber in der Praxis kommt davon bei vielen begabten Kindern wenig an. Verdichteter Unterricht, vertiefendes Arbeiten an eigenen Themen – das findet zu selten statt. Es bedarf der speziell dafür ausgebildeten Begabungsförderinnen und -förderer.

Ich sehe in meiner Arbeit zwei typische Verläufe: Die einen Kinder werden still. Sie sind gelangweilt, ziehen sich zurück, reden immer weniger. Irgendwann heisst es dann: Mutismus, oder eben Autismus. Ich habe zwei Brüder begleitet – beide waren beim Schuleintritt aufgeweckt und neugierig. Im Lauf der Jahre haben sie fast aufgehört zu sprechen. Der Jüngere, trotz nachweislich hoher Begabung, landete am Ende in der Realschule.

Die anderen Kinder wehren sich. Sie werden laut, stören, ecken an, werden gemobbt. Dann kriegen sie das Etikett ADHS, Asperger oder Autismus Spektrum mit elektivem oder selektivem Mutismus. Sie werden also möglicherweise irgendwann stumm.

Ein Beispiel, das mich besonders beschäftigt: ein achtjähriger Junge, hochbegabt, kontaktfreudig, in mehreren Vereinen aktiv. Seit über einem Jahr wartet er beim schulpsychologischen Dienst in der Zentralschweiz auf eine Begabungsabklärung. Auf Autismus wurde er längst getestet – Ergebnis: positiv.

Es gibt noch etwas, das mich nachdenklich macht. Ich höre über verschiedene Schulen, darunter auch einer in unserem Kanton, dass Eltern empfohlen wurde, ihr Kind an der Uni-Klinik Basel auf Autismus abklären zu lassen – um Fördergelder «aus einem anderen Topf» nutzen zu können. Ich will niemandem unterstellen, dass das absichtlich so gesteuert wird. Aber die Frage darf man schon stellen: Warum ist für Begabtenförderung streng nach den Vorgaben des Aargauer BKS und nachvollziehbar (Verdichten der Unterrichtsinhalte bzw. Vertiefen derselben) unter der Leitung von speziell dafür ausgebildeten Begabungsförderern aus dem Schulbudget kein Geld da, aber über den Weg einer Diagnose Autismus plötzlich schon?

Dabei steht viel auf dem Spiel. Der Grazer Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer hat gezeigt, dass Begabung, die nicht gefördert wird, versiegen kann. Hochbegabung ist nicht statisch. Ohne die richtigen Herausforderungen geht Potenzial unwiederbringlich verloren.

Begabte Kinder denken schneller, haben ein gutes Arbeitsgedächtnis, sind kreativ. Viele von ihnen haben einen starken Gerechtigkeitssinn und echtes Mitgefühl – Eigenschaften, die wir doch eigentlich fördern wollen. Was diese Kinder brauchen, ist kein Therapiezimmer, sondern Raum zum Denken und Arbeiten, spezielle Knacknüsse an Aufgaben und an ihren Interessen orientierte Projekte, die sie fordern. Gefragt sind Lehrpersonen, die ihre Stärken sehen und diese unter allen Umständen nach allen Regeln der Begabungsförderung fördern wollen.

Ich möchte eines klarstellen: Mir geht es nicht darum, die Diagnose Autismus in Frage zu stellen. Autismus ist real, und Kinder, die davon betroffen sind, brauchen Unterstützung. Aber wir müssen sorgfältiger hinschauen. Nicht jedes Kind, das sich anders verhält, ist krank. Manche sind einfach klug – und unterfordert.

Begabte und hochbegabte Kinder gehören genauso geschützt und gefördert wie alle anderen Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Wir reden in diesem Land dauernd davon, dass Bildung unser wichtigster Rohstoff sei. Und dann schauen wir zu, wie begabte Kinder in Warteschlangen verschwinden und mit der falschen Diagnose wieder herauskommen. Das passt nicht zusammen.


Hildegard Cowan-Sobolewski ist begabungspsychologische Beraterin (DZBF) und Expert for the Gifted Fachfrau für Hochbegabung (Dipl.ECHA) und führt die Beratungsstelle geistreich in Rheinfelden. Sie arbeitet seit über 15 Jahren mit begabten, leistungsfreudigen und hochbegabten Kindern.


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