«Gemeinsam in Veränderungen gehen»
20.05.2024 Fricktal50 Jahre Stiftung Menschen mit einer Beeinträchtigung im Fricktal (MBF)
Seit nunmehr fünf Jahrzehnten setzt sich die Stiftung MBF für Menschen mit Unterstützungsbedarf ein. Die NFZ hat sich mit der vierköpfigen Geschäftsleitung über die Entwicklung, die Herausforderungen sowie das anstehende Jubiläumsfest zum 50-jährigen Bestehen der Fricktaler Institution unterhalten.
Susanne Hörth
Klein und bescheiden vor 50 Jahren in Kaisten mit der Betreuung von sechs Menschen in einer geschützten Werkstatt begonnen, hat sich die Stiftung MBF bis heute zu einer Institution mit rund 360 Menschen mit Unterstützungsbedarf sowie 320 Angestellten gewandelt.
NFZ: Welches ist bei der heutigen Unternehmensgrösse für Sie persönlich die grösste Herausforderung?
Nicole Füllemann McMenamin: Persönlich sehe ich es als grösste Herausforderung, dass wir auch zukünftig passende Angebote für unsere Anspruchsgruppen bereitstellen. Dafür müssen wir flexibel bleiben und uns an gesellschaftliche Veränderungen anpassen.
Roland Baumgartner: Unseren sozialen Auftrag, im heutigen komplexen Marktumfeld, mit nachhaltiger Wirtschaftlichkeit auszuüben, ist eine Gratwanderung.
Zbigniew Gruchola: Im Rahmen der Diskussionen über die Behindertenrechtskonvention wird oft Kritik an institutionalisierten Wohnformen geäussert. Wir müssen zeigen, dass ambulante und stationäre Leistungen keine Gegensätze sind, sondern Wohnformen, die sich ergänzen. Jede Person sollte die Wahl haben und für sich das passende Setting finden.
Urs Jakob: Für mich ist es die steigende Komplexität als Ganzes, über meinen Zuständigkeitsbereich hinaus.
Was erfüllt Sie mit besonderem Stolz?
Urs Jakob: Die gelungene Trägerschaftsübernahme zur Stiftung MBF und der Zusammenfügungsprozess zu einer Heilpädagogischen Schule, einer HPS.
Nicole Füllemann McMenamin: Regelmässige Befragungen zeigen, dass sich Menschen mit Unterstützungsbedarf wohl bei uns fühlen. Das macht mich stolz – und zeigt den grossartigen Einsatz aller Beteiligten!
Roland Baumgartner: Mit unseren geschützten Arbeitsplätzen verrichten wir täglich komplexe Dienstleistungen und produzieren eine grosse Palette an Produkten für viele zufriedene Kunden.
Zbigniew Gruchola: Menschen mit Unterstützungsbedarf treten heutzutage immer selbstbestimmter auf. Das ist unter anderem auf die jahrelange sozialpädagogische Begleitung zurückzuführen. Ich bin stolz auf unsere engagierten Angestellten in den Wohngruppen und Tagesstrukturen, die täglich diese Arbeit leisten.
Viele Jahre stand mit Jean-Paul Schnegg eine einzelne Person an der Spitze der Geschäftsleitung. Nach seinem Tod wurden die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Wie einfach oder aber auch schwierig gestaltete sich diese Umstellung?
Nicole Füllemann McMenamin: Seit Januar 2021 bilden wir als vierköpfiges Geschäftsleitungs-Team das oberste operative Führungsgremium. Das Modell der verteilten und kollektiven Führung bedingt ein anderes Führungsverständnis und hat die Unternehmenskultur der Stiftung MBF verändert – und tut dies auch weiterhin. Zu leben und zu entwickeln gilt und galt es eine Haltung des Zumutens und des Vertrauens, der Ermächtigung und Selbstorganisation.
Urs Jakob: Veränderungsprozesse gehören zum Leben und sei es nur, dass wir älter werden. Moden, Techniken und Trends wandeln sich. Veränderung ist normal. Dennoch sind Veränderungsprozesse immer mit Ängsten, Vorbehalten und Unsicherheiten verbunden. Auch das ist normal. Wir als Stiftung MBF gehen gemeinsam in Veränderungen. Doch jede Angestellte, jeder Angestellte geht unumgänglich auch seine persönlichen Schritte darin.
Der erste grosse Schritt in der Veränderung, der des Geschäftsleitungs-Teams statt einer Einzelperson, war nicht einfach – oder besser gesagt, brauchte Mut. Doch haben wir auch die Erfahrung sammeln dürfen, dass sich dann viele Veränderungen fast natürlich ergeben haben.
Hat sich diese Organisationsform mittlerweile bewährt?
Zbigniew Gruchola: Ja, durchaus! Auf drei Jahre Erfahrung können wir bereits zurückblicken und haben viele positive Erlebnisse erfahren dürfen. Zum Beispiel arbeiten einzelne Projektgruppen selbstorganisiert, das heisst, sie nutzen agile Methoden, bringen ihre unterschiedlichen Perspektiven ein und entwickeln damit passende Lösungen. Selbstverständlich gab es auch herausfordernde Situationen. Einige Angestellte identifizierten sich mit der neuen Führungskultur sehr schnell, übernahmen Verantwortung und gestalteten die Zukunft der Stiftung MBF mit. Anderen hingegen liegt dies weniger. So gilt es, individuelle Wege für die verschiedenen Persönlichkeiten und Bedürfnisse gemeinsam zu finden.
Die Stiftung MBF erlebte in den Jahren 2021 und 2022 finanziell schwierige Zeiten. Welche Sparmassnahmen waren notwendig?
Nicole Füllemann McMenamin: Die Akquise von Kundenaufträgen wurde im Bereich Betriebe höchst prioritär angegangen. Ebenso haben wir diverse Massnahmen zur Erhöhung der Auslastung sowohl bei den Wohn- als auch bei den geschützten Arbeitsplätzen unternommen. Auch personelle Entscheidungen mussten getroffen werden. So wurden im Bereich Betriebe und Dienste Abteilungsleitungsstellen abgebaut. Diese tiefgreifenden Massnahmen fielen uns mit Blick auf die persönlich betroffenen Personen enorm schwer. Organisatorisch wurde eine Wohngruppe geschlossen. Dabei konnten die Angestellten und die Bewohnenden in bestehende Wohnangebote übernommen werden.
Wie fällt der Rechnungsabschluss 2023 aus und was erhofft man sich finanziell vom laufenden Jahr?
Nicole Füllemann McMenamin: Wir freuen uns sehr, dass der Jahresabschluss 2023 einen Gewinn von 101 987 Franken aufweist. Im Vorjahr gab es einen Verlust von 726 844 Franken. Die ergriffenen Sparmassnahmen haben sich also als wirkungsvoll erwiesen. Dafür danken wir allen Angestellten der Stiftung MBF für ihr engagiertes Mitwirken.
Wir gehen davon aus, dass wir auch das Jahr 2024 positiv abschliessen werden.
In der jüngeren Vergangenheit hat die Stiftung grosse Investitionen in Neubauten getätigt. Stehen in absehbarer Zeit weitere Projekte an?
Zbigniew Gruchola: Die Liegenschaftsstrategie richtet sich nach den Bedürfnissen und der Nachfrage im Fricktal. Mit den Neubauten in Stein und Laufenburg haben wir nun ein bedarfsgerechtes Angebot geschaffen, sodass derzeit keine weiteren Bauprojekte geplant sind.
Im Sommer 2021 hat die HPS Fricktal ihren Standort in Mumpf bezogen. Wie hat sich der Schulalltag entwickelt und wie viele Kinder und Jugendliche werden heute dort unterrichtet?
Urs Jakob: Heute werden 96 Schülerinnen und Schüler in der HPS Fricktal unterrichtet. Der Alltag in der voll ausgelasteten HPS hat sich in den vergangenen bald drei Jahren etabliert und fortlaufend weiterentwickelt. Beide vorherigen Heilpädagogischen Schulen, Frick und Rheinfelden, sind zu einer Schule zusammengewachsen. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist sehr abwechslungsreich und äusserst anspruchsvoll.
Wie gross ist die Nachfrage nach geschützten Arbeitsplätzen?
Roland Baumgartner: Die Nachfrage ist nach wie vor vorhanden, aktuell sind 96 Prozent unserer geschützten Arbeitsplätze belegt mit steigender Tendenz. Unser Bestreben ist es, auch zukünftig attraktive geschützte Arbeitsplätze für Menschen mit Unterstützungsbedarf anzubieten und uns auch hier weiterzuentwickeln. In Kombination mit der beruf lichen Eingliederung können wir hier ein sehr breites Angebot, auch mit Blick auf den ersten Arbeitsmarkt, bieten.
Gibt es Wartelisten bei den Wohngruppen?
Zbigniew Gruchola: Die Wohnplätze sind aktuell zu 97 Prozent belegt und gleichzeitig gibt es eine kleine Warteliste. Unser Ziel ist es, den interessierten Personen den passenden Wohnplatz anzubieten, die Anfragen und offenen Plätze stimmen aber nicht immer überein.
In diesem Jahr feiert die Stiftung ihr 50-Jahre-Jubiläum. Was ist wann geplant?
Roland Baumgartner: Dieses besondere Jubiläumsjahr wird durch zahlreiche kleine und grosse Highlights geprägt sein. Ein Beispiel dafür ist die Möglichkeit, die Geschmacksrichtung unseres eigenen Jubiläumsglaces mitzubestimmen.
Ein weiteres Highlight wird unser internes Jubiläums-Event sein, bei dem ein inklusiver Filmdreh mit unseren Mitarbeitenden, Bewohnenden, Schülerinnen, Schülern und Angestellten stattfinden wird.
Der Höhepunkt des 50-Jahre-Jubiläums ist unser Tag der offenen Tür am 21. September, zu dem die Öffentlichkeit herzlich eingeladen ist. An diesem Tag gewähren wir exklusive Einblicke in unsere vielfältigen Aktivitäten in und um die Gebäude der Stiftung MBF in Stein. Besucherinnen und Besucher haben die Möglichkeit, die Produktion zu erleben, eine Wohngruppe kennenzulernen und an einzigartigen Aktionen teilzunehmen. Spannung und Herausforderung bieten wir mit unserer MBF-Schatzsuche. Für das leibliche Wohl ist ebenfalls bestens gesorgt, denn verschiedene Food-Trucks bieten süsse und herzhafte Köstlichkeiten an.
Wie bringen sich die Menschen mit Unterstützungsbedarf in das Jubiläum ein?
Urs Jakob: Bei allen Aktionen kön-nen die Menschen mit Unterstützungsbedarf mitwirken, wenn sie das möchten. Jede und jeder konnte seine Stimme für die Geschmacksrichtung unserer Jubiläumsglace abgeben, das Filmevent ist ebenfalls für alle Menschen in der Stiftung MBF.
Und auch den offiziellen Festakt und den Tag der offenen Türe gestalten die Menschen mit Unterstützungsbedarf mit.


