Vor 150 Jahren sagten Katholiken Nein zum Papst
02.08.2026 Fricktal
Weil sie nicht mit dem Ersten Vatikanischen Konzil einverstanden waren, gründeten liberale Katholiken beiderseits des Rheins in den 1870ern ihre eigene Kirche: In der Schweiz heissen die Mitglieder Christkatholiken, in anderen Ländern Alt-Katholiken. Die Trennung vollzog sich ...
Weil sie nicht mit dem Ersten Vatikanischen Konzil einverstanden waren, gründeten liberale Katholiken beiderseits des Rheins in den 1870ern ihre eigene Kirche: In der Schweiz heissen die Mitglieder Christkatholiken, in anderen Ländern Alt-Katholiken. Die Trennung vollzog sich nicht immer friedlich.
Boris Burkhardt
Als der römischgebliebene Pfarrer gezwungenermassen aus der nun christkatholischen Kirche im Schweizer Wallbach auszog, nahm er die Hostien im Allerheiligsten mit. «Jetzt ist der Heiland nicht mehr bei euch», drohte er voll unchristlichen Zorns. Der christkatholische Pfarrer der frisch fusionierten Pfarrgemeinde Fricktal, Stephan Feldhaus, erzählt diese Geschichte mit einem Schmunzeln, hält aber fest: «Heute lachen wir über diese Geschichte. In den 1870ern hatte diese Drohung aber eine ernsthafte Wirkung auf die gläubige Gemeinde.»
Tatsächlich seien nicht wenige aus Furcht um ihr Seelenheil wieder zurückgekehrt in den Schoss der römisch-katholischen Kirche und dort bis heute geblieben. Eine Ausnahme im unteren Fricktal: Als 1876, vor 150 Jahren, in Rheinfelden der erste christkatholische Bischof Eduard Herzog geweiht wurde, waren die Pfarrgemeinden in Rheinfelden, Möhlin, Magden, Olsberg, Zuzgen und Wallbach bereits zur neuen Konfession gewechselt. Im Fricktal wohnen heute rund 2000 der 12 000 Christkatholiken der Schweiz.
Anfangs nicht unproblematisch
Wenn die Fricktaler Kirchenmitglieder in diesem Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum feiern, will Feldhaus auch darauf hinweisen, dass der Anfang durchaus nicht unproblematisch und friedlich war. Aus Zuzgen weiss Feldhaus, dass «zwei bis drei Gemeindemitglieder mit dem Gewehr vor der Kirche standen, damit die ‹Römischen› den Gottesdienst nicht störten». «Römische» – so nannten die Christkatholiken die Römisch-Katholischen.
Ob es in Kirchen auf badischer Seite in den 1870er-Jahren zu ähnlich dramatischen Szenen kam, kann Armin Strenzl nicht sagen. Strenzl ist alt-katholischer Pfarrer in der Pfarrgemeinde Hochrhein-Wiesental in Bad Säckingen. Er gehört trotz der untersch iedlichen Bezeichnungen derselben Konfession an wie Feldhaus: Nur in der Schweiz nennen sich die Alt-Katholiken offiziell Christkatholiken. Gerade im Fricktal benutzen aber viele ältere Kirchenmitglieder noch die allgemeine Bezeichnung.
Der «liberaler Rand»
Als das Erste Vatikanische Konzil von 1869 bis 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma erhob und das Jurisdiktionsprimat beschloss, das dem Papst auch die weltweite Einsetzung und Abberufung aller Bischöfe zusprach, wurde es vielen liberalen Katholiken zu viel. In Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Polen, Tschechien und der Schweiz organisierte sich die altkatholische Bewegung, die sich vom Papst lossagte, aber durchaus katholisch bleiben wollte.
Im Fricktal waren die liberalkatholischen Kräfte laut Feldhaus damals stark vertreten. Er führt dies, wie generell im Aargau, unter anderem auf den Josephinismus zurück: die Anhängerschaft des österreichischen Kaisers Franz Joseph I (1830– 1916), der als «strenger, aber liberaler» Monarch gegolten habe. «Selbst heute gilt das Fricktal innerhalb der christkatholischen Kirche noch immer als ‹liberaler Rand›», sagt Feldhaus.
Im Fricktal organisierten sich die Altkatholiken ab 1872: «Der Kanton verfügte, dass die Mehrheit jeder Kirchengemeinde über römisch- oder christkatholisch entscheiden solle.» So wurden laut Feldhaus im unteren Fricktal fast alle Kirchen christkatholisch. Der Kanton habe zwar eine Simultannutzung der Kirchengebäude vorgesehen: «Da der Papst seinen Gläubigen aber verbat, mit den Abtrünnigen unter einem Dach die Eucharistie zu feiern, blieb den verbliebenen ‹Römischen› nichts anderes übrig, als sich eigene Notkirchen zu bauen.» In Rheinfelden, wo die Stadtkirche St. Martin heute noch christkatholisch ist, habe die römisch-katholische Notkirche 90 Jahre gestanden.
Auch auf der deutschen Seite des Hochrheins gab es viele Alt-Katholiken. Auch hier führt Strenzl dies auf den Liberalismus zurück, der im ehemaligen Bistum Konstanz (bis 1821) vorherrschend gewesen sei. Ein wichtiger Akteur sei der Bistumsverweser Ignaz Heinrich von Wessenberg gewesen: «Er hat versucht, den Ultramontanismus aufzubrechen.» Mit diesem Begriff wurden jene Katholiken bezeichnet, die sich «über den Berg» nach Rom orientieren; ihnen gegenüber standen die Befürworter einer eher national orientierten katholischen Kirche. Mit den Deutschkatholiken, verwirrenderweise auch «Christkatholiken» genannt, die eine unabhängige deutsche katholische Kirche anstrebten, haben die deutschen Alt-Katholiken aber nichts zu tun. Sie wählten bereits 1873 ihren ersten Bischof mit Sitz in Bonn.
Viele Konfessionswechsel
Wie im Fricktal wechselten in den 1870ern viele Pfarrer in Südbaden die Konfession. Strenzl weiss, dass alleine bei Blumberg mehrere Dörfer auf einen Schlag alt-katholisch wurden. In Säckingen wurde die altkatholische Gemeinde am 1. Oktober 1874 staatlich anerkannt. Ihr wurde zunächst die Gottesackerkapelle auf dem Au-Friedhof zugewiesen, später zusätzlich die Bergkapelle.
Weil das Grossherzogtum Baden dieselbe Regelung vorsah wie der Kanton Aargau, nutzten die Alt-Katholiken laut Strenzl ab 1876 das Münster – und zwar alleine, weil natürlich auch hier das Verbot des Papstes galt. So musste die römischkatholische Gemeinde ebenfalls in eine Notkirche ausweichen. Im Gegensatz zum Fricktal drehten sich die Verhältnisse laut Strenzl aber 1883 schon wieder um; und die alt-katholische Gemeinde zog in die Gottesackerkapelle. 2010 wurde sie auf den Namen St. Peter und Paul geweiht.
Im heutigen Badisch-Rheinfelden wurden die Alt-Katholiken vom Schweizer Rheinfelden aus betreut. Ursprünglich galt das wohl vor allem für die Muttergemeinde Nollingen, da Badisch-Rheinfelden als Stadt erst 1922 gegründet wurde. Bereits 1899 baute die evangelische Kirche jedoch die kleine Adelbergkirche unweit der Rheinbrücke, die die alt-katholische Gemeinde mitnutzen durfte. Als 1937 die evangelische Christuskirche in der Stadtmitte gebaut war, nutzten die Alt-Katholiken die Adelbergkirche – bis heute – alleine. Vor zwei Jahren wurde sie saniert, innen neu gestaltet und auf Betreiben Strenzls offiziell in Sankt Jakob am Adelberg umbenannt.
Reger Austausch
Die Zusammenarbeit der Alt- und Christkatholiken über den Rhein hinweg funktioniert laut Strenzl gut. Bad Säckingen arbeite eng mit Stein und Obermumpf zusammen; zweimal im Jahr gebe es einen Austausch zwischen den Hauptamtlichen. Seit 2025 gibt es zusammen mit den evangelischen und römisch-katholischen Gemeinden einen ökumenischen Gottesdienst im Münster während der Gebetswoche im Januar; wesentlich älter ist der Christi-Himmelfahrts-Gottesdienst auf dem Inseli in Rheinfelden mit je drei Konfessionen aus beiden Ländern.
Strenzl ist ausserdem Mitglied im Organisationsteam für den Internationalen Altkatholiken-Kongress im Schweizer Rheinfelden im September (siehe Kasten) und kümmert sich um die Hotels auf deutscher Seite. Eine persönliche Freundschaft verbindet Strenzl mit dem früheren Pfarrer im Schweizer Rheinfelden, Peter Grüter, der jetzt in St. Gallen tätig ist: «Wir besuchen uns jeweils einmal im Jahr und halten eine Gastpredigt.»
Wer waren und sind die Christkatholiken im Fricktal?
Ausserhalb der Schweiz nennen sich die Christkatholiken «alt-katholisch». Diese Bezeichnung mag verwirren, handelte es sich doch um eine neue Bewegung. «Der Name bezieht sich auf die Alte Kirche vor der Abspaltung der Orthodoxen während des morgenländischen Schismas 1054», erklärt Pfarrer Stefan Feldhaus: Die Abspaltung erfolgte unter anderem, weil die Orthodoxen damals die neue Vormachtstellung des römischen Papstes nicht anerkennen wollten.
Eduard Herzog, der 50 Jahre lang als der erste Schweizer alt-katholische Bischof amtete, habe mit der Bezeichnung «christkatholisch» aber auf den besonderen Stellenwert Jesu Christi für die neue Konfession hinweisen wollen. Glaubten die Römisch-Katholischen denn nicht an Christus? «Das war natürlich eine besondere Provokation», gesteht Feldhaus. Bis in die 1950er habe es Feindseligkeiten und Vorbehalte zwischen beiden katholischen Konfessionen gegeben, zum Beispiel beim Heiraten.
Neben der Abschaffung des Zölibats war die auffälligste Neuerung der Alt-Katholiken, die Gottesdienste in der Landessprache, statt auf Latein abzuhalten. «Die römischkatholischen Priester machten den Christkatholiken Angst, die Eucharistie sei auf Deutsch nicht gültig», sagt Feldhaus. Die jungen Gemeinden seien aber auch vor einem organisatorischen Problem gestanden: «Alle Priester, die den Konfessionswechsel mitmachten, wurden sofort exkommuniziert und hatten kein Einkommen mehr. » Die ersten 20 Jahre hätten die Fricktaler Christkatholiken deshalb mit nur sehr wenigen Priestern auskommen müssen.
Selbstkritisch stellt Feldhaus auch fest: «Die Liberalen in der christkatholischen Kirche verschwanden bis 1920 wieder in der Versenkung. Die Kirche wurde in ihren Strukturen wieder konservativ.» Ein Aufbruch zur Liberalität finde erst seit 20 Jahren wieder statt. Besonders wichtig ist Feldhaus der ökumenische Gedanke: «Das war den Altkatholiken von Anfang an eine Herzensangelegenheit.» Die neue christkatholische Kirchgemeinde Fricktal plant etwa, die Rheinfelder Stadtkirche Sankt Martin zu einer «Offenen Kirche», ähnlich wie die Elisabethenkirche in Basel, zu machen.
(bob)
Jubiläumsveranstaltung im September
Anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Christkatholischen Kirche im Fricktal findet der vierjährliche Internationale Altkatholiken-Kongress (IAKK) vom 24. bis 27. September in Rheinfelden statt. Der Festgottesdienst am Sonntag, 27. September, in der Stadtkirche Sankt Martin, wird live vom Fernsehen SRF übertragen.
(bob)

