Von Čebinac geprägt, von Gross gefordert, als FCB-Scout gefeiert
11.10.2026 PersönlichEr habe jetzt Zeit, meinte Ruedi Zbinden (67) und kam an einem Nachmittag Ende September nach Rheinfelden. Dorthin, wo er aufgewachsen ist und alles begann. Worüber wir gesprochen haben? Über Fussball natürlich.
Simone Rufli
«Es ist eine Ausbildungs-Liga geworden», sagt er ...
Er habe jetzt Zeit, meinte Ruedi Zbinden (67) und kam an einem Nachmittag Ende September nach Rheinfelden. Dorthin, wo er aufgewachsen ist und alles begann. Worüber wir gesprochen haben? Über Fussball natürlich.
Simone Rufli
«Es ist eine Ausbildungs-Liga geworden», sagt er und meint die Super League. «Für Schweizer Clubs sehe ich auf Dauer keinen Platz», setzt er hinzu und meint die Champions League. Was derzeit im Fussball passiere, verändere alles. Kaufen und verkaufen, darum gehe es. «Aber ein erfolgreiches Team braucht eine Achse mit Erfahrung, Stabilität und Identifikation. Das ist für jeden Club-Fan wichtig, an jedem Ort der Welt.»
Die Welt für den kleinen Ruedi Zbinden war Rheinfelden. Beim Gedanken an das Bild, das er abgab, als er beim FC Rheinfelden seine Leidenschaft für den Fussball entdeckte, muss er schmunzeln: «Das durchgeknöpfte rote Trikot reichte mir bis an die Knie, die viel zu langen Ärmel hatte ich zu einem dicken Wulst hochgekrempelt.» Er spielte auf dem «Schiffacker» oder an eine Wand beim Robersten-Schulhaus, «tschuttete» in jeder Pause in der Schule, in den Gassen der Altstadt und am Obertorplatz vor der elterlichen Bäckerei. «Hie und da ging eine Schreibe kaputt, dann gab es Ärger mit der Nachbarschaft.» Zbinden lächelt, hebt entschuldigend die Schultern: «’Gschuttet’ wurde bei uns sogar im Hausgang.» Ruedi wuchs mit vier Geschwistern auf. Darunter zwei Brüder. Keiner war mit dem Ball am Fuss so talentiert wie er. Und der Vater? «Er hat früher geboxt.»
Dreimal pro Woche ins Kleinbasel
Ruedi Zbindens Talent blieb nicht lange verborgen. Nach Jahren als C- und B-Junior beim FC Rheinfelden folgte der Wechsel zu den A-Junioren des FC Nordstern Basel. Entdeckt worden war er vom damaligen A-Juniorentrainer, Marcel Hottiger. Und so fuhr der talentierte Fricktaler Linksfüsser bald dreimal pro Woche mit dem Töffli ins Kleinbasel zum Training auf den «Rankhof». «Einmal stellte mir das Töffli ab und ich musste den ganzen Weg zurück nach Rheinfelden trampen. Das war härter als jedes Training.» Er lacht. Mit Nordstern erlebte der KV-Lehrling im Bereich Spedition Erfolg um Erfolg, stieg jedes Jahr eine Liga höher auf, konnte früh schon reisen und hatte bald einen Stammplatz in der 1. Mannschaft, mit der er in die Nationalliga A aufstieg.
Eine knallharte Schule
«Ich hätte früher zum FC Basel wechseln können, doch das wollte ich nicht.» Das Familiäre, die Kameradschaft beim FC Nordstern gefielen dem jungen Zbinden. An den Spielertrainer von damals hat er nur gute Erinnerungen: «Von Zvezdan Čebinac habe ich enorm viel gelernt. Er war knallhart, sehr streng und hat uns junge Spieler viel kritisiert. Ich hielt es trotzdem bei ihm aus, andere nicht.» Čebinac, zuvor unter anderem Profi beim 1. FC Nürnberg und mit diesem Deutscher Meister, habe den Jungen viel Wissen weitergegeben; unter anderem über die richtige Ernährung: «Vor den Spielen liess er uns in der Kabine jeweils Schwarzwäldertorte essen wegen der Kohlenhydrate.» Auch bei der Kleidung redete Čebinac mit: «Er bestand darauf, dass wir im Winter unter den Jeans lange Unterhosen trugen.» Vor allem aber habe Čebinac ihn, der später den Übernamen «Flankengott» bekommen sollte, das Flanken gelehrt. «Aber erst, als ich in einem Match drei Tore geschossen habe, hat er aufgehört, mich ständig zu kritisieren. Von dem Moment an aber war ich sein Spieler».
Mit Udo Lindenberg in der Bodega
Noch in bester Erinnerung ist Ruedi Zbinden auch diese Episode: «Als wir in der Saison 1979/80, im letzten Spiel in Kriens, in die Nationalliga A aufgestiegen sind, durften wir zur Belohnung anschliessend ans Udo Lindenberg-Konzert in der Joggelihalle. Lindenberg bekam von uns hinter der Bühne ein Nordstern-Leibchen geschenkt, zog es sofort über, spielte so auf der Bühne und kam nach dem Konzert sogar mit uns in die Bodega zum Essen.» Zbinden wird nachdenklich: «Heute unternehmen die Spieler als Mannschaft kaum mehr etwas gemeinsam. Jeder ist für sich unterwegs, auf dem Feld und daneben.» Ein weiteres Manko, das ihm zu denken gibt: «In Europa, mit Ausnahme von Portugal, wird kaum mehr auf der Strasse Fussball gespielt. Das wirkt sich ungünstig auf die technischen Fähigkeiten der Jungen aus. In den Clubs wird viel zu früh auf Taktik gesetzt.» Problematisch findet er das, denn: «Was man an Technik auf der Strasse nicht lernt, lässt sich im Club nur schwer nachholen.»
Durch Erich Vogel zum Scout
1982 war es dann so weit, wechselte Ruedi Zbinden zum FC Basel, wo er einen Profivertag erhielt. Seine weiteren Stationen: Grenchen, Wettingen und Bellinzona. Die Aktivkarriere beendet, kehrte Zbinden im Sommer 1996 zurück zum FCB, wo er zuerst als Trainer die U17-Junioren betreute, unter anderem die Degen-Zwillinge. Als Trainer Christian Gross die goldene Ära des FCB einläutete, war Ruedi Zbinden an seiner Seite, als Assistenztrainer; bis Erich Vogel – der Vorreiter im Scouting – Zbinden mit dem Scouting-Virus ansteckte. «Im Winter 2001 konnten Christian Gross und ich Clubpräsident René Jäggi bei einem Kaffee davon überzeugen, dass ich das Scouting übernehme.» Bereits in der darauffolgenden Saison gewann der FCB die Meisterschaft und den Cup und zog überraschend in die Champions League ein.
Unter Christian Gross hatte er während acht Jahren eine Doppelfunktion: Scout und Analyst. «Ich analysierte alle internationalen Teams, sah mir live zwei bis drei Spiele von ihnen an und beschaffte Informationen.» Zbinden hält inne, lächelt verschmitzt: «Als Inter Mailand im 2004 vor dem Champions League-Spiel auf der Schützenmatte trainierte, kletterte ich auf ein Dach, um das Training bis zum Schluss mitverfolgen zu können. Ganz zum Schluss, als sie dachten, dass niemand mehr zusieht, haben sie Freistösse geübt. Ich informierte unseren Goalie Pascal Zuberbühler und er hielt im Spiel dann den Freistoss, weil er wusste, wohin der Schütze schiesst.»
Der Spieler abseits der Kamera
Scout blieb Zbinden bis zu seiner Verabschiedung Anfang September dieses Jahres. Während all den Jahren war der Fricktaler an Treffsicherheit nicht zu überbieten, wenn es um die Entdeckung von herausragenden Spielern ging. Um Spieler wie Matias Delgado, Marco Streller, Manuel Akanji, Felipe Ciacedo, Franco Costanzo, Arthur Cabral, Kléber. Zbinden holte sie alle nach Basel, viele von ihnen, nachdem er sie über längere Zeit beobachtet hatte. Denn eines tat Rudi Zbinden nicht: Allein auf TV-Bilder und Videoaufnahmen vertrauen. «Mich interessiert, wie sich der Spieler verhält, wenn er ausser Reichweite der TV-Kamera ist. Dirigiert er die Kollegen? Kommuniziert er mit ihnen? Wie verhält er sich bei einem Einwurf? Nach einem Foul? Im Fall einer Niederlage? Was macht er nach dem Abpfiff? Bleibt er für sich oder ist er Teil der Mannschaft? Machte er bei einem Spieler Starallüren aus, hatte der in Basel nichts verloren, Tore hin oder her.»
Auto, Flieger, Taxi, Hotel, Stadion. Und immer mehrere Wochen pro Jahr in Südamerika. «Zu Beginn, als ich mich noch nicht auskannte und noch nicht über ein lokales Netzwerk verfügte, gab es auch gefährliche Situation, die ich ohne Mithilfe von Taxi-Chauffeuren womöglich nicht überlebt hätte.» Die Verpflichtung von Chipperfield war eine Ausnahme. «Den kaufte der Club direkt ab dem Video. Der Flug nach Austra lien wäre teurer gewesen als die Ablösesumme des Spielers.»
Im Moment sei sein Tagesablauf ziemlich ruhig, sagt Ruedi Zbinden mit Betonung auf «im Moment». «Ich werde auf die eine oder andere Weise im Fussball tätig bleiben, auch wenn mir die Gartenarbeiten am Zweitwohnsitz im Tessin Freude machen. Ich will geistig gefordert bleiben und meine Erfahrung und das Netzwerk weiter nutzen. Und ich möchte mit meiner Lebenspartnerin in Länder reisen, in denen ich bisher nur die Flughäfen, viele Hotels und Stadien kennengelernt habe.»

