Von der Mongolei in die Schweiz
30.08.2025 PersönlichAls 13-Jähriger aus der Mongolei in der Schweiz Asyl erhalten, nun Gastgeber im eigenen Restaurant: Zogo Erdenebat hat mit Sole & Sar in der Rheinfelder Altstadt einen Traum verwirklicht.
Birgit Schlegel
Aufgewachsen in der Mongolei, ist Zogo Erdenebats Kindheit ...
Als 13-Jähriger aus der Mongolei in der Schweiz Asyl erhalten, nun Gastgeber im eigenen Restaurant: Zogo Erdenebat hat mit Sole & Sar in der Rheinfelder Altstadt einen Traum verwirklicht.
Birgit Schlegel
Aufgewachsen in der Mongolei, ist Zogo Erdenebats Kindheit geprägt von Moderne und Tradition. Die Schulzeit hat er in der Millionenstadt Ulan-Bator verbracht, die Schulferien in der freien Natur bei den Grosseltern. Seit 1999 lebt der 39-jährige frischgebackene Gastronom in der Schweiz. Obwohl bereits als Kind mit seiner Familie aus der Mongolei ausgewandert, identifiziert er sich noch stark mit seinem Heimatland, den religiösen Traditionen und Denkweisen. Auch heute sind noch rund 30 Prozent der mongolischen Bevölkerung Nomaden und ziehen als Hirtenvolk mit ihren Jurten durch die Steppe, verbunden mit einer einfachen Lebensweise und geleitet vom Jahreszyklus der Natur und den Riten der Schamanen und der buddhistischen Religion. Währenddessen ist die Landeshauptstadt ein weiteres Beispiel für eine Stadtentwicklung, in welcher Wohlstand in Form von glitzernden Hochhäusern der Innenstadt auf von Armut geprägten Hütten- und Jurtenviertel trifft. Beinahe die Hälfte der gesamten mongolischen Bevölkerung lebt in dieser Metropole, wobei vor allem die junge Bevölkerungsschicht ihr Glück in der Stadt sucht und das traditionelle Hirtenleben verlässt.
Mongolei – Schweiz: ein Gegensatz
Das Ende des Sozialismus stürzte das Land in den 90er-Jahren in eine wirtschaftliche Krise und damit verbunden in grosse Armut. Wer ein Visum ergattern konnte, nutzte die Gelegenheit zur Ausreise. Zogo Erdenebat vermutet, dass auch die politischen Aktivitäten seines Vaters dazu beigetragen haben, dass der Antrag auf Asyl schliesslich bewilligt wurde. «Im Nachhinein war das für unsere Familie wie ein Lottogewinn!» Nach der Einreise in Genf und diversen Stationen im Aargau durfte die vierköpfige Familie in Rottenschwil im Reusstal ihren ersten festen Wohnsitz beziehen. Für den damals 13-jährigen Buben war dies alles andere als leicht und ein Sprach- und Kulturschock. Als der ältere Bruder sich zudem bald entschloss, in die Mongolei zurückzukehren, fehlte ihm eine wichtige Bezugsperson. Mit Intensivkursen in Deutsch erreichte der wissbegierige Teenager einen ersten Schulabschluss. Was nun? Während seine Schweizer Schulkollegen bereits von ihren beruflichen Träumen sprachen, blieb der junge Mongole ratlos. «Ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll.» Im Dezember 2002, erinnert er sich, spazierte er mit einem Freund durch Bremgarten, betrat das nächstbeste Hotel, fragte nach irgendeiner Schnupperlehre an und erhielt schliesslich einen Praktikumsplatz in der Hotelküche. Nach Lehr- und Arbeitsjahren in diversen Aargauer Gastronomiebetrieben gelangte Erdenebat 2017 nach Rheinfelden, verpflichtet als Koch im Parkresort. Hier begann der Wissenshungrige, seine grossen Ziele umzusetzen: 2018 erlangte er die eidgenössische Berufsmatur, 2020 erhielt er den Chefkoch-Fachausweis, im Februar 2025 folgte die Eröffnung seines ersten Gastronomiebetriebes. Mit Sole & Sar wurde der langjährige Traum vom eigenen Restaurant mit mongolischen Spezialitäten wahr.
Essen als Teil einer ganzheitlichen Lebensweise
Kochen und Essen ist in Erdenebats Familie von jeher ein geselliger Anlass. Der Vater ist gelernter Koch und hat in den 80er-Jahren in Moskau ein Studium zum Lebensmitteltechnologen absolviert. Die langen Schulferien verbrachten die beiden Brüder stets bei den Grosseltern auf dem Land in der Nähe der Landeshauptstadt Ulan-Bator, wo sich die zahlreichen Tanten und Onkel mit ihren Kindern am Wochenende häufig zum grossen Familientisch hinzugesellten. Dann wurde gemeinsam gekocht, mitgebrachtes Essen getauscht und an die Nachbarn verschenkt. Eine gute Zeit war das für die Kinder, mit vielen Gleichaltrigen zusammen und ständig draussen in der Natur, glücklich und unbeschwert, erinnert sich Zogo Erdenebat. Auch heute noch ist seine Naturverbundenheit gut zu spüren, wie auch die starke Prägung durch sein Heimatland. Manchmal vermisse er die tiefgründigen und philosophischen Gespräche, denen er als Kind in der Grossfamilie beigewohnt hat, das Sprechen über Traditionen und Rituale oder über Aspekte der tibetisch-buddhistischen Religion und des Schamanismus. «Dies möchte ich bei meinen nächsten Aufenthalten in der Mongolei wieder pflegen und erleben. Kochen ist harte Arbeit. Das Gesellschaftliche kam in den vergangenen Jahren zu kurz. Ich möchte dies nun nachholen und mit meinen Gästen zelebrieren», so der Gastgeber. Sein Restaurant soll deshalb nicht nur ein Ort der Kulinarik, sondern auch ein geselliger Treffpunkt und eine Oase für kulturellen und gedanklichen Austausch sein.
Das in der Kindheit erlernte Bewusstsein für die Zusammenhänge der Natur ist dem jungen Gastgeber sehr wichtig. «Diese Naturverbundenheit und den Respekt für die Natur möchte ich nicht verlieren. Der Rhein hier, überhaupt das Wasser ist für mich ein Vermittler.» Essen an sich ist für Erdenebat deshalb auch nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Teil einer ganzheitlichen Lebensweise. «Ich verbinde Essen immer mit Natur und Gesundheit. Das heisst, ich möchte mit meiner Küche auch etwas zur Gesundheit der Gäste beitragen und Genuss und Lebensfreude vermitteln», erläutert der Koch. Das Handwerk des Kochens betrachtet er als eine Kunstform. Die Auswahl des Geschirrs, das Anrichten und Präsentieren und das abschliessende Servieren: für Zogo Erdenebat muss alles stimmig und komplett sein. «Da bin ich sehr sensibel und habe einen sehr hohen Anspruch an mich selbst. Aus den täglichen Fehlern, die in der kurzen Zeit als Gastronom noch passieren, möchte ich jeden Tag etwas Neues lernen und daran wachsen.»
Zogo Erdenebat fühlt sich sehr geehrt, seine Heimat hier repräsentieren zu dürfen und träumt davon, eines Tages sein in der Schweiz erlerntes Handwerk in die Mongolei zu bringen und mit seinem Knowhow zur Verbesserung der Gesundheit und der Lebensqualität beizutragen.