Von der Fas(t)nacht zur Fastenzeit
30.03.2026 FokusOder eine Anleitung zur Umgehung von Regeln
Robi Conrad,
Linguist und Rheinfelder Stadtführer
Was hat die Fasnacht mit der Fastenzeit zu tun? Das Wort Fastnacht bezeichnet wörtlich die «Nacht vor dem Fasten», meint aber den sechstägigen Zeitraum ...
Oder eine Anleitung zur Umgehung von Regeln
Robi Conrad,
Linguist und Rheinfelder Stadtführer
Was hat die Fasnacht mit der Fastenzeit zu tun? Das Wort Fastnacht bezeichnet wörtlich die «Nacht vor dem Fasten», meint aber den sechstägigen Zeitraum vor Anbruch der Fastenzeit. Die Fasnacht war also ursprünglich vor allem gefeiert worden, um sich vor der hungrigen Fastenzeit noch mal richtig die Bäuche vollzuschlagen. In den ländlichen Gebieten des Fricktals kennt man die «3 Faissen» – drei Donnerstage, an denen man sich vollfrass – eine weiteres Übrigbleibsel – allerdings in New Orleans zuhause – ist der «Mardis Gras» (der fette Dienstag). Die Fastenzeit war geprägt durch Verzicht, eben das Fasten. Dieses Fasten bezieht sich auf die Legende, dass Jesus nach seiner Taufe 40 Tage lang in der Wüste fastete und betete. Die durch den bewussten Verzicht entstehenden Freiräume sollen andererseits für ein intensiveres Erleben und Ref lektieren des eigenen Glaubenslebens sorgen.
Wann ist Fastenzeit (katholische Kirche)?
Die Fastenzeit beginnt mit dem Aschermittwoch und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Karfreitag, der zugleich auch ihr Ende ist. Am Karfreitag wird in besonderer Weise dem Kreuzestod Jesu Christi gedacht.
Im Lauf der Geschichte des Christentums haben sich die Regeln und Verbote zur Fastenzeit immer wieder geändert. So legte Papst Gregor I. im Jahr 590 fest, dass in der Fastenzeit vor Ostern der Verzehr von warmblütigen Tieren verboten ist. Auch andere tierische Produkte wie Eier, Milch, Butter und Käse sowie Alkohol standen auf der Verbotsliste. Ausserdem war nur eine Mahlzeit am Tag erlaubt. Diese Fastenregeln hatten über mehrere Jahrhunderte Bestand, bis sie Mitte des 16. Jahrhunderts von Papst Julius III. gelockert wurden und nur noch auf Fleisch verzichtet werden sollte. Fisch, Mehlspeisen und viel vegetarische Kost standen fortan auf den Speisezetteln.
Welche traditionellen Fastenspeisen gibt es?
Seit Papst Gregor I. den Verzehr von warmblütigem Fleisch verboten hatte, war Fisch ein beliebter Fleischersatz. Doch vor allem im Landesinneren und in Gegenden ohne grosse Fischbestände in Seen oder Flüssen war Fisch sehr teuer und auch schwer zu beschaffen.
Die Klöster legten deshalb oftmals eigene Fischteiche mit Karpfen, Forellen und Hechten an, um den Bedarf an frischem Fisch zu sichern. Auch Biber wurden verspeist – sie haben ja einen geschuppten Schwanz! Fisch ist auch heute noch eine der traditionellen Fastenspeisen, da er reich an Eiweiss und kalorienarm ist. In vielen, vor allem katholischen Gegenden, wird freitags und vor allem an Aschermittwoch und Karfreitag als «strengen Fastentagen» Fisch gegessen.
Einfallsreiche Mönche – Trickreich durch die Fastenzeit
Die Fastenzeit vor Ostern war nicht die einzige Zeit im Kirchenjahr, zu der gefastet werden sollte – im Mittelalter gab es bis zu 130 Fastentage. Doch gerade im Mittelalter war der Alltag der Menschen von schwerer körperlicher Arbeit geprägt und sie waren auf kalorienreiche, nahrhafte Speisen angewiesen. Frei nach dem Motto «Zu jedem Verbot gibt es Ausnahmen» wurden vor allem in den Klöstern hilfreiche Tricks erdacht, um die strengen Fastenregeln zu umgehen. So wurde das Geflügel kurzerhand zu Wassertieren erklärt und als solche mit Fischen gleichgesetzt, weil sie laut der Schöpfungsgeschichte am selben Tag erschaffen wurden. Auch Biber zählten wegen ihres geschuppten Schwanzes zu den Fischen. Auch Ferkel, das in einen Brunnen geworfen wurde und dort ertrank, war nach der fantasievollen Auslegung der Klosterbrüder ein Wassertier.
Wo sich kein Hintertürchen zur Umgehung des Fleischverbotes finden liess, waren die Mönche und Nonnen besonders kreativ bei der Sache. Die bekannteste Tarnung des Fleisches ist wohl die schwäbische Maultasche, im Volksmund auch «Herrgotts B’Scheisserle» genannt. Der Überlieferung nach kamen die Mönche des Klosters Maulbronn während der Fastenzeit an ein Stück Fleisch. Damit Gott ihr Fastenbrechen nicht bemerkte, hackten sie das Fleisch klein, mischten es mit Spinat und Kräutern und versteckten es unter einem Teigmantel.
Fastenbier
Beim Bier waren die mittelalterlichen Mönche und Nonnen besonders erfinderisch, weil auch Alkohol in der Fastenzeit verboten war. Sie beriefen sich dabei auf die Regel «Liquida non frangunt ieunum – Flüssiges bricht Fasten nicht» und schickten eine Kostprobe des Fastenbiers nach Rom, um sich vom Papst den Genuss genehmigen zu lassen.
Bis es in Rom ankam, war das Bier allerdings verdorben und der Papst befand, dass dieses ungeniessbare Getränk gerade recht für die Fastenzeit sei. Und so brauten sie ab dann ein Starkbier, das besonders nahrhaft war und mit dem sie ihren Kalorienbedarf auch in der Fastenzeit decken konnten. Angeblich war es den Mönchen erlaubt, in der Fastenzeit fünf Liter Bier täglich zu trinken.
Die Mehlsuppe
Ursprünglich, weil sie eine einfache, nahrhafte Fastenspeise der armen Leute war, die perfekt zur Fastenzeit passte, als man noch wenig hatte, aber auch als Legende um die Küchenmädchen, die nicht aufpassten und Mehl verbrannten, was dann zur Suppe verarbeitet wurde. Die Mehlsuppe kam so zur Basler Fasnacht, die man nach dem Morgenstreich nach über 100 Jahren Tradition immer noch geniesst. Die Legende besagt, dass einst ein Basler Mädchen erst dann heiraten durfte, wenn sie wusste, wie man eine gute Mehlsuppe kocht.
Fastenbrezel (bei uns in der Nordwestschweiz: Fastenwähen)
Die Fastenbrezel hat ihren Ursprung im süddeutschen Raum. Im Mittelalter wurden Brezeln wegen der aufwendigen Herstellung nur während der Fastenzeit gebacken. Diese spezielle Form der Brezel wird vor dem Backen nicht in Natronlauge, sondern in heisses Wasser getaucht. Die Fastenbrezel symbolisiert mit ihren verschlungenen »Ärmchen« die verschränkten Arme betender Mönche, ihr Name leitet sich vom lateinischen Wort »brachium« (Arm) ab. Von Aschermittwoch an wurden die Fastenbrezeln in Klöstern an Arme und Kinder verschenkt.
Dieses Gebäck, das (nomen est omen) vor allem während der Fastenzeit in Basel und Umgebung gebacken und verzehrt wurde, ist von vielen Gerüchten und Geschichten umrankt. Das ist typisch für etwas, von dem nur wenig Quellen bestehen, da sind Tür und Tor für so manch ein Gerücht offen, und da kann man ganz vieles erzählen, ohne dass das Gegenteil je bewiesen werden kann ... Eigentlich müsste es demzufolge auch Sagen um dieses Gebäck geben, aber offensichtlich gibt es nicht mal diese. Es ist nicht auszumachen, weshalb dieses Gebäck, das es in der Schweiz so fast ausschliesslich nur in Basel und seiner Regio je gegeben hat, «erfunden» und eingeführt wurde.
Aber ein paar Quellen gibt es glücklicherweise doch … so existiert ein Dokument von 1554, welches bis jetzt die älteste je entdeckte Quelle darstellt, in der die «Fastenweyen» erwähnt werden. Und dieses Dokument befindet sich nicht etwa, wie man vermuten könnte, in Basel, sondern im Rheinfelder Stadtarchiv – und zwar schreibt dieses Papier den Rheinfelder Bäckern in einer Art Marktverordnung vor, in welcher Geldwährung sie die «fasten weggen» verkauften durften. Orginaltext: «Uff disenn thag ist es den Beckenn firgeladen worden das sÿ hinfüran, es sÿ Ringg, wöggenn und fasten weggen zu Hellerwert bachen und verkauffen.» Das Datum dieser Erwähnung ist insofern erstaunlich, als dass alle anderen Quellen erst aus dem 17. oder sogar 18. Jahrhundert stammen. So sind die «Fastenweÿen» in Basel erstmals am 7. März 1649 aktenkundig – in einem Dokument der Klostergutsverwalter zu St. Clara. Eine erste Basler Beschreibung von 1760 über die Herstellung stammt auch nicht von einem Bäckermeister, sondern vom Basler Gelehrten Johann Jakob Spreng, der erstmals den Begriff Wähe in seinem Beschrieb über die «Fastenwähe, ablängliche Fastenbrezel mit einem Kreuz in der Mitte» mit diesem Gebäck in Verbindung brachte. Und dann sind die «Grossen Fastenwäyen oder Gipfeli» erstmals in einem Kochbuch von 1773 erschienen, das Rezept schrieb damals Valeria Huber.
Hunger- oder Fastentücher
Das Fastentuch wird in der Regel am Aschermittwoch im Chorraum der Kirche über den Hochaltar aufgehangen, um die meist frohen Bilder mit gedämpften, besinnlichen Bildern zu verdecken und sie werden erst am Karsamstag wieder entfernt. In Europa gibt es noch fünf Kirchen, die über ein solches Original aus dem 17. Jahrhundert verfügen. Das grösste heute noch erhaltene Fastentuch ist das ca. zehn mal zwölf Meter grosse und über eine Tonne schwere Fastentuch von 1612 – es hängt zur Fastenzeit im Münster von Freiburg i. Br. Der lateinische Name lautet «velum templi», was mit Tempelvorhang übersetzt wird. Die alte Redewendung «am Hungertuch nagen» bezieht sich auf die Hungerlöhne der Näherinnen, die diese Leinentücher zusammengenäht haben.
Das Rheinfelder Fastentuch wurde 1977 zufällig im Rahmen einer Übung des Kulturgüterschutzes in der christkatholischen Stadtkirche St. Martin gefunden. Zwischen der Rückwand des Altars und einem dahinterstehenden Schrank fand der Rheinfelder Restaurator Bruno Häusel, auf die Altarwand aufgenagelt, ein grosses Stück Stoff in verblichener blaugrauer Farbe. Das Rheinfelder Fastentuch war entdeckt. 1995 wurde das Rheinfelder Fastentuch wieder seiner ursprünglichen Verwendung zugeführt: Jeweils am Aschermittwoch wird es vor das grosse Altarblatt des Hochaltars eingehängt, wo es bis kurz vor Ostern die Weihnachtsdarstellung verdeckt.


