Von Brücken und Brückenköpfen
11.02.2025 FricktalProjekt «kriegsnachrichten.ch»: der Zweite Weltkrieg Januar bis März 1945
der Nacht zum Jahreswechsel 1944/45 knallt und kracht es im Dreiländereck bei Basel. Keine bunt leuchtenden Feuerkörper waren es, sondern Artillerie und Maschinengewehrsalven. ...
Projekt «kriegsnachrichten.ch»: der Zweite Weltkrieg Januar bis März 1945
der Nacht zum Jahreswechsel 1944/45 knallt und kracht es im Dreiländereck bei Basel. Keine bunt leuchtenden Feuerkörper waren es, sondern Artillerie und Maschinengewehrsalven. ‹Die Volksstimme aus dem Fricktal› berichtet am 3. Januar 1945 dazu: «In der Silvesternacht zwischen 23.50 Uhr und 00.15 Uhr wurde aus vielen Stellungen zwischen Hüningen und Istein ein rasendes, gegenseitiges Maschinengewehrfeuer unterhalten, wobei besondere Leuchtspurmunition verwendet wurde; auch zahlreiche Leuchtraketen wurden abgeschossen.»
Willkommen im neuen Jahr 1945
Auch 1945 startete das ‹Neue› mit Neujahrsreden von Politikern. Gott wurde dabei von allen Rednern bemüht.
Unser damaliger Bundespräsident Eduard von Steiger spricht in seiner Ansprache, zitiert vom ‹Der Fricktaler› am 3. Januar 1945: «[…] von tiefem Dank erfüllt, stellen wir fest: Wieder durften wir unter göttlicher Obhut ein Jahr, vom Kriege verschont im Frieden und Freiheit zubringen. […]»
In Berlin dankt Adolf Hitler mit den Worten, ebenfalls zitiert ‹Im Fricktaler›: «[…] Ich kann diesen Appell nicht schliessen, ohne dem Herrgott zu danken für die Hilfen, die er Führung und Volk hat immer wieder finden lassen, […]»
Dreissig Tage später hält Hitler seine letzte öffentliche Rede. Dass es die Letzte ist, weiss man zu dem Zeitpunkt natürlich nicht. ‹Die Volksstimme aus dem Fricktal› berichtet nur kurz über die Rede am 1. Februar:
«Der Führer richtete am Dienstagabend über alle deutschen Sender zum 30. Januar eine Ansprache an das deutsche Volk. Sie gipfelte in einem Appell an das ganze deutsche Volk und alle Soldaten, sich zum äussersten Widerstand zu wappnen […]»
Ungemach tritt den Schweizern in den ersten Wochen aber nicht von den Achsenmächten, sondern von den Alliierten entgegen: Drohungen aus Amerika, mit einer völligen Wirtschaftsblockade!
«[…] der Vorschlag, schärfer gegen die Schweiz vorzugehen, stamme vom Wirtschaftsamt, weil die Schweiz nunmehr das einzige Land Europas sei, das Deutschland noch mit Kriegsmaterial beliefert. […]» schreibt ‹Der Fricktaler› am 5. Januar.
‹Die Volksstimme aus dem Fricktal› schreibt am 11. Januar: «Neuer russischer Angriff gegen die Schweiz […]». Unter diesem Titel wird berichtet, dass der Politikschriftsteller Jermaschow einen Kommentar verlas mit den Worten: «[…] durch ihren [die Schweiz] Export nach Deutschland einen wesentlichen Beitrag zu den deutschen Kriegsanstrengungen zu leisten. […] Die Schweiz ist zu einem Clearingzentrum für die Deutschen geworden, […] Es ist ganz klar, dass die Vereinigten Nationen nicht zugeben können, dass neutrale Staaten wie die Schweiz ungestraft ihre profaschistische Politik fortsetzen.»
Am 26. Januar berichtet ‹Der Fricktaler› konkreter: «Eine amerik. Wirtschaftsmission für die Schweiz. […] Der amerikanische Sonderbeauftragte Currie wird versuchen, zu veranlassen, ihre [die Schweiz] Ausfuhr von einigen Maschinenwerkzeug- typen, einigen strategischen Rohstoffen und Lebensmitteln nach Deutschland einzustellen und den Durchgangsverkehr von Kohle und anderen Waren von Deutschland nach Italien zu sperren.[…]»
Erst am 12. Februar verkündet ‹Der Fricktaler›: «Der französische Sieg im Elsass. […] Nach einem Bericht General Delattre de Tassignys an den französischen Kriegsminister steht nun die französische erste Armee wieder auf geschlossener Front am Rhein, und zwar von der Schweizer Grenze bis zu einem Punkt rund 16 km von Strassburg.» Die sogenannte «Tasche von Colmar» hat sich geschlossen. Heute befindet sich in Türkheim das Museum «Musée Mémorial des Combats de la Poche de Colmar», welches sich diesen regionalen Kriegsereignissen explizit widmet.
Der Rhein, bis Anfang Februar von allen elsässisch-deutschen Brücken befreit, ist ein sicherer Riegel für die Deutsche Wehrmacht. Erst im März wurde das gesamte links-rheinische Gebiet, bis hoch nach Holland, befreit. ‹Die Volksstimme aus dem Fricktal› zitiert am 27. März 1945 den Feldmarschall Montgomery: «Die grosse Frühlingsoffensive im Westen hat begonnen. […] Nachdem die Alliierten in einem Blitzvorstoss das ganze linksseitige Rheinufer in ihren Besitz gebracht hatten, löste [Montgomery] am letzten Samstag […] die Grossoffensive aus. […].»
Die letzte Rheinbrücke bei Germersheim wurde von den Deutschen am 24. März gesprengt. Brückenköpfe konnten von den Alliierten an verschiedenen Stellen bereits vorgängig installiert werden. Die berühmt gewordene Ludendorff-Brücke von Remagen zum Beispiel stürzte am 17. März ein, konnte aber zuvor am 7. März von den Alliierten unbeschädigt erobert werden und wurde somit zu einem ‹sicheren› Brückenkopf, welcher für die rechtsrheinischen Gebietseroberungen ausreichte. Am 12. März 1945 berichtet ‹Der Fricktaler›: «Über die Ludendorff-Brücke bei Remagen sind starke Artillerieeinheiten gegangen und längs der gesamten 16 Kilometer langen Aufmarschfront am rechten Rheinufer in Stellung gebracht worden. Die amerikanischen Geschütze haben sich überall eingeschossen und eine Reihe von deutschen Batterien zum Schweigen gebracht. […]» am 19. März dann: «Die Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Remagen ist eingestürzt.»
In der ersten Hälfte des März 1945 wurde klar, dass sich die Zeit der Nazi-Herrschaft auch in Deutschland rapide dem Ende zu nahte. Bereits exakt zwei Monate vor der Kapitulation am 9. Mai 1945, also am 9. März 1945, fragt sich ‹Der Fricktaler›: «Kriegsende in zwei Monaten? Das britische Kriegskabinett hielt am Montag eine Sondersitzung ab. […] Er [Churchill] wiederhole hierbei seine vor zwei Tagen gemachten öffentlichen Äusserungen. Es bedürfe nur eines einzigen grossen Sieges der Alliierten Armeen, um den Krieg in Europa zu beenden.»
Etwas weiter im selben Artikel: «Alle Vorbereitungen für die Überschreitung des Rheins sind abgeschlossen. Wann das Signal für den Rheinübergang gegeben wird, wird genau so wie der Tag der Normandie-Landung geheim gehalten. […] Was die tatsächliche Beendigung des Krieges angeht [ist], dass eine gemeinsame Proklamation der drei Grossmächte ausgegeben wird. Es wird kein Waffen- stillstand abgeschlossen werden, und man wird auch nicht warten, bis der letzte Schuss gefallen oder Hitler tot oder gefangen ist.»
Der Rhein war am Oberrhein noch bis Mitte April ein Sperrriegel. Dies war der Grund, warum es bis zum 25. April dauerte, bis die unmittelbare deutsche Nachbarschaft von Rheinfelden, durch die Französische Armee, befreit wurde. Die Soldaten mussten alle über den Brückenkopf bei Speyer und Germersheim den Rhein queren und nach Süden kämpfend vorstossen.
Dieser Brückenschlag nördlich Karlsruhe erfolgte erst am Ende dieses Quartals am 31. März 1945.
Ein wichtiges politisches Ereignis, welches sich in unser (Bild)-Gedächtnis einprägte, war das Treffen der drei grossen alliierten Verbündeten in Jalta auf der Krim zwischen dem 4. und 11. Februar 1945. Churchill, Roosevelt und Stalin berieten sich dort über die Zukunft Europas. ‹Der Fricktaler› berichtete am 14. Februar 1945 mit einem ausführlichen Artikel mit dem Titel: «Die Ergebnisse der Dreierkonferenz. Einigung über die Behandlung Deutschlands nach dem Krieg/Verständigung über Polen/ Zusammenarbeit nach dem Krieg zur Sicherung des Friedens». Darin wird berichtet: «[…] Nach den genehmigten Plänen werden die Streitkräfte jeder der drei Mächte eine besondere Zone Deutschlands besetzen […] Es wurde ferner abgemacht, dass Frankreich eingeladen werden sollte, mitzumachen, wenn es den Wunsch hegen sollte, ebenfalls eine Ockupationszone zu besetzen. […] »
Und so geschah es dann auch. Noch während des heissen Krieges wurden damit die Grundlagen für den kommenden Kalten Krieg gelegt.
In diesem ersten Quartal 1945 wurden also linksrheinisch die territorialen Gebiete Frankreichs, Belgiens, Luxemburgs und Holland zurückerobert. Mit dieser Befreiung wurden auch Konzentrationslager befreit. In beiden Zeitungen wurde bis dahin nur wenig darüber berichtet. Am 9. Januar 1945 schreibt die Volksstimme aus dem Fricktal: «Amtliche Enthüllung über ein deutsches Konzentrationslager.». Es handelt sich dabei um das KZ Breendonk in Belgien. Ein kleines KZ, welches «nur» 3532 Widerstandskämpfer inhaftierte. «Einer der befreiten Gefangenen sagte unter Eid aus, dass von 1941 bis 1944 in Breendonk mehr als 300 Häftlinge erschossen und fünfzehn erhängt wurden […].»
Über die Gräueltaten im KZ Natzweiler-Struthof berichtete ‹Der Fricktaler› ausführlich am 24. Januar: «Besuch im elsässischen Vernichtungslager […] Während vielen Monaten wurden in diesem Lager an Tausenden und Abertausenden von Gefangenen – Militär- und Zivilpersonen, inbegriffen Frauen und Kinder – entsetzliche Repressalien verübt, entsprechend dem Muster der 25 übrigen Repressalienlager, welche sich in Deutschland befinden […].»
Man wusste also durchaus von den Vernichtungslagern.
Das KZ-Gelände in Natzweiler diente, nach dem Erreichen der Alliierten – das Lager wurde vorgängig von den Deutschen geräumt – als Gefängnis für Kriegsgefangene und Kollaborateure. (Quelle Wikipedia)
Die grossen östlichen Vernichtungslager, mit Ausnahme von Auschwitz, wurden alle im April 1945 befreit. Das KZ Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 durch die sowjetische Armee befreit. Auch hier wurde vorgängig, mit Todesmärschen, evakuiert. Bei Erreichen der Sowjetarmee waren noch 7000 Häftlinge, meist sehr krank, im Lager. Obwohl in den beiden hier besprochenen Zeitungen auch ausführlich über die Ostfront berichtet wurde, fand sich kein Artikel zu dieser Befreiung.
Der Autor dieses Essays präsentiert das
Museum in Türckheim auf seinem
Museums-YouTube-Kanal Cosmographia.ch oder unter https://youtu.be/CfXTuhZrh14
Nachrichten aus einer kriegerischen Zeit
Das Fricktaler Projekt «Kriegsnachrichten» macht die Originalausgaben der «Volksstimme aus dem Frickthal», der «Neuen Rheinfelder Zeitung» und des «Frickthalers» aus den Jahren 1939 bis 1945 im Internet für jedermann zugänglich. Zudem erscheint viermal jährlich ein Essay, basierend auf der Berichterstattung des jeweiligen Quartals, in welchem der Autor das Kriegsgeschehen thematisiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Andreas Rohner, der Autor des hier publizierten Beitrags, ist Leiter des Projektes «Kriegsnachrichten». Als dieses Projekt vor 11 Jahren gestartet wurde, ging es um einen Rückblick auf schlimme, längst vergangene Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Wahrnehmung in der lokalen Öffentlichkeit. Nie hätten es die Initianten des Projektes für möglich gehalten, dass wir heute in Europa wieder Krieg erleben müssen. (nfz)




