Vom Mut und der Zumutung
04.08.2026 MöhlinSo war die Bundesfeier in Möhlin
Demokratie lebe nicht von Zuschauern, sagt der Gemeindeammann. Und am Rednerpult zeigt sich, was es stattdessen braucht.
Ronny Wittenwiler
Festreden können langweilig sein. Oder sie beginnen damit, dass eine erfahrene ...
So war die Bundesfeier in Möhlin
Demokratie lebe nicht von Zuschauern, sagt der Gemeindeammann. Und am Rednerpult zeigt sich, was es stattdessen braucht.
Ronny Wittenwiler
Festreden können langweilig sein. Oder sie beginnen damit, dass eine erfahrene Theaterschauspielerin gesteht, in ihrer allersten Bühnenrolle bei Frau Meier im Kindergarten nicht über diejenige eines Schafs hinausgekommen zu sein. Vielleicht aber hat damals schon jemand Nadine Condor zugerufen: «Du schaffst das!»
Und da wäre Richard Urich. Vor 34 Jahren als Lehrling von einem deutschen Arbeitskollegen gefragt, ob er denn stolz sei, Schweizer zu sein. «Ich überlegte kurz und sagte: nein, eigentlich nicht.» Urich, Kommandant der Feuerwehr Möhlin; Nadine Condor, sichere Bank im legendären Lehrertheater-Ensemble – beide gewährten Einblick in ihre Welt und verliessen bisweilen ihr gewohntes Terrain.
Es blieb nicht beim Schaf
«Dass ich vierzig Jahre nach dem Kindergarten immer noch Theater spiele und mich nun sogar in der Regie versuchen darf, hätte ich damals nie gedacht.» Gewachsen und entfacht worden sei diese Leidenschaft, sagte Condor rückblickend. «Aber nicht nur, weil ich Freude daran hatte, sondern auch – weil andere Menschen mir etwas zugetraut hatten.» Und nach einem kurzen Moment des Innehaltens meinte sie vor all den Menschen, die an diesem 1. August auf der Möhliner Allmend zusammengekommen waren: «Erinnern Sie sich auch an einen solchen Moment: An jemanden, der mal an Sie geglaubt hat, bevor Sie es selbst taten? An jemanden, der Ihnen Mut machte und eine Chance gab?»
«Wer vorausschaut, sollte wissen, woher er kommt»
Auch Festredner Richard Urich hielt Rückschau für den Blick in die Zukunft. «Bis Ende des 17. Jahrhunderts bedeutete der Brand von einem Haus oder einem Hof der wirtschaftliche Ruin und ein Leben in Armut.» Kaiserin Maria Theresia erkannte 1764 dieses Leid und führte die Feuerversicherung ein. «Das war die Grundlage für die organisierte Brandbekämpfung und diente als Vorlage für die heutige Aargauische Gebäudeversicherung, die mittlerweile von allen Kantonen übernommen worden und nicht mehr wegzudenken ist.» Mit der Moderne seien zwar die Herausforderungen für eine Feuerwehr stetig gewachsen, sagte Urich. Und doch sei eines gleich geblieben, womit er die Brücke zur Visionärin Maria Theresia schlug: Mut und Bereitschaft, neue Wege zu gehen, würden sich als Basis für einen erfolgreichen Einsatz erweisen. Dazu gehöre auch die Grösse, sich Fehler einzugestehen und zu korrigieren. «Doch was hat das alles mit unserem Land zu tun?», fragte dann der Feuerwehrkommandant.
Manchmal reicht ein Satz
Zurück zu Nadine Condor. «Erinnern Sie sich auch an jemanden, der mal an Sie geglaubt hat, bevor Sie es selbst taten?»
Und dann sagte sie: «Menschen, die anderen etwas zutrauen, sehen nicht nur, wer jemand heute ist, sondern auch, wer er morgen werden könnte.» Genau so erlebe sie das im Theater. Jemand stosse für eine Produktion neu hinzu. Zu viel Text, zu nervös, zu viel Publikum. Selbstzweifel. «Und ein paar Monate später nach der ersten Probe steht derselbe Mensch auf der Bühne und macht Dinge, die er sich selbst nie zugetraut hätte. Nicht etwa, weil alles plötzlich einfach gewesen wäre, sondern weil jemand sagte: Probiere es. Ich traue dir das zu. Oder: du schaffst das.»
Und deshalb, vierzig Jahre nach ihrer ersten Rolle als Schaf im Kindergarten längst ein alter Hase im Möhliner Lehrertheater, schloss Nadine Condor mit den Worten: «Ich wünsche uns allen, dass wir anderen häufiger mehr Mut machen. Dass wir anderen eine Chance geben und offen bleiben für deren Potenzial. Probiere es. Ich traue dir das zu. Oder: du schaffst das – denn manchmal reicht ein Satz, damit ein Mensch über sich hinauswachsen kann.»
Ein Privileg
Und Richard Urich, der fragte, was eine funktionierende Feuerwehr mit dem Blick auf dieses Land gemein habe? «Wenn wir alle bereit sind, mit nötiger Vorsicht neue Wege zu gehen, wenn wir die Grösse haben, Fehler einzugestehen und zu korrigieren, dann können wir auch unseren Kindern und Grosskindern noch sagen, dass es ein Privileg ist, in diesem Land leben zu dürfen.» Als er vor 34 Jahren an der Firmenfeier von einem deutschen Kollegen gefragt wird, ob er denn stolz sei, Schweizer zu sein, sagte er zwar: «Nein, eigentlich nicht.» Doch schob er eben auch nach: «Aber ich bin sehr dankbar dafür, Schweizer zu sein. Weil es ein grosses Privileg ist, in diesem Land leben zu dürfen.»
«Das macht unsere Freiheit aus»
Die Möhliner Bundesfeier 2026 stand unter dem Motto: «weiterdenken, anders denken, offen denken.» Die beiden Festreden passten hervorragend. Gemeindeammann Loris Gerometta formulierte es so: Gerade in Zeiten weltweiter Schlagzeilen über gesellschaftliche Spannungen, wirtschaftlichen Druck, technologische Umbrüche, Krieg und so vieles, das oft ausserhalb des eigenen Einflussbereichs liege, sei es angezeigt, nicht in eine Passivität zu verfallen. «Unsere Demokratie lebt nicht von Zuschauern. Sondern von Menschen, die sich einbringen, Verantwortung übernehmen und ihre Stimme erheben.» Demokratie sei manchmal anstrengend, bisweilen eine Zumutung. «Doch genau das macht unsere Freiheit aus.» Und irgendwie, so bekam man bei den Festreden den Eindruck: All das, dürfe man den Menschen tatsächlich auch zumuten. Nicht etwa, weil plötzlich alles einfach wäre. Vielleicht aber ist da jemand, der sagt: «Du schaffst das.»


