Vom Kleinbasler Aussenseiter zum ganzheitlichen Ökonom
27.02.2026 PersönlichRolf Steppacher verbindet Wissenschaft und Glaube
Dr. rer. pol. Rolf Steppacher, emeritierter Dozent für ökologische Ökonomie, hat zeitlebens an der Integration verschiedener wissenschaftlicher Zugänge gearbeitet. Auch Psychologie und Religion gehören dazu. Es ...
Rolf Steppacher verbindet Wissenschaft und Glaube
Dr. rer. pol. Rolf Steppacher, emeritierter Dozent für ökologische Ökonomie, hat zeitlebens an der Integration verschiedener wissenschaftlicher Zugänge gearbeitet. Auch Psychologie und Religion gehören dazu. Es gehe, sagt er, ums «Und», nicht ums «Entweder-Oder».
Von Andreas Fischer *
Mit den negativen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums sei er früh konfrontiert gewesen, erzählt Rolf Steppacher, «und auf vielfältige Weise. Mein Schulweg zum Beispiel war von dreifachem Gestank begleitet: Da war zunächst der Gestank der Roche ganz in der Nähe der Wohnung in Kleinbasel, in der ich aufwuchs. Dann kam der Gestank der Bierbrauerei Warteck und schliesslich jener von Franck Aroma.» Erst auf der anderen Seite des Rheins, wo er im altehrwürdigen «Haus zur Mücke» am Münsterplatz zur Schule ging, wurde es besser.
Dass es ihn überhaupt dorthin, nach Grossbasel, verschlug, war einem seltsamen Zufall geschuldet. Eigentlich wäre für ihn als Arbeiterkind die Realschule vorgesehen gewesen. Doch seine Eltern hatten vergessen, ihn anzumelden. Schliesslich gab es Platz nur noch auf der anderen Seite, «und weil es in jenem Schulhaus die Überleitungsklasse ins Gymnasium gab, schaffte ich es schliesslich bis zur Matura».
Die ganze Schulzeit über war Rolf Steppacher ein Aussenseiter, nicht nur, weil er aus Kleinbasel kam, sondern auch, weil er in eine Freikirche hineingeboren worden war. «Dort herrschte eine einengende und isolierende Vorstellungswelt, die überdies anderen kaum ver mittelbar war. Uns wurde beispielsweise gesagt, dass Jesus bald wiederkehren würde, und dass wir riskieren, nicht zu den Auserwählten zu gehören, wenn wir uns nicht recht benehmen.»
Wissenschaft und Glaube
In hartem Kontrast zum irrationalen Kosmos der Kirche verfolgte Steppacher eine wissenschaftliche Laufbahn. Er studierte an der Universität Basel Volkswirtschaftslehre und wurde anschliessend Assistent des renommierten Ökonomen Karl William Kapp (1910-1976). Er habe sich jeweils geniert, den Weg über den Petersgraben von der Uni zur Kirche zu gehen, «ich hoffte immer, dass mich niemand sieht». Die Integration von Wissenschaft und Glauben sei ein Lebensthema von ihm, erzählt er. «Dass es nicht um ein ‹Entweder-Oder› geht, sondern um ein ‘Und’, das war eine Einsicht, die über viele Jahre und innere Prozesse gereift ist.»
Entscheidend sei dabei die Erkenntnis gewesen, dass biblische Texte über weite Strecken keine historischen Berichte sind, sondern symbolische Bedeutung haben. Die damals revolutionären Bücher des deutschen Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann wurden für Steppacher wegweisend: «Der Durchzug durchs Schilfmeer zum Beispiel symbolisiert einen inneren Weg, eine Seelenreise, die mit Befreiung von lebensfeindlichen Konditionierungen verbunden ist und zur Selbstwerdung führt. Es geht bei dieser Geschichte nicht darum, dass sich das Meer in einem supranaturalen Ereignis spaltet, und dass man das glauben muss, weil es in der Bibel steht. Der Wahrheitsgehalt liegt auf einer viel tieferen Ebene. Solche Feststellungen Drewermanns hatten für mich eine ungeheure emanzipatorische Kraft.»
Bio-psycho-kulturelles Menschenbild
Drewermanns Einfluss führte dazu, dass Rolf Steppacher selber eine Psychoanalyse machte, die ihm erlaubte, innere Verletzungen durchzuarbeiten. Beruf lich führte sein Weg nach der Dissertation für einen Forschungsaufenthalt nach Indien, später wurde er Dozent für Entwicklung und ökologische Ökonomie am Institut für Entwicklungsstudien der Universität Genf. Ausserdem war Steppacher als Gastdozent an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland tätig und leitete zusammen mit zwei Kollegen Workshops für ökologisch-ökonomische Unternehmensentwicklung.
«Das Institut in Genf bot Nachdiplomstudien an», erinnert er sich. «Da kamen Studierende nicht nur aus fast allen Ländern der Welt zusammen, sondern auch aus den verschiedensten Disziplinen.» In den Seminaren zur Geschichte der Entwicklungstheorien konnten die Teilnehmenden auf ihre eigenen kulturellen Grundlagen zurückgreifen, in den Seminaren zu Ökoentwicklung, in denen das Thema ‘Nachhaltigkeit’ schon in den siebziger Jahren zentral war, ermöglichte Steppacher den Teilnehmenden, ihr eigenes, schon vorhandenes Wissen einzubringen. «Da ging es um Archäologie aus der Perspektive der Inka, traditionellen Reisanbau in Asien, Fischerei im Senegal», erzählt Steppacher und fügt lachend hinzu: «Auf meinen Spaziergängen lernte ich jeweils die vielen dazugehörenden Fachausdrücke, ausgerechnet auf Französisch, wo doch Französisch mein schwierigstes Fach an der Schule gewesen war.» Von seinem Lehrer und Förderer Kapp hatte Rolf Steppacher gelernt, dass die Integration von Wissen wichtiger sei als die immer weitere Ausdifferenzierung und Spezialisierung. «Ich wollte die Interdisziplinarität vertiefen», sagt er. «Deshalb hielt ich Vorlesungen und Seminare zusammen mit Physikern, Biologen, Ethnologen, Historikern, Förstern, Agronomen, einmal auch mit einem Arzt.» Dabei entstand ein, wie er es nennt, «bio-psycho-kulturelles Menschenbild» sowie ein «Mandala». «Das Mandala-Modell», erklärt Steppacher, «thematisiert die vier grundlegenden menschlichen Beziehungen, nämlich zur Natur, zur Gesellschaft, zu sich selbst und zu Gott bzw. einer universalen Realität.» Der mechanistische homo oeconomicus und eine Ökonomie, die von öko-sozialen Zusammenhängen isoliert und nur durch Märkte gesteuert wird, seien demgegenüber unbrauchbare Engführungen.
Psychoanalyse im Himmel
Rolf Steppacher ist kürzlich von der Wohnung im obersten Stock seines Hauses in Binningen ins Parterre gezogen. Noch sind die Kisten nicht ausgepackt, die Bilder nicht aufgehängt; die Wände sind frisch gestrichen, die Räume wirken hell, lichtdurchflutet an diesem Nachmittag im Februar, an dem wir uns treffen. Das hier, sagt Steppacher, sei, so Gott will, seine letzte irdische Bleibe. Was er noch erwarte, fragt man. «Ich gebe gern meine Erfahrungen weiter, wenn sich jemand dafür interessiert», sagt er, «und ich versuche, in Bezug auf ‘Décroissance’, aufs Reduzieren und Entschleunigen, ein Vorbild zu sein. Eigentlich erwarte ich nicht mehr viel, ich bin bereit zu gehen.»
«Und was erwartet dich im Änedraa?», wagt man weiter zu fragen. Er habe zeitlebens Musik geliebt, antwortet Rolf Steppacher, habe schon als Kind zu dirigieren angefangen, wenn am Radio Mozart gespielt wurde. Später habe er in der Kirche Chöre dirigiert und in verschiedenen Orchestern Geige gespielt. Als seine Grossmutter starb, habe sie gesagt, sie höre überirdisch schöne Musik. Auf diese Musik freue er sich, und auch darauf, mit seinem persönlichen Engel sein Leben noch einmal zu reflektieren, «wie in einer Psychoanalyse, so stelle ich mir das vor». Er hoffe, manches tiefer zu verstehen, im Erkenntnisprozess voranzuschreiten. «All dies, glaube ich, wird mit einem liebevollen Blick geschehen. Dass man verurteilt wird, wie das in der Kirche meiner Kindheit gelehrt wurde – nein, davor habe ich keine Angst.»
* Andreas Fischer ist Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Region Rheinfelden.
«Décroissance» – Ateliergottesdienst in der Fastenzeit
Am Sonntag, 1. März, um 19.15 Uhr, wird Rolf Steppacher im Rahmen eines Ateliergottesdienstes im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst eine Rede zu «Décroissance» halten und anschliessend mit dem emeritierten Soziologieprofessoren Ueli Mäder darüber ins Gespräch kommen.

