Verehrtes Publikum
Beobachter der Medienszene haben entdeckt, dass sich neben der Sensationspresse, die von Mord und Totschlag lebt, eine neue Art von Journalismus zu etablieren beginnt. Dieses «Betreute Lesen» hat es sich zur Aufgabe gemacht, komplizierte Situationen des ...
Verehrtes Publikum
Beobachter der Medienszene haben entdeckt, dass sich neben der Sensationspresse, die von Mord und Totschlag lebt, eine neue Art von Journalismus zu etablieren beginnt. Dieses «Betreute Lesen» hat es sich zur Aufgabe gemacht, komplizierte Situationen des Alltagslebens zu dechiffrieren, den Menschen Halt zu geben und aufsuchende Sozialarbeit zu leisten. Beispiele:
• «Experten warnen: Im Winter können weisse Flocken aus den Wolken rieseln. Fachleute nennen dieses witterungsbedingte Phänomen ‹Schneefall›. Ein solcher kann zu sogenannter ‹Schneeglätte› führen. Des einen Freud, des anderen Leid: Während Kinder Schneemänner bauen, krachen Automobilisten in die Leitplanken.»
• «Mediziner empfehlen: Im Winter hat sich die ‹Stosslüftung› als wirksam erwiesen. Wir öffnen dazu stündlich alle Fenster und Türen für 45 Minuten. Eine wohltuend frische Innentemperatur von 7° Celsius verhindert Schimmelbildung und stärkt unsere Resilienz.» Mein Vater, dem sehr daran gelegen war, gute Beziehungen zu unseren Nachbarn zu pflegen, führte einst ein Gespräch mit jemandem, der sich beklagt hatte, dass im Januar bei strengem Frost ein Wasserrohr in seinem Keller geplatzt sei. Mein Vater wusste Rat: «Wer hätte denn auch gedacht, dass es bei 12 Grad minus gleich so friert?»
Als Meister der Volksschuldidaktik zeigte sich kürzlich der baden-württembergische Ministerpräsident, indem er in gewohnt mitreissender Weise die Bürger in einem Video belehrte, wie man Thermostate bedient: rechtsrum – zu; linksrum – auf. «Solang das Deutsche Reich besteht, wird jede Schraube rechts gedreht!»
Fernerhin verkündete der Landesherr den einfältigen Untertanen, dass durch die Verwendung sogenannter «Waschlappen» für die Körperreinigung, wie dies früher üblich gewesen sei, der Wasserverbrauch sinke; häufiges Duschen dagegen den Wasserverbrauch erhöhe.
Woraufhin sich Sahra Wagenknecht, Enfant terrible der deutschen Leitmedien, öffentlich fragte: «Hält man uns eigentlich für bekloppt?»
JAN PETERS