Susanne Hörth
Stricken ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zum Alltag. Während ich im Beruf Buchstaben jongliere, reihe ich privat Masche um Masche aneinander – ein meditativer Vorgang, der mich zuverlässig beruhigt. Zumindest so lange, bis ich daran denke, ...
Susanne Hörth
Stricken ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zum Alltag. Während ich im Beruf Buchstaben jongliere, reihe ich privat Masche um Masche aneinander – ein meditativer Vorgang, der mich zuverlässig beruhigt. Zumindest so lange, bis ich daran denke, dass all diese sorgfältig gestrickten Einzelteile irgendwann zusammengenäht werden müssten. Ein Vorgang, den ich mit der gleichen Begeisterung angehe wie andere Menschen ihre Steuererklärung.
Darum landen die fertigen Stücke meist fein säuberlich beschriftet in einer Box im Kasten. Dort liegen sie dann – wie gut abgehangene Projekte – und warten geduldig darauf, dass ich mich eines Tages überwinde. Oder dass der Trend zu asymmetrischen, ungefügen Strickteilen ausbricht. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.
Wobei längst nicht alle Arbeiten überhaupt so weit kommen. Wer Katzen und Hunde hat, weiss, wovon ich spreche. Für sie ist ein Wollknäuel kein Handarbeitsutensil, sondern ein interaktives Erlebnisangebot. Ein Strickstück in Arbeit? Ein Abenteuerpark. Meine Haustiere betrachten jedes neue Projekt mit diesem verklärten Blick, der sagt: Wo Wolle ist, ist auch unser Wille, kreativ mitzuwirken.
Und so sitze ich da, versuche Maschen zu zählen, während hinter mir ein pelziger Vierbeiner mit meinem Faden durch das Haus flitzt. Ich schimpfe, ich fluche, ich rette, was zu retten ist. Die Tiere hingegen bleiben unbeeindruckt. Sie scheinen überzeugt, dass ich ohne ihre tatkräftige Unterstützung längst in textile Monotonie versinken würde.
Vielleicht haben sie sogar recht. Denn am Ende ist Stricken wie das Leben: Man plant, man beginnt, man verzettelt sich, man trennt wieder auf – und manchmal macht man alles einfach für die Katz.