Treffpunkt Kulissenraum
06.10.2024 RheinfeldenDas sind Vreni Liebhardt, Marc Joss und Sven Kistler. Kommen die drei zusammen, gibt es ein Theater – und alle freuen sich darauf. Kommen auch Sie mit ins Theater. Für einmal nicht direkt in den Zuschauerraum, sondern dorthin, wo die Erinnerung an vergangene Stücke greifbar wird ...
Das sind Vreni Liebhardt, Marc Joss und Sven Kistler. Kommen die drei zusammen, gibt es ein Theater – und alle freuen sich darauf. Kommen auch Sie mit ins Theater. Für einmal nicht direkt in den Zuschauerraum, sondern dorthin, wo die Erinnerung an vergangene Stücke greifbar wird und jedes neue Stück seinen Anfang nimmt: Im Kulissenraum in der Turnhalle, direkt unter der Bühne, die für das Theater Bözen seit über 100 Jahren die Welt bedeutet. Vorhang auf für das neuste Stück der NFZ-Serie «Treffpunkt in …». (sir)
Wo Neujahr ohne Theater unvorstellbar ist
Und der Nachwuchs von selber auf die Bühne drängt
Einen Theaterverein gibt es in Bözen nicht. Es ist der Turnverein, der zusammen mit dem Frauenturnverein, der Männer- und der Damenriege jedes Jahr ein Theater auf die Beine stellt – und damit seit über 100 Jahren einen überaus wichtigen Treffpunkt schafft.
Simone Rufli
«Theater spielen ist extrem aufwändig», sagt Marc Joss, der Präsident der Theaterkommission. Gerade noch hat er den Besuch durch den langen Gang unter der Turnhalle gelotst. Jetzt steht er zusammen mit Vreni Liebhardt und Sven Kistler an einem runden Tisch in jenem Raum, wo über 100 Jahre Bözer Theatergeschichte greifbar sind: im Kulissenraum. Rundum Wände aus Holz, kurze und lange Latten, Kartonkisten, elektrische Geräte, Lampen, gerahmte Bilder, eine Treppe, Stapel aus Barhockern und so weiter und so fort. Das sei nicht alles, sagt Marc Joss und öffnet eine kleine Türe. Im Raum dahinter reiht sich an einer Stange Kostüm an Kostüm. Weitere Kleidungsstücke liegen auf Regalen. «Die Auswahl ist mittlerweile so gross, dass sich meistens etwas Passendes findet», sagt Vreni Liebhardt. Seit über 40 Jahren findet keine Theateraufführung ohne Vreni Liebhardt statt. Sie sei von Haus aus eine leidenschaftliche Schauspielerin, sagt sie und lacht. «Meine ganze Familie hat immer Thater gespielt.» In diesem Jahr aber verzichtet sie darauf, in eine Rolle zu schlüpfen. «Weil ich Regie führe und beides zusammen einfach nicht machbar ist.»
Und da wären wir wieder bei der Aussage von Marc Joss, der ganz zu Beginn meinte: «Theater spielen ist extrem aufwändig. Im Juli die Stückauswahl, Spieler organisieren, Proben terminieren. Von August bis Ende Dezember wird drei bis viermal pro Woche geprobt. Und an Weihnachten sind nur gerade der 24. und 25. frei, am 26. geht es jeweils weiter.» Im 2023 kamen sie auf 54 Proben. In diesem Jahr, wegen dem Turnerchränzli im Oktober, müssen 30 reichen. «Und dann ist es wie auf einem Filmset. Man spielt, man wartet, man wiederholt und wartet wieder.» Ist die Arbeit getan, dann ist nicht Schluss. «Dann höckelt man noch zusammen. Auch das ist wichtig», darin sind sich die drei einig.
Viele Leute fürs Drumherum
Der dritte im Bunde ist an diesem Nachmittag Sven Kistler. Kistler ist Präsident des Turnvereins Bözen, der wiederum ist der Trägerverein des Theaters. Bözen macht zwar seit über 100 Jahren jede Menge Theater, aber einen Theaterverein? Fehlanzeige. «Es funktioniert bestens ohne», sagt Sven Kistler und schmunzelt. So funktioniert das in diesem Dorf, das seit dem 1. Januar 2022 ein Ortsteil der Fusionsgemeinde Böztal ist und bei aller Offenheit den Mitbewohnerinnen und -bewohnern aus den Ortsteilen Effingen, Elfingen und Hornussen gegenüber doch ganz froh darüber ist, dass sich allein aus Bözen immer genug Schauspielerinnen und Schauspieler rekrutieren lassen. Rund 20 Personen bilden jeweils das Bühnenteam, bestehend aus den Schauspielerinnen und Schauspielern, sowie zwei Schminkerinnen und zwei Souff leusen. Weil zum Theater ganz viel und immer mehr Drumherum gehört, sind für Gastronomie, Bar und Kaffeestube viele weitere Helferinnen und Helfer aus den Vereinen im Einsatz. «An einem Theaterabend sind es gut und gerne 50 bis 60 Personen», so Marc Joss. Pro Vorstellung sitzen rund 300 Personen im Publikum; über alle fünf Aufführungen jeweils rund 1300 insgesamt. Das Theater habe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine grosse Bedeutung. «Viele Leute, die in keinem Verein sind, treffen sich einmal im Jahr zum Theater.»
Gute Ratschläge
Auf dem runden Tisch liegt ein Plakat. Darauf eine Reihe von Fotografien von vergangen Aufführungen. Die drei beugen sich über die Bilder, tauchen ein in die Zeit, als Aufführungen noch im Saal des Restaurant Bären gespielt wurden – viele Jahre bevor dann anno 1969 die Turnhalle gebaut wurde. Auf einem Foto, Vreni Liebhardt als 17-Jährige – «ich erinnere mich gut an die ersten Ratschläge, die ich damals erhielt. Du musst laut und deutlich sprechen, hiess es immer wieder». So sei es, sagt sie und lacht.
Junge Spieler, junges Publikum
Die Geschichte des Theater Bözen reicht bis ins Jahr 1921 zurück. Wobei der Männerchor schon anno 1911 zu Unterhaltungsabenden mit Theater einlud. Seit den 1980er-Jahren gibt es in Bözen kein Neujahr ohne Theater. Auf den Fotos auf dem runden Tisch im Kulissenraum finden sich auch Grossvater Kistler, Vater Kistler – der Bären-Wirt – auch sie spielten jahrelang mit, genauso wie heutzutage Sven Kistler, die neunte Bären-Generation. Marc Joss sagt: «Es ist schön, dass sich die Jungen für diese alte Form der Unterhaltung interessieren.» Vreni Liebhardt und Sven Kistler nicken. In Bözen, sagen sie, wachsen viele Junge einfach in das Theaterspielen hinein. «Am Anfang helfen sie mit beim Bau von Bühnenbildern, dann spielen sie kleine Rollen, dann immer grössere», erzählt Vreni Liebhardt. Und alle drei sagen: «Junge Spieler bringen junges Publikum.»
Wer den Beifall einmal erlebt …
Keine Nachwuchssorgen – welcher Verein wünscht sich das nicht? Das braucht Mut, so auf der Bühne zu stehen, vor Publikum. Marc Joss wiegelt ab: «Die meisten suchen ja gerade diesen Kick und wenn sie einmal den Beifall des Publikums erlebt haben, dann wollen sie dieses Gefühl immer wieder erleben.» Ein Gefühl, das all die Mühen, die vielen Stunden, die mit all den Proben zugebracht wurden, entlöhne wie es kein Geld je tun könnte. «Die Einnahmen gehen nicht an einzelne Darsteller oder Helfer, sie werden an die Vereine verteilt.»
Im 2025 ein Bauernstück
«Verliebti Rindviecher», so heisst das Stück, das am 1. Januar 2025 Premiere feiern und am 3. am 4. am 10. und 11. Januar weitere Male aufgeführt wird. Eine Komödie in drei Akten von Lukas Bühler. «Damit kehren wir zurück zum Genre Bauernstück», sagt Vreni Liebhardt. «Früher wurden fast nur Bauernstücke gespielt. Jetzt ist es wieder einmal Zeit dafür», meint sie und Vorfreude strahlt aus ihrem Gesicht.
Bei allem Engagement der Dorfvereine, so betonen es die drei zum Schluss: «Ohne die Gemeinde, die uns die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und die gute Infrastruktur, gäbe es das Theater Bözen in dieser Form nicht.»
Nicht das Theater an sich und auch nicht diesen Treffpunkt, an dem Jahr für Jahr im Januar so viele Menschen von nah und fern für ein paar wunderschöne Stunden zusammenfinden.






