So nah wie möglich am Original
20.07.2026 PersönlichMatthias Lehner hat ein Hobby, das fast zur Lebensaufgabe geworden ist – er schiesst den Pfeil, um die Qualität des von ihm gebauten Bogen zu testen, interessiert sich für die geschichtlichen Hintergründe vom Pfeilbogen und hat eine Sammlung von Raritäten aufgebaut, die museumswürdig ...
Matthias Lehner hat ein Hobby, das fast zur Lebensaufgabe geworden ist – er schiesst den Pfeil, um die Qualität des von ihm gebauten Bogen zu testen, interessiert sich für die geschichtlichen Hintergründe vom Pfeilbogen und hat eine Sammlung von Raritäten aufgebaut, die museumswürdig ist.
Petra Schumacher
In Teufenthal, hier im Aargau, ist Matthias Lehner, Jahrgang 1991, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Früh interessierte ihn das Handwerk. «Eine handwerkliche Aufgabe bekommen und diese möglichst perfekt lösen, war meine Berufsmotivation. Holz als Werkstoff hat mich interessiert und deshalb habe ich die Schreinerlehre gewählt», so Matthias Lehner. Nach verschiedenen Berufsstationen ist er seit fast zehn Jahren bei einem Küchenbauer in Othmarsingen. In Galten hat er ein Haus gefunden, das er nach seinen Vorstellungen restauriert und umgebaut hat.
Robin Hood
«Es tönt fast kitschig, aber zu Pfeil und Bogen bin ich durch einen Robin Hood-Film gekommen», so der Bogenbauer. «Als Jugendlicher suchte ich dann im Wald passende Äste und baute im Werkunterricht und in der Pfadi meine ersten Bögen.» Mit den Ergebnissen war er nicht zufrieden. Das Internet gab zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel her und Literatur war kaum zu finden. Erst als Matthias Lehner seine Frau in Deutschland kennenlernte und viel Zeit dort verbrachte, wurde er bei der Suche nach Literatur und Anleitungen zum Bogenbau fündig.
Geschichtslektion
Pfeil und Bogen an sich wurden vermutlich vor 70 000 Jahren erfunden. In Europa gibt es Funde die 9000 Jahre alt sind. Die Recherchen führten den Bogenbauer in die Zeit zurück nach Mesopotamien. «Der verklebte Kompositbogen aus Holz, Horn und Sehne wurde erstmals in Mesopotamien um 2500 v. Chr. nachgewiesen.» Dieser Bogen machte seine Reise durch den gesamten eurasischen Raum und wurde dabei weiter perfektioniert. «Er war klein, leicht, sehr elastisch und konnte auf Feldzügen gut mitgeführt werden», erklärt Matthias Lehner. Schnell wird spürbar, wie tief er in diese Materie eingedrungen ist und wie sehr ihn die geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge interessieren.
Museumswürdig
«Ich war froh, Literatur gefunden zu haben, in der es Anleitungen zum Bogenbau gab, um dann zu merken, dass diese Anleitungen meist ungenau und zu wenig präzise waren», so der Bogenbauer. Dem inzwischen besseren Internetangebot sei es gedankt, wurde Matthias Lehner auf Auktionshäuser aufmerksam, die alte Pfeile und Bögen verkauften. «Beim Original kann man viel besser die Proportionen erkennen. Zudem ist es faszinierend, einen wirklich alten Bogen in den Händen zu halten.» Diese Leidenschaft brachte ihn dazu, alte Pfeilbögen zu sammeln. Aber nicht nur das: Auch antike Schussringe und weiteres Zubehör gehören zu seiner inzwischen sehr gewachsenen Sammlung. Von manchen Bögen, wie dem einen aus Indien, gibt es weltweit nur noch etwa 200 Stück. «Eigentlich gehört meine Sammlung in ein Museum, aber darum kümmere ich mich zu einem späteren Zeitpunkt.»
Bogenbau
Im Mittelpunkt von Matthias Lehners Leben steht der Bogenbau. «Für Aussenstehende ist es vielleicht nicht leicht nachvollziehbar, aber mir ist der Bogen wichtiger als das Schiessen. Ich schiesse, um die Qualität des Bogens zu testen. Mein Ansporn ist es, einen möglichst perfekten Bogen zu erschaffen, der dem Original so nah wie möglich kommt.»
Bei Matthias Lehner dreht sich alles um den osmanischen Kompositionsbogen, einer Weiterentwicklung des mesopotamischen Verbundbogens. Der historische Bogen besteht aus drei Holzteilen, mit dem oberen und unteren Wurfarmen sowie dem mittleren Griffstück. «Ahorn hat sich für den Bogenbau bewährt. Wenn geholzt wird, schaue ich, ob etwas Passendes für mich dabei ist. Denn schon da habe ich meine Ansprüche», so der Bogenbauer.
Das Holz wird im Formverlauf gesägt und etwa eine Stunde über Wasserdampf in die Form gebogen und gespannt, damit es in der Form bleibt. Über die Trocknungszeit gibt es verschiedene Ansichten. Bei Matthias Lehner trocknet ein Bogen ein halbes Jahr und wird dann an der äusseren Seite mit einer dünnen Schicht Horn vom Wasserbüffel und in der Innenseite mit zerfaserter Rindersehne beklebt. Der Kleber wird aus Rinderhaut hergestellt.
«Den Kleber kann ich im Künstlerbedarf kaufen», erklärt der Bogenbauer. «Die Verwendung ist recht anspruchsvoll, im Sommer verhält sich der Kleber anders als im Winter, aufgrund der unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit. Insgesamt müssen die Materialien optimal aufeinander abgestimmt und in den richtigen Proportionen verwendet werden. Nur dann erreicht man die gewünschte Elastizität und Spannkraft. Da habe ich Lehrgeld bezahlt. Einige Bögen sind mir gebrochen.»
Bogenkultur
2016 nahm Matthias Lehner am ersten Distanzschiessen teil. «Hier in Mittel- und Nordeuropa gibt es keine Bogenkultur. Wir sind nur eine Handvoll Bogenbauer. In der Türkei hingegen wird diese Kultur sehr geschätzt, weshalb auch dort Meisterschaften stattfinden», so der Bogenschütze. «Um erfolgreich zu sein, muss der Bogen gut sein, Bogen und Pfeil müssen miteinander harmonieren und eigene Körperspannung muss dazu passen.»
Weltmeister
Matthias Lehner reist mit leichtem Gepäck zu den Wettkämpfen. Sein Bogen wiegt 300 Gramm und ein Pfeil 12 Gramm. Trotz dieser Leichtigkeit kommt es zu einer Abschussgeschwindigkeit von bis zu 400 km/h. «Die letzte Meisterschaft war keine offizielle Weltmeisterschaft, aber ich habe dort mehrere Weltmeister geschlagen und bin sozusagen ein ungekrönter Weltmeister. Wobei mir ein Titel nicht wichtig ist. Für mich zählt allein die Qualität von meinem Bogen.» 300 Bögen hat Matthias Lehner inzwischen gebaut, ans Aufhören denkt er nicht.

