Sie suchten den Adrenalinkick
30.04.2026 BrennpunktSie wollten die Anerkennung in der Gruppe und einen Adrenalinkick. Dies erklärten die Mitglieder des sogenannten Wolfsrudels bei der Gerichtsverhandlung in Rheinfelden. Heute bereuen sie ihre Taten, wie sie beteuern.
Valentin Zumsteg
Diese Frage beschäftigt die Öffentlichkeit und das Gericht: Was bringt fünf junge Männer dazu, eine Vielzahl von Delikten zu begehen? Dem harten Kern des sogenannten Wolfsrudels – so nannte sich die Gruppe in ihrem Chat – gehören drei Fricktaler an, die heute 20 Jahre alt sind. Sie waren zum Zeitpunkt der Taten in Ausbildung, lernten einen Beruf und hatten eine gute Zukunft vor sich. Unter anderem geht es bei den Delikten, die ihnen zur Last gelegt werden, um mehrfache Sabotage des Glasfaserkabel-Netzes in Rheinfelden, gewerbs- und bandenmässigen Diebstahl, mehrfache teils versuchte Brandstiftung, mehrfache versuchte Erpressung und Störung des Bahnverkehrs (die NFZ berichtete). Zwei weitere junge Männer waren nur bei einzelnen Straftaten dabei. Gegen einen Jugendlichen, der ebenfalls teilweise mitgewirkt haben soll, wird zudem ein Jugendstrafverfahren durchgeführt, welches nicht öffentlich ist.
«Als Gruppe näher zusammengebracht»
Mit der Frage nach dem Warum beschäftigte sich das Gericht bei seiner Befragung der Beschuldigten am Montagabend. Zuvor hatte es die vom Verteidiger des Hauptbeschuldigten gestellten zusätzlichen Beweisanträge abgelehnt, so dass die Gerichtsverhandlung wie geplant weitergeführt werden konnte. Gerichtspräsident Björn Bastian sowie die anderen Richterinnen und Richter fragten nach der Motivation für die Taten. Was war der Sinn davon, mehrfach Glasfaserkabel durchzuschneiden oder in Gebäude einzudringen und dort Feuer zu entfachen? «Es ging um die Anerkennung in der Gruppe. Es gab einen gewissen Reiz, etwas Illegales zu machen», sagte einer der Hauptbeschuldigten, dem eine Freiheitsstrafe von acht Jahren droht. Er sprach von einem «Adrenalinkick». «Rückblickend ist mir klar, dass es ein grosser Seich war», sagte er weiter. Ähnlich äusserte sich der Hauptbeschuldigte, für den die Staatsanwältin laut Anklageschrift eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren fordert: «Es ging um die Bestätigung in der Freundesgruppe. Das hat uns als Gruppe näher zusammengebracht. Es tut mir leid.»
«Die Freundschaft war mir wichtig»
Die kriminelle Energie war gross: Das dritte Mitglied des Wolfsrudels, dem eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren droht, schnitt am 27. und 28. Dezember 2023 das Glasfaserkabel in Rheinfelden zwei Mal durch. So wollte der junge Mann den beiden anderen Hauptbeschuldigten, die damals im Ausland in den Ferien weilten, ein Alibi verschaffen und den Verdacht von ihnen ablenken. Dafür bekam er laut eigenen Aussagen 600 Franken.
Doch das Geld sei nicht die einzige Motivation gewesen. «Die Freundschaft war mir wichtig; ich wollte besser in die Freundesgruppe reinkommen», sagte er vor Gericht. Deswegen habe er dies gemacht. «Ich bereue es sehr.» Umstritten ist, ob bei der Ausführung der Taten ein weiterer junger Mann dabei war. Dieser bestritt eine Beteiligung vor Gericht. Der geständige Täter sagte dazu: «Ich habe das Glasfaserkabel allein durchgeschnitten.»
«Wir haben nicht vernünftig gedacht»
Was brachte die jungen Männer weiter dazu, im September 2023 zwei sogenannte Hemmschuhe beim Bahnhof Rheinfelden zu entwenden und diese später in der Nähe des Waldfriedhofs auf die Gleise zu legen? Auch diese Frage beschäftigte das Gericht. Ursprünglich sei es die Idee gewesen, die Hemmschuhe nur als Souvenir mitzunehmen, sagte der Hauptangeklagte. Später kam dann offenbar die Idee auf, die Hemmschuhe auf die Gleise zu legen und so durchfahrende Züge abzubremsen. «Es war nie der Plan, jemandem zu schaden oder Menschen in Gefahr zu bringen», betonten alle Beteiligten. Laut verschiedenen Aussagen hat der Hauptbeschuldigte beide Hemmschuhe allein auf die Gleise gelegt, dies im Abstand von rund 20 Minuten. Er selbst gab zu Protokoll, dass er nur für eine Tat verantwortlich war. Zwei Mal war eine S-Bahn betroffen. «Es war ein Kick. Wir haben nicht vernünftig gedacht. Ich bin froh, dass nichts passiert ist», sagte er. Ein weiterer Beteiligter meinte: «Es war sehr belastend, dass wir Menschen in Gefahr gebracht haben könnten.»
Die Frage nach dem Warum wird das Gericht auch in den kommenden Tagen beschäftigen.

