Sich empor irren
29.05.2026 Fricktalim Modus des Vorläufigen
Gastbeitrag von Hans Wüthrich*
Die direkte Demokratie gilt als Königsdisziplin politischer Reife. Das Ideal: Der Stimmbürger entscheidet informiert, urteilsfähig und souverän. Doch dieses Bild gerät ins Wanken. Immer ...
im Modus des Vorläufigen
Gastbeitrag von Hans Wüthrich*
Die direkte Demokratie gilt als Königsdisziplin politischer Reife. Das Ideal: Der Stimmbürger entscheidet informiert, urteilsfähig und souverän. Doch dieses Bild gerät ins Wanken. Immer häufiger verlangt die Demokratie Antworten auf prinzipiell unbeantwortbare Fragen. Die kommenden Abstimmungen zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»- Initiative oder zum «Paket Schweiz– EU» zeigen dies exemplarisch. Beide Vorlagen betreffen Wirtschaft, Wohlstand, Arbeitsmarkt und das Selbstverständnis des Landes – und doch kann niemand – wirklich niemand – die mittel- und langfristigen Auswirkungen mit Gewissheit benennen.
Das Problem ist nicht mangelnde Intelligenz, vielmehr die fehlende Vorhersagbarkeit. In modernen Gesellschaften führen selbst kleine Eingriffe zu weitreichenden, oft unerwarteten Folgeeffekten. Ursache und Wirkung sind häufig zeitlich und sachlich entkoppelt. Dennoch treten in politischen Debatten selbstsichere Welterklärer auf, die mit einfachen Lösungen die Welt erklären. Was wir stattdessen benötigen, ist mehr Demut im Umgang mit Unsicherheit. Denn Unsicherheit lässt sich nicht durch Lautstärke oder Vereinfachung beseitigen. Psychologisch ist Unsicherheit schwer auszuhalten. Sie überfordert und verführt dazu, Komplexität reduzieren zu wollen, zu beschönigen oder zu moralisieren. Wir suchen Halt in vertrauten Denkmustern und vermeintlichen Gewissheiten. Kurzfristig mag das entlasten, langfristig behindert es jedoch das gemeinsame Klügerwerden.
Gerade deshalb benötigt Demokratie eine alternative Lernarchitektur: Wir müssen nicht alles im Voraus wissen, sondern können durch Handeln ins Verstehen kommen. Dieses in der Wissenschaft bewährte Prinzip nennt sich «exploratives Lernen». Es bedeutet, dass wir durch gezielte, kontrollierte Experimente Erfahrungen sammeln und daraus lernen. Solche Experimente sind so gestaltet, dass Fehler möglich, aber nicht fatal sind – sogenannte «Safe-to-fail»-Ansätze. Scheitern ist erlaubt, solange es keine irreversiblen Schäden verursacht. Warum sollte ausgerechnet die Politik auf solche Ansätze verzichten?
Das «Paket Schweiz–EU» könnte beispielsweise als befristeter Lernvertrag verstanden werden: Inkraftsetzung auf fünf Jahre, danach eine obligatorische Evaluation durch beide Vertragsparteien. Was hat funktioniert? Welche Nebenwirkungen sind aufgetreten? Welche Annahmen waren falsch? Wo haben sich neue Chancen ergeben, wo unerwartete Probleme? Dieses Prinzip liesse sich auch auf andere Reformen übertragen, nicht als Zeichen politischer Schwäche, eher als Ausdruck demokratischer Intelligenz. Paradoxerweise stärkt gerade die Vorläufigkeit das Vertrauen. Wer weiss, dass politische Entscheidungen überprüfbar und korrigierbar bleiben, entwickelt eher Vertrauen in die Demokratie. Natürlich klingt das ungewohnt. Politik strebt nach Eindeutigkeit und Parteien leben von klaren Botschaften. Doch wenn Demokratie weiterhin so tut, als könne sie unter Bedingungen grösster Ungewissheit endgültige Wahrheiten liefern, wächst zwangsläufig die Enttäuschung. Politikverdrossenheit, Polarisierung und Vertrauensverlust sind die Folge.
Vielleicht ist es ehrlicher und langfristig erfolgreicher, eine alternative Haltung zu kultivieren: Wir entscheiden vorläufig auf Basis des heutigen Wissens – verbunden mit der Pflicht, aus den Folgen zu lernen. Demokratie braucht den Versuch und die Möglichkeit zur Rückkehr. Sie gewinnt und schützt sich, wenn sie Vertrauen durch Vorläufigkeit schafft.
* Hans A. Wüthrich wohnt in Rheinfelden. Er ist emeritierter Universitätsprofessor und Fachbuchautor.


