«Präzision gehört in beide meiner Welten»
10.06.2026 PersönlichMarcel Johns Leidenschaft gilt Beruf und Rennsport gleichermassen
Er ist eidgenössisch diplomierter Mechaniker-Meister, Wirtschaftsingenieur, hat zwei Firmen aufgebaut und fährt seit seinem 14. Lebensjahr Motorradrennen, ohne ans Aufhören zu denken – Marcel John schildert, wie er ...
Marcel Johns Leidenschaft gilt Beruf und Rennsport gleichermassen
Er ist eidgenössisch diplomierter Mechaniker-Meister, Wirtschaftsingenieur, hat zwei Firmen aufgebaut und fährt seit seinem 14. Lebensjahr Motorradrennen, ohne ans Aufhören zu denken – Marcel John schildert, wie er beide Welten verbindet.
Petra Schumacher
Wer Marcel John, Jahrgang 1962, in seiner Firma Gematec AG in Wittnau besucht, steht im Eingangsbereich direkt inmitten eines Fuhrparks von um die zehn Rennmaschinen. «Das ist nur ein kleiner Teil. Meine Sammlung ist erheblich grösser», so der Wittnauer. Insgesamt 30 Maschinen besitzt der Motorsportler. Begonnen hat die Leidenschaft für die Zweiräder beim Motocross. In Schupfart fuhr er seine erste Cross-Strecke. «Die ersten zwei Töff hat mir noch der Vater finanziert, dann musste ich selber schauen», so Marcel John. «Zweiräder fand ich von Anfang an interessanter als Vierräder. Am Velo war für mich nicht genug Material dran und zudem hat mich die PS-Kraft begeistert. So bin ich zum Motorradrennsport gekommen und bis heute dabei geblieben.»
Der Firmenchef
Nach dem Schulabschluss im Fricktal ging es für Marcel John für die Lehre zum Mechaniker nach Brugg. Anschliessend sammelte er Berufserfahrung in verschiedenen Unternehmen und für Sprachaufenthalte ging er erst in die USA und später nach Australien. Weitere Berufsstationen folgten, bevor der Mechaniker die eidgenössisch diplomierte Meisterprüfung ablegte. 1999 gründete er mit der Gematec AG seine erste eigene Firma, für die er die Qualifikation als Wirtschaftsingenieur erwarb. 2012 folgte die zweite Firma, die Fabry AG. Beide Unternehmen sind auf Präzisionstechnik spezialisiert. 2013 konnte der Unternehmer Bauland in Wittnau erwerben und seine Firmen dort ansiedeln. «Über die Jahre schaffte ich mit meinen Mitarbeitern die Entwicklung von einer mechanischen Werkstatt hin zu einem Partner von High-Tech-Firmen. Ich glaube, darauf dürfen wir stolz sein.» Nebenbei baute er ein altes Bauernhaus um und kümmert sich um den Wald und die Landwirtschaft, die er von den Eltern übernahm.
Der Extremsport
Nach acht Jahren Motocross wechselte Marcel John kurz zum Strassenrennsport, bevor er zum Enduro Rennsport kam. Beim Enduro, einer Motorrad-Geländesportart, sind nicht nur Geschwindigkeit und Geschicklichkeit, sondern auch Ausdauer und die Zuverlässigkeit von Motorrad und Fahrer entscheidend. National gehen die Rennen über ein oder zwei Tage, wobei sechs bis acht Stunden pro Tag gefahren wird, und auf internationaler Ebene sind die «Six Days» der Höhepunkt im Enduro Rennsport. «Eine täglich vorgegebene Offroad-Strecke muss in einer bestimmten Zeit gefahren werden. Wird dieses Zeitlimit nicht geschafft, kommt es zu Strafzeiten. Dazu gibt es unterwegs zusätzliche Spezialtests», erklärt Marcel John. Er war in den USA, Australien und in ganz Europa unterwegs. In der Schweiz gibt es keine Rennstrecken und nur wenige Trainingsstrecken. Kondition, Durchhaltevermögen und Schnelligkeit sind notwendig, erklärt der Motorradfahrer. «Man muss das Extreme mögen, denn was man bei diesem Sport erlebt, geht in jeder Hinsicht in den Extrembereich.»
Der Adrenalinkick
Bis 2005 fuhr er Enduro und «Six Days» und wechselte dann zum Rallyesport. Bei der Toskana-Rallye Anfang Juni legte er in fünf Tagen rund 1800 Kilometer zurück. «Wenn ich den Helm aufsetze, bin ich in meiner Welt», erklärt der Rennsportler. «Die Angst fährt bei mir nicht mit. Dafür ist der Adrenalinkick immer wieder da. Sich selber spüren, bis an die Grenzen gehen und zu merken, man hat es noch im Griff, das ist der Anreiz.» Für Marcel John ist klar, ohne Unterstützung der Familie könnte er den Sport nicht machen. «Meine Frau ist früher selber Motorrad gefahren und bringt ein grosses Verständnis für meinen Sport mit. Sie begleitete mich zu allen Rennen, stand an der Strecke an den Servicepoints und versorgte mich mit Getränken, Snacks und Benzin zum Nachtanken. Auch mein jüngerer Bruder war dabei, er fuhr ebenfalls Enduro-Rennen. Früher sind auch unsere Töchter mitgekommen.» Auf eine Sache weist Marcel John hin: «Auf der Strecke sind wir Fahrer Konkurrenten, aber am Abend sitzen wir mit den Begleitteams alle zusammen. Das verbindet sehr und ist wichtiger Teil dieses Sports.»
Die Präzision
Auf der einen Seite der Unternehmer mit zwei Firmen und auf der anderen Seite der Motorradrennsportler, der das Extreme mag, wie geht das zusammen? «Auf beiden Seiten steht die Präzision im Mittelpunkt. Sie ist mein roter Faden, der mich durchs Leben begleitet», beantwortet Marcel John die Frage. «Durch den Sport habe ich Durchhaltevermögen entwickelt und kann mit schwierigen Situationen besser umgehen. Beim Rennen muss man die Strecke lesen können, um vorausschauend reagieren zu können. Das ist auch im Wirtschaftsleben hilfreich. Und umgekehrt hilft mir die Genauigkeit und Präzision, die ich in meinem Beruf verinnerlicht habe, meinen Sport risikofreier auszuüben.»
Quer durch die Sahara
Bei seinen Firmen laufen Gespräche für die Nachfolgeregelung. Geht der Rennsport auch in die Pensionierung? Marcel John antwortet mit einem breiten Lächeln: «Ich glaube nicht, dass ich vom Motorradfahren jemals genug haben werde. Auf meiner Liste stehen zum Beispiel noch die alte Postroute von New York nach San Francisco als Offroad-Tour mit leichtem Motorrad und Begleitfahrzeug oder die erneute Durchquerung der Sahara von Tunesien nach Libyen. Aber dafür müssen dann auch die politischen Verhältnisse stimmen.» In der Schweiz ist der Motorradrennsport ein Nischensport. «Ich würde mir wünschen, dass in der Öffentlichkeit differenzierter über den Motorsport gesprochen wird und wir Sportler mehr Unterstützung erfahren», äussert sich Marcel John abschliessend.

