Neuanfang in einem fremden Land
26.07.2026 RheinfeldenSie mussten wegen des Krieges ihr Land verlassen. In der Schweiz bauen sie sich eine neue Zukunft auf. Dimi Samofalov hat soeben seine Lehre als Restaurant-Fachmann abgeschlossen, Dima Kotov ist im ersten Lehrjahr als Koch.
Valentin Zumsteg
Eigentlich hätte Dmytro Samofalov, den ...
Sie mussten wegen des Krieges ihr Land verlassen. In der Schweiz bauen sie sich eine neue Zukunft auf. Dimi Samofalov hat soeben seine Lehre als Restaurant-Fachmann abgeschlossen, Dima Kotov ist im ersten Lehrjahr als Koch.
Valentin Zumsteg
Eigentlich hätte Dmytro Samofalov, den alle Dimi nennen, Rechtsanwalt werden wollen. Seine Mutter ist Notarin. Doch Putin machte dem jungen Ukrainer einen Strich durch die Rechnung. «Als der Krieg losging, konnten wir es gar nicht glauben. Das war ein Schock. Ein Kollege hat mich früh am Morgen angerufen und es mir erzählt. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich ukrainische Panzer auf dem Weg an die Front», berichtet der heute 21-Jährige, der vor dem russischen Angriff in Tschernihiw lebte und auch viele Verwandte in Russland hat. Es dauerte nicht lange, bis der Strom ausfiel. Ein paar Tage später gab es kein fliessendes Wasser mehr in ihrem Haus, auch die Lebensmittel wurden knapp.
Mit Helene Fischer und den Toten Hosen Deutsch gelernt
Ende März 2022 entschieden sich Dimi Samofalov und seine Mutter, das Land zu verlassen. Viele Leute in ihrer Stadt waren bereits gestorben. «Wir hatten gehört, dass die Schweiz ukrainische Flüchtlinge aufnimmt. Das Land hat lange keinen Krieg erlebt und ist neutral. Deswegen fiel der Entscheid auf die Schweiz. Dort schien es uns sicher zu sein.» Wohin es genau gehen sollte, wussten sie nicht. Dimi Samofalov, damals 17 Jahre alt, sprach kein Wort Deutsch. Über die katholische Kirche kamen sie zu einer Gastfamilie in Obermumpf, wie Dimi erzählt. Er konnte, obwohl er eigentlich schon zu alt war, für einige Zeit den Unterricht in einer ukrainischen Klasse in Frick besuchen. Daneben belegte er Deutschkurse in Aarau. «Ich wusste, dass mein Traum vom Jura-Studium geplatzt war. Das war heftig, als mir dies bewusst wurde. Doch ich wollte etwas Neues entdecken.» Dimi, der Musik liebt, lernte schnell Deutsch. «Ich hörte die Lieder von Helene Fischer, Udo Jürgens und den Toten Hosen und sang immer mit», erzählt er mit einem Lachen.
Als er 18 Jahre alt und damit volljährig war, ging seine Mutter zurück in die Ukraine. Ab dann war er auf sich gestellt. Schon bald konnte er eine Lehre als Restaurant-Fachmann beginnen; der Vertrag war unterzeichnet worden, als die Mutter noch in der Schweiz wohnte. Dimi wechselte zwar nach einem Jahr den Lehrbetrieb, doch die Arbeit und der Kontakt mit verschiedenen Menschen gefielen ihm. Vor wenigen Wochen hat er die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und sein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis nun in Händen. Darauf ist er stolz. Sein Arbeitgeber, die Schützen Rheinfelden AG, übernimmt ihn. Bisher arbeitete er vor allem im Hotel Schiff, künftig wird er im Hotel Eden tätig sein. «Mein Ziel war immer, keine Sozialhilfe zu beziehen.»
«Wir Ukrainer können auch was»
Dimi, der bei einer Gastfamilie in Rheinfelden lebt, berichtet von ukrainischen Kollegen, die in der Schweiz ebenfalls erfolgreich einen Abschluss geschafft haben. «Wir Ukrainer können auch was», betont er. In ein paar Jahren würde er gerne die Hotelfachschule in Luzern besuchen und im Bereich Hotel / Eventmanagement arbeiten. Er will vorwärtskommen. Seine Zukunft sieht er in der Schweiz. «Viele Freunde in der Ukraine sind getötet worden. Ich möchte in Sicherheit leben.»
Ein ähnliches Schicksal hat Dmytro Kotov, der hier in der Schweiz Dima genannt wird. Er stammt aus der ukrainischen Stadt Kahowka, die seit Februar 2022 von Russen besetzt ist. «Jeden Tag gab es Bombardierungen», erzählt der heute 20-Jährige. Im Herbst 2022, als es nicht mehr anders ging, ist er mit seiner Grossmutter in die Schweiz geflüchtet, weil hier bereits eine Tante und ein Onkel lebten. Später folgten sein Vater und die Stiefmutter. Die Anfangszeit im fremden Land war schwierig. Die ersten Monate lebte er mit seiner Oma in der Asylunterkunft im ehemaligen Autobahn-Werkhof in Frick, später konnten sie in die kantonale Unterkunft im Rheinfelder Dianapark wechseln. «Die ersten eineinhalb Jahre war ich eigentlich nur zuhause.»
Mit der Zeit begann er Deutschkurse zu nehmen und in verschiedenen Berufen zu schnuppern, zum Beispiel als Zimmermann, Fachmann Bewegungs- und Gesundheitsförderung und als Koch. In der Ukraine hatte er das Gymnasium besucht, wollte später an die Uni. Diese Pläne zerschlug der Krieg.
Vor einem Jahr, im August 2025, konnte er schliesslich eine Kochlehre bei der Schützen Rheinfelden AG beginnen. Zuerst arbeitete er im Hotel Schützen, später im Hotel Schiff und aktuell ist er im Hotel Eden, die alle zur gleichen Gruppe gehören. «Ich habe das erste Lehrjahr erfolgreich abgeschlossen», freut er sich. Im August kommt er ins zweite von insgesamt drei Lehrjahren. Nach der Lehre möchte er im Betrieb weiterarbeiten, später Weiterbildungen absolvieren. Der Beruf des Kochs gefällt ihm. «Ich mag besonders Fleisch», sagt er mit einem Lachen.
Derzeit lebt er bei einer Gastfamilie in Rheinfelden, wo es ihm gut gefällt. «Rheinfelden ist ruhig und sicher. Ich lebe gerne hier. Die Feste und die Fasnacht gefallen mir.» In der Freizeit treibt er viel Sport. An eine Rückkehr in seine alte Heimat denkt er nicht. «Meine Heimatstadt gehört jetzt zu Russland.» Er will sich in der Schweiz etwas aufbauen.
Das sind zwei von vielen Beispielen von jungen Menschen, die wegen des Krieges geflüchtet sind und aus den schwierigen Umständen das Beste machen.


