Bleibt man oder reist man ab?
24.02.2026 LaufenburgBleibt man oder reist man ab?
Luzia Tschirky über ihre Zeit als Kriegsberichterstatterin
«Die meisten Leute probieren so zu tun, als ob es den Krieg nicht gebe», sagte Luzia Tschirky, ehemalige SRF-Korrespondentin am Sonntagnachmittag in der ...
Bleibt man oder reist man ab?
Luzia Tschirky über ihre Zeit als Kriegsberichterstatterin
«Die meisten Leute probieren so zu tun, als ob es den Krieg nicht gebe», sagte Luzia Tschirky, ehemalige SRF-Korrespondentin am Sonntagnachmittag in der ausverkauften Kultschüür in Laufenburg.
Regula Laux
Martin Willi, der Leiter der Kultschüür in Laufenburg, zitierte bei der Einführung der ehemaligen Korrespondentin des Schweizer Fernsehens SRF, Luzia Tschirky, den Präsidenten der Ukraine Walodimir Selenski: «Wir sind verschieden, aber das ist kein Grund Feinde zu sein», so Selenski über Wladimir Putin kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022.
Ein Vorher und ein Nachher
«Schlagartig ist mir bewusst: Das ist eine Zäsur. Eine Zäsur für die Ukraine, eine Zäsur für Russland und eine Zäsur für mich. Auch mein eigenes Leben wird sich in ein Vorher und in ein Nachher teilen», so die Journalistin Luzia Tschirky zu ihrem gerade im Echtzeit Verlag erschienenen Buch «Live aus der Ukraine». Mit Jahrgang 1990 ist sie die jüngste Korrespondentin, die vom Schweizer Fernsehen ins Ausland entsandt wurde und dies als erste Frau nach Russland. Von 2019 bis 2022 hat Tschirky in Moskau gelebt und aus Russland, der Ukraine, Belarus und dem Kaukasus berichtet. Am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine war Luzia Tschirky in Kiew und berichtete danach laufend über den Krieg. 2021 wurde sie zur «Schweizer Journalistin des Jahres» gewählt und 2022 zur «Reporterin des Jahres».
Der Krieg wird dauern, solang Putin lebt
Begleitet von einigen Bildern und Videosequenzen ging Luzia Tschirky am Sonntagnachmittag in der ausverkauften Kultschüür auf ihre Zeit als Kriegsberichterstatterin ein. Als Angela Merkel im November 2021 als deutsche Bundeskanzlerin verabschiedet wurde, befürchtete Tschirky bereits negative Folgen für die Ukraine. «Dies, weil Wladimir Putin das Waffenstillstandsabkommen von 2015/16 nicht mehr für bindend hielt.» Putin, der von 1999 bis 2008 und seit 2012 wieder russischer Präsident ist, wird für zahlreiche Kriegsverbrechen und andere Straftaten verantwortlich gemacht. «Der Angriffskrieg wird dauern, solang Putin lebt», ist Tschirky überzeugt, denn solang er lebe, werde er auch im Amt bleiben. «Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mich täusche», so Luzia Tschirky.
Flieger- und Phosphorbomben
Anhand von Bildern und Erläuterungen zeigte Tschirky, dass die russische A rmee Flieger- und Phosphorbomben gegenüber der ukrainischen Ziv ilbevölkerung einsetzt. «Das fällt ganz klar unter die Kategorie Kriegsverbrechen», ist die Journalistin überzeugt. Tschirky schilderte Fälle von Menschen, die durch die grosse Hitze der Phosphorbomben mit Temperaturen von über 1000 Grad nicht für tot erklärt werden konnten, da sie komplett verbrannten. Luzia Tschirky erzählte von einigen gefährlichen Situationen, die sie als Kriegsberichterstatterin gemeinsam mit ihrem Kameramann und ihrem Fahrer erlebte. Das allerschwierigste sei, dass man mit sehr wenig Informationen permanent Entscheidungen treffen müsse: Bleibt man oder reist man ab, welchen Weg nimmt man, wem kann man vertrauen und wem nicht?
Mehrheit schweigt
Auf die Frage, ob sie, die seit 2022 in Zürich lebt, noch Kontakt hat zu Menschen in Russland und wie diese den Angriffskrieg beurteilen sagt Luzia Tschirky: «Ja, mein Mann und ich haben noch viele Kontakte nach Russland und unter unseren Bekannten gibt es niemanden, der den Angriffskrieg unterstützt.» Doch die Angst sei zu gross, als dass sich ein Widerstand entwickle. «Die meisten Leute probieren so zu tun, als ob es den Krieg nicht gebe», meint Tschirky. Die Mehrheit schaue stillschweigend zu und die kämpfenden Soldaten würden eher aus ärmeren Bevölkerungsschichten stammen. «Wieso wird man Korrespondentin in Russland», wollte ein Zuhörer wissen. Sie sei mit 20 zum ersten Mal als junge Journalistin per Zufall in Russland gelandet und habe vorher keinen Bezug gehabt zum Land. Und Nein, sie habe keine Wurzeln im Osten, der Name «Tschirky» komme aus der Südostschweiz, sie sei in Sargans aufgewachsen und dort gebe es viele Tschirkys.


