Susanne Hörth
Wie gerne hätte ich auch so einen kleinen Computer am Handgelenk. Einen persönlichen Assistenten, der mich durch den Alltag lotst, meinen Blutdruck überwacht, mir mitteilt, wenn irgendwo eine E-Mail landet, und mich an Termine erinnert, die ich sowieso ...
Susanne Hörth
Wie gerne hätte ich auch so einen kleinen Computer am Handgelenk. Einen persönlichen Assistenten, der mich durch den Alltag lotst, meinen Blutdruck überwacht, mir mitteilt, wenn irgendwo eine E-Mail landet, und mich an Termine erinnert, die ich sowieso vergessen hätte. Und vor allem: Er würde für mich zählen. Denn Zahlen und ich – wir führen eine Beziehung, die man höflich als «kompliziert» bezeichnen könnte.
«Ich bin gestern 10 752 Schritte gelaufen», verkündet eine Bekannte stolz und tippt dabei auf ihre Smartwatch, als hätte sie gerade den Mount Everest im Laufschritt bezwungen. Das schlaue Ding hat jeden einzelnen Schritt mitgezählt. Beeindruckend.
Und ich? Ich bin auch gelaufen. Wir haben schliesslich Hunde. Und ich habe ebenfalls gezählt. Also, versucht zu zählen. Nach einem zweistündigen Waldspaziergang stand ich bei knapp 300 Schritten. Nicht, weil ich so wenig gelaufen wäre – sondern weil Mann und Hunde irgendwann die Geduld verloren und ohne mich nach Hause marschiert sind. Verständlich.
Dabei fing alles so vielversprechend an. Hochkonzentriert setzte ich einen Fuss vor den anderen und murmelte innerlich: «Eins, zwei, drei …» Dann musste ich anhalten, um die Hinterlassenschaft eines unserer Vierbeiner einzusammeln. Und zack – Zahl futsch. Wo war ich stehen geblieben? 47? 74? Egal. Also zurück zum letzten Baum, Neustart.
Ein paar Minuten später die nächste Krise: War das jetzt Schritt 789 oder 799? Ich entschied mich für die radikale Lösung: zurückgehen und von vorne beginnen. Wieder und wieder. Irgendwann war ich so genervt, dass ich kurz davor war, die Bäume anzuzählen, nur um überhaupt ein Erfolgserlebnis zu haben.
Nach zwei Stunden, mehreren mentalen Neustarts und einem Puls, der vermutlich im oberen dreistelligen Bereich lag, gab ich auf. Und genau in diesem Moment war ich heilfroh, keine Smartwatch zu tragen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, welchen Blutdruckwert dieses schlaue Teil angezeigt hätte. Wahrscheinlich hätte es direkt einen Notruf abgesetzt – und zwar nicht für mich, sondern für sich selbst.