Susanne Hörth
Es gibt in der Welt der Bücher eine Unterart, die sich hartnäckig in unseren Alltag schleicht. Harmlos im Format, aber mit erstaunlicher Sprengkraft. Eine Spezies, die sich durch Verniedlichung tarnt, uns trotzdem regelmässig in Rage bringen kann: das ...
Susanne Hörth
Es gibt in der Welt der Bücher eine Unterart, die sich hartnäckig in unseren Alltag schleicht. Harmlos im Format, aber mit erstaunlicher Sprengkraft. Eine Spezies, die sich durch Verniedlichung tarnt, uns trotzdem regelmässig in Rage bringen kann: das Büechli.
Beginnen wir mit dem Milchbüechli. Ein Heftchen, das so tut, als sei es nur für harmlose Rechnungen zuständig. «Das ist doch eine einfache Milchbüechli-Rechnung», sagt man gern. Was so viel bedeutet wie: Wenn du das nicht verstehst, bist du selbst schuld. Das Milchbüechli ist also weniger ein Rechenheft als vielmehr ein Taschenrechner mit moralischem Zeigefinger.
Deutlich stressiger wird es mit dem Aufgabenbüechli. Ich erinnere mich lebhaft an jene Jahre, in denen es in den Schulsäcken meiner Kinder ein Dasein zwischen zerknitterten Znünisäcklis und aus dem Etui ausgebrochenen Farbstiften fristete. Sein bevorzugter Lebensraum war der Boden des Schulsackes. Sein natürlicher Feind: die Mutter. Spätestens wenn die Lehrerin freundlich, aber bestimmt nach dem Aufgabenbüechli, vielmehr den darin aufgeführten und nicht erledigten Dingen fragte, begann der häusliche Ausnahmezustand. Das Büechli selbst blieb dabei stets unschuldig – es war ja nur ein Büechli. Hingegen genervt war der Sohn, die Mutter umso besorgter.
Ja und dann das Tagebüechli. Es ist die Bühne für die grossen Gefühle der Pubertät: die schönsten Ereignisse, die schlimmsten Ungerechtigkeiten, die geheimsten Wünsche. Umrahmt von Blümchen, Herzchen und gelegentlichen Fratzen. Ein Ort, an dem man sich sicher fühlt – bis man Jahre später darin blättert und sich fragt, wie man jemals so viel Drama in so wenig Platz unterbringen konnte.
Und dann wurde ich kürzlich gefragt: «Hast du ein Passwortbüechli?» Selbst wenn ich eines hätte – ich würde es nie zugeben. Denn das Passwortbüechli ist das Einhorn unter den Büechli: Alle reden darüber, niemand hat es, und wenn doch, dann wird es streng geheim gehalten. Schliesslich wäre es das einzige Büechli, das wirklich Macht hätte. Und das wissen wir alle: Macht gehört nicht in ein Büechli, sondern in … ja, wohin eigentlich?