mitgehört(h): Schmetterling versus Uhu
20.10.2026 KolumneSusanne Hörth
Je nach Jahreszeit schneide ich aus blickdichter, selbsthaftender Folie unterschiedliche Motive aus, die ich dann an einigen Fenstern in unserem Haus anbringe. Gerade sind es Schmetterlinge. Die neuen Eulen-Folien warten bereits. Doch ich habe Hemmungen, sie ...
Susanne Hörth
Je nach Jahreszeit schneide ich aus blickdichter, selbsthaftender Folie unterschiedliche Motive aus, die ich dann an einigen Fenstern in unserem Haus anbringe. Gerade sind es Schmetterlinge. Die neuen Eulen-Folien warten bereits. Doch ich habe Hemmungen, sie anzubringen. Nicht, weil mir diese Dekoration peinlich sein könnte. Hat sie doch einen guten Grund. Sie verhindert, dass die Vögel draussen im Anflug auf die Futterstelle die Scheiben nicht wahrnehmen und dagegen fliegen. Seit ich die Motive auf die Scheiben «klebe», gab es keine solche für die gefiederten Freunde gefährlichen Kollisionen mehr.
Der Grund meines Zögern liegt woanders. Als ich vor einem Jahr eine Waldlandschaft mit Eulen-Familie auf den Fenstern anbrachte, klingelte es kurz darauf an der Türe. Weiss der Gugger warum, aber die Uhus suggerierten anscheinend gleich zwei Müttern, dass sich hier bei uns eine Kita befindet. Sie fragten mit einer Mischung aus Hoffnung und leichter Erschöpfung, ob wohl noch ein oder zwei Kita-Plätze frei wären.
Ich verneinte, erklärte, dass es bei uns im Haus keine Spielgruppe und auch kein betreutes Basteln gebe. Die Eulen aus Fensterfolie hätten ausschliesslich den Auftrag, Amseln, Meisen und Spatzen vor einem frontalen Missverständnis zu bewahren. Die Mütter nahmen es tapfer, wenn auch sichtlich enttäuscht entgegen.
Seitdem weiss ich: Dekoration ist niemals harmlos. Ein Schmetterling sagt Frühling. Ein Stern sagt Advent. Ein Kürbis sagt Halloween. Aber eine Eulenfamilie sagt offenbar: «Hier werden Kleinkinder betreut.» Vielleicht liegt es am pädagogischen Ruf der Eule. Sie steht stellvertretend für Weisheit, Geduld und eben halt auch Waldpädagogik. Dabei wollte ich mit ein paar selbsthaftenden Folienstücken doch nur Vogelschutz betreiben, dies mit der Hoffnung, dass das Meiseli draussen den Unterschied zwischen Himmel und dem Küchenfenster erkennt.
Nun liegen also die neuen Eulen bereit. Zur Jahreszeit würden sie doch jetzt viel besser passen als die Schmetterlinge. Aber ich zögere. Ich könnte natürlich den Schriftzug hinzufügen: «Keine Kita. Nur Vogelschutz.» Doch das wirkt am Fenster etwas komisch. Ausserdem würde es die vorbeigehenden Leute nur zu Spekulationen einladen. Gibt es also doch eine Kita? Warum distanziert man sich so ausdrücklich davon?
Bis auf Weiteres bleiben deshalb die Schmetterlinge hängen. Sie sind unverfänglich, flatterhaft und organisatorisch unbelastet. Abgehängt werden sie spätestens dann, wenn jemand klingelt und Raupen zur Aufzucht abgeben möchte.
