Susanne Hörth
«Oh, häkelst du eine Toilettenrollen-Hülle?», fragt mich die Kollegin und schaut dabei auf die rosafarbene Wollarbeit in meinen Händen. Bevor ich antworten kann, setzt sie belustigt hinzu: «So ein Ding hatten meine Eltern immer hinten im ...
Susanne Hörth
«Oh, häkelst du eine Toilettenrollen-Hülle?», fragt mich die Kollegin und schaut dabei auf die rosafarbene Wollarbeit in meinen Händen. Bevor ich antworten kann, setzt sie belustigt hinzu: «So ein Ding hatten meine Eltern immer hinten im Auto. Für alle Fälle gerüstet.» Gespielt entrüstet erkläre ich, dass es sich bei meiner Häkelarbeit nicht um eine Notfallausrüstung aus Grossmutters Zeiten handelt, sondern um ein ziemlich ernst gemeintes Rettungsprojekt: Eine Bekannte möchte für ihr kleines, ständig frierendes Chihuahua-Mädchen ein Pullöverchen häkeln, ist aber irgendwo zwischen Halsbündchen und Wollgewirr steckengeblieben.
Das Stichwort Toilettenrollen-Hülle öffnet trotzdem in meinem Kopf ein ganzes Museum voller Kultgegenstände, Abteilung Auto, Sonderausstellung: «Was wir früher völlig normal fanden». Dazu gehören die gehäkelte Rolle auf der Hutablage, der Duftbaum am Rückspiegel, die Holzkugeln-Sitzbezüge, der Fuchsschwanz an der Antenne und natürlich der Star der bewegten Dekoration: der Wackeldackel.
Erst kürzlich habe ich wieder einen solchen gesehen. Beim Warten an der Ampel thronte er auf der Ablage eines Autos vor mir und nickte freundlich in meine Richtung. Ich musste grinsen. In Erinnerung daran häkle ich weiter an dem rosa Ding in meinen Händen. Falls das Hunde-Pullöverchen zu gross wird, passt es vielleicht doch über eine Toilettenrolle. Und falls jemand fragt, nenne ich es einfach: Haute Couture für die Hutablage.