Susanne Hörth
Vor mir fährt ein Auto mit Pferdeanhänger über die Kaistenbergstrasse. Das weisse Pferd im Anhänger blickt immer wieder in meine Richtung. «Hallo, Du schönes Pferd», sage ich. Was es wohl zu sagen hat? Vielleicht das:
Da stehe ...
Susanne Hörth
Vor mir fährt ein Auto mit Pferdeanhänger über die Kaistenbergstrasse. Das weisse Pferd im Anhänger blickt immer wieder in meine Richtung. «Hallo, Du schönes Pferd», sage ich. Was es wohl zu sagen hat? Vielleicht das:
Da stehe ich also in meinem Anhänger, auf dem Weg zu … nun ja, irgendwohin. Ich wurde ja nicht gefragt, ich wurde einfach eingeladen. Und kaum rollen wir los, sehe ich durch die grosse Öffnung hinten eine Kolonne von Autos.
Ganz vorne Du. Du schaust mich an, ich schaue Dich an. Ich nicke. Wahrscheinlich bist Du jetzt überzeugt: «Oh, wie freundlich das Pferd ist! Es grüsst mich! Es versteht mich!»
Nein. Ich überprüfe nur, ob Du und all die hinter Dir fahrenden Autos noch da seid. Je mehr es werden, desto mehr triumphiere ich: Heute bestimme ich das Tempo.
Meine Fahrerin fährt vorsichtig. Das schätze ich sehr. Insbesondere in den Kurven. Hinter uns höre ich förmlich eure Gedanken: «Überhol doch endlich!», «Hey, ich muss arbeiten!», «Ich habe keine Zeit!»
Ach, ihr Menschen. Ihr habt nie Zeit. Ihr rennt und hetzt – und dann wundert ihr euch, warum ihr gestresst seid.
Als Du abbiegst, nicke ich noch einmal. Dieses Mal sehr bewusst. Ich freue mich, dass ich eine ganze Autoschlange hinter mir für ein paar Augenblicke um ein einziges PS entschleunigt habe.